Fachkräftemangel wegen schlechter Bezahlung : Fehlen bald auch Physiotherapeuten?

Es ist wie bei Pflegekräften. Sie verdienen miserabel, werden aber dringend benötigt. Nun droht auch bei Physiotherapeuten ein Fachkräftemangel.

Schlecht bezahlt: Der Physiotherapie droht ein Fachkräftemangel.
Schlecht bezahlt: Der Physiotherapie droht ein Fachkräftemangel.Foto: Dieter Kroll/dpa-tmn

Die Bundesagentur für Arbeit hat nun auch Physiotherapeuten auf ihre Liste von Berufen mit Fachkräftemangel gesetzt. Nach den Gründen braucht man nicht lange zu suchen. Physiotherapeuten verdienen beschämend wenig, wie die Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei belegt. Sie kamen 2017 im Schnitt auf nicht mal 2300 Euro brutto im Monat. Und für Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen sieht es nicht besser aus.

"Es ist eine Schande"

Laut Regierungsantwort, die sich auf die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur bezieht und dem Tagesspiegel vorliegt, erreichten Physiotherapeuten im vergangenen Jahr ein Durchschnittseinkommen von grade mal 2272 Euro brutto. Ergotherapeuten gingen im Schnitt mit 2474 Euro nach Hause, Sprachtherapeuten mit 2299 Euro. Am untersten Ende stehen die Fachkräfte für Fußpflege: Sie kamen nur auf 1746 Euro.

„Es ist eine Schande, dass gut ausgebildete Fachkräfte, die ihre eigene Ausbildung über Schulgeld mitfinanziert haben, immer noch so wenig verdienen, dass sie keine armutsfeste Alterssicherung aufbauen können“, sagte der Linken-Abgeordnete Achim Kessler dem Tagesspiegel. Die Einkommenssituation für ambulant tätige Heilmittelerbringer sei trotz Steigerungen in den vergangenen Jahren „katastrophal“. Zudem gebe es zwischen Ost und West massive Gehaltsunterschiede.

Großes Einkommensgefälle zwischen Krankenhaus und Therapeutenpraxis

Tatsächlich liegt das Vollzeit-Brutto der rund 178.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Heilmittel-Therapeuten um fast 1000 Euro unter dem, was die Gesamtheit der Beschäftigten im Schnitt verdient. Zwischen Heilmittelerbringern in Sachsen und in Hamburg klafft, um nur mal die Extreme zu nehmen, eine Einkommensdifferenz von 622 Euro. Und zwischen Kliniken und Praxen besteht ein noch stärkeres Einkommensgefälle. Im Krankenhaus erhalten Heilmittelerbringer mit durchschnittlich 3059 Euro pro Monat rund einen Tausender mehr.

Dabei werden die Fachkräfte auch und gerade in der Fläche gebraucht. Für Physiotherapeuten und Podologen liegt die Arbeitslosenquote laut Regierung derzeit bei 0,9 Prozent, für Logopäden betrage sie 1,1 Prozent. Das deute auf Fachkräftemangel hin, heißt es in der Regierungsantwort. "Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft und der damit verbundenen Veränderungen bei den Krankheitsbildern wird die Versorgung mit Heilmitteln immer wichtiger", heißt es in der Antwort auf die Linken-Anfrage.

Auch Unionspolitiker fordert Sofortprogramm

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse auf die Warnsignale reagieren, drängt Kessler „damit nicht schon in Kürze dieselbe Situation eintritt wie in der Pflege“. Hilfreich wäre es, empfiehlt er, die Gehälter nicht nur für die Jahre 2017 bis 2019, sondern erst mal ganz unbefristet von der Grundlohnsumme abzukoppeln. "Damit die miesen Gehälter dieser Fachkräfte ein akzeptables Niveau erreichen, müssen die derzeitigen Steigerungen noch einige Jahre anhalten." Und noch besser wäre es aus der Sicht des Linken-Politikers, gleich feste Quoten für Honorarsteigerungen vorzugeben.

Auch in der Unionsfraktion drängen manche auf Hilfsmaßnahmen. CDU-Mann Roy Kühne etwa, selber ausgebildeter Physiotherapeut, fordert einen sofortigen Gehaltsaufschlag von 28 Prozent, um „ein Abwandern der Therapeuten in die stationäre Versorgung zu verhindern“. Das entspräche rund 1,8 Milliarden Euro. Zwar bringe das Heil- und Hilfsmittelversorgungs-Stärkungsgesetz für 2017 bis 2019 bereits einen Vergütungsschub von bis zu 32 Prozent. Doch dieses Plus könne „20 Jahre unterproportionaler Honorarentwicklung nicht kompensieren“.

Ministerium tritt auf die Bremse

Im Ministerium gehen sie bei solchen Forderungen auf die Bremse. In einem BMG-Papier, das für die Arbeitsgruppe Gesundheit der Unionsfraktion erstellt wurde und aus dem die "Ärztezeitung" zitiert, heißt es, dass man angesichts des "deutlichen Anstiegs der GKV-Ausgaben für diesen Leistungsbereich" keinen Anlass für ein Sofortprogramm sehe. Auch eine signifikante Abwanderung von Therapeuten in Kliniken sei nicht zu beobachten.

Doch immerhin: Mitte September will Minister Spahn die Therapeutenverbände zum Krisengespräch treffen.

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