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Fall Khashoggi : Der Widerstand gegen Kronprinz Mohammed wächst

Offenbar treffen mehrere Mitglieder des Hauses al-Saud Vorbereitungen, um Mohammed als König zu verhindern. Salmans Bruder Ahmed könnte den Thron übernehmen.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman nimmt an der Investorenkonferenz teil.
Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman nimmt an der Investorenkonferenz teil.Foto: -/SPA/dpa

Inmitten des Aufruhrs über die Ermordung des regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi wächst im saudischen Königshaus offenbar der Widerstand gegen Kronprinz Mohammed bin Salman. Mehrere Mitglieder des Hauses Al-Saud träfen Vorbereitungen, um zu verhindern, dass Bin Salman König werde, sagten drei Insider aus dem Umfeld des Königshauses der Nachrichtenagentur Reuters.

Dutzende Prinzen und Cousins aus mächtigen Zweigen der Familie Al-Saud seien für eine Änderung der Thronfolge. Sie würden aber nicht handeln, solange König Salman - der 82 Jahre alte Vater des Kronprinzen - noch am Leben sei. Ihnen sei klar, dass Salman sich kaum gegen seinen Lieblingssohn stellen werde.

Stattdessen berieten sie mit anderen Familienmitgliedern über die Möglichkeit, dass nach dem Tod des Königs dessen jüngerer Bruder, Prinz Ahmed bin Abdulasis, den Thron übernehmen könne. Der 76-Jährige war fast 40 Jahre lang stellvertretender Innenminister und ist Salmans einziger überlebender Vollbruder. Er hätte die Unterstützung der Familie, des Sicherheitsapparates und einiger westlicher Länder, sagte ein saudischer Insider.

Prinz Ahmed könnte den Thron übernehmen

Prinz Ahmed war im Oktober nach einem zweieinhalbmonatigen Auslandsaufenthalt nach Riad zurückgekehrt. Während seiner Reise schien er die saudische Führung zu kritisieren, als er in London auf Demonstranten einging, die den Sturz des Hauses Al-Saud forderten. Prinz Ahmed sei zudem eines von nur drei Mitgliedern des Familienrates gewesen, die 2017 die Ernennung Bin Salmans zum Kronprinzen ablehnten, berichteten zwei Insider damals. Weder von Prinz Ahmed noch von der Führung in Riad war zunächst eine Stellungnahme zu erhalten.

Hochrangige US-Vertreter hätten in den vergangenen Wochen angedeutet, dass sie Prinz Ahmed als potenziellen Nachfolger Salmans unterstützen würden, sagten saudische Insider. Sie zeigten sich zugleich zuversichtlich, dass Prinz Ahmed keine der sozialen oder wirtschaftlichen Reformen Bin Salmans rückgängig machen und bestehende Rüstungsverträge einhalten würde. Der Kronprinz hat sich mit Reformen wie dem Ende des Fahrverbotes für Frauen und der Zulassung von Kinos in dem konservativen Land Popularität verschafft. Zugleich ging er jedoch hart gegen Oppositionelle und Gegner in der eigenen Familie vor und trieb den teuren Krieg im Jemen voran. Das Haus Al-Saud gilt daher insgesamt als geschwächt.

Präsident Trump hat Bericht bis zum Dienstag angekündigt

Die „Washington Post“ hatte unter Berufung auf mehrere Quellen berichtet, die CIA sehe Mohammed bin Salman als Drahtzieher hinter dem gewaltsamen Tod Khashoggis Anfang Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul. Das Außenministerium in Washington stellte aber klar, es sei noch keine abschließende Bewertung getroffen worden. Präsident Donald Trump hatte einen „umfassenden Bericht“ zu der Ermordung angekündigt, der bis zu diesem Dienstag vorliegen soll.

Die saudische Staatsanwaltschaft weist den US-Vorwurf zurück. Ähnlich äußerte sich der saudische Außenminister: „Wir im Königreich wissen, dass solche Behauptungen gegen den Kronprinzen völlig falsch sind“, sagte Adel al-Dschubair der von Saudi-Arabien finanzierten Tageszeitung „Al-Sharq al-Awsat“, wie das Blatt am Montagabend meldete.

