Politik : Faule Ausreden statt verlässlicher Zusagen

UN-Ökonom Sachs erinnert an Versprechen der G-8-Staaten für Afrika / „Passiert ist gar nichts“

Harald Schumann

Berlin - Die G-8-Staaten halten ihre Versprechen gegenüber den Armutsländern Afrikas nicht und seien daher nicht glaubwürdig für die dortigen Regierungen. Diesen Vorwurf erhob der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs anlässlich eines Vortrags bei der Humboldt-Viadrina School of Governance am Donnerstagabend in Berlin.

Schon vor drei Jahren habe die G-8- Runde im britischen Gleneagels zugesagt, die Hilfszahlungen für Afrika bis 2010 zu verdoppeln, „aber passiert ist nichts“, beklagte Sachs. „Wo sind die genauen Zeitpläne, welches Land in welchem Jahr mit wie viel Geld rechnen kann?“, fragte der Wirtschaftswissenschaftler und forderte die G-8-Regierungen auf, beim kommenden Gipfeltreffen in Heiligendamm „endlich Zahlen auf den Tisch zu legen“. Nur so könnten die Regierungen vor Ort konkrete Pläne zur Überwindung der Massenarmut entwickeln. Andernfalls sei die Forderung an die Afrikaner, ihre Staaten ordentlich zu regieren, „ohne Substanz“.

Wer bei anderen auf „good governance“ dränge, solle „wenigstens seine eigenen Zusagen ordentlich umsetzen“, erklärte Sachs, der als einer der führenden Entwicklungsökonomen gilt und das Millenniumprojekt der