Zugleich warnte Al-Dschubair, sein Land werde keine Anschuldigungen gegen die Führung in Riad dulden. König Salman und der Thronfolger seien eine „rote Linie“, erklärte Al-Dschubair. „Wir werden keine Versuche zulassen, sie anzutasten, von wem auch immer und unter welchem Vorwand auch immer.“ Bei den Vorwürfen handele es sich um Medienberichte, Offizielles aus den USA gebe es dazu nicht.

Die saudische Darstellung der Ereignisse im Istanbuler Konsulat hat sich mehrfach geändert. Zunächst leugnete Riad den Tod Khashoggis und räumte dessen Ermordung erst nach massivem internationalem Druck ein. Die saudische Staatsanwaltschaft beschuldigt mittlerweile hochrangige Regierungsmitarbeiter, eigenmächtig ein 15-köpfiges Spezialteam zur Ausführung der Tat geschickt zu haben. Riads Generalstaatsanwalt forderte zuletzt für fünf Beteiligte die Todesstrafe.

In dem Interview gab Al-Dschubair die Schuld für die wechselnden Darstellung dem Team, das die Tat ausgeführt habe. Dieses habe zunächst einen „irreführenden und wahrheitswidrigen“ Bericht vorgelegt, aufgrund dessen Saudi-Arabien die Ermordung dementiert habe. Als jedoch Widersprüche aufgetaucht seien, habe König Salman eine Untersuchung angeordnet, sagte der Außenminister.

Die USA hatten in dem Fall in der vergangenen Woche Sanktionen gegen 17 ehemalige saudische Regierungsmitarbeiter verhängt, weil diese an der Tötung Khashoggis beteiligt gewesen sein sollen. Mit Saud al-Kahtani machen sie auch einen engsten Vertrauten des Kronprinzen für die Planung der Tat verantwortlich. Deutschland erließ Einreiseverbote für 18 saudische Tatverdächtige. Al-Dschubair betonte hingegen, die Sanktionen der USA seien gegen einzelne Personen verhängt worden, nicht gegen die Regierung und die Wirtschaft Saudi-Arabiens.

Insider: Entscheidend ist die Haltung der USA

Das Verhältnis einiger US-Vertreter zu Bin Salman sei zuletzt nicht nur wegen dessen mutmaßlicher Rolle bei der Ermordung Khashoggis abgekühlt, sagten die Insider. Die USA seien auch verärgert, weil Bin Salman das Verteidigungsministerium in Riad angewiesen habe, Rüstungslieferungen aus Russland als Alternative zu Geschäften mit den USA zu prüfen. Auch hierzu war weder aus Russland noch aus Riad zunächst eine Stellungnahme zu erhalten.

Ein entscheidender Faktor für die weitere Entwicklung Saudi-Arabiens werde sein, welche Haltung die USA einnähmen, sagten saudische Insider. US-Präsident Donald Trump und sein Schwiegersohn und Berater Jared Kushner haben eine enge persönliche Beziehung zum Kronprinzen aufgebaut. Bin Salman habe das Gefühl, dass er immer noch auf ihre Unterstützung zählen könne, erklärte ein saudischer Insider. König Salman selbst wiederum scheine die Hinweise auf eine Verwicklung des Kronprinzen in die Ermordung Kashoggis nicht sehen zu wollen. Er vermute eine Verschwörung gegen das Königreich, wirke aber besorgt und niedergeschlagen.

Zum Haus Al-Saud zählen Hunderte Prinzen. Im Gegensatz zu traditionellen europäischen Monarchien geht der Königstitel hier aber nicht automatisch vom Vater auf den ältesten Sohn über. Stattdessen schreiben die Stammestraditionen vor, dass der König und hochrangige Mitglieder jedes Familienzweiges denjenigen als Nachfolger auswählen, der ihnen am besten geeignet erscheint. Stirbt der König oder kann er die Herrschaft nicht länger ausüben, würde der 34-köpfige Familienrat, in dem alle Zweige des Königshauses vertreten sind, nicht automatisch Bin Salman zu seinem Nachfolger erklären. Obwohl dieser Kronprinz sei, müsse der Rat seinen Aufstieg noch absegnen, sagte ein Insider. (Reuters, dpa)

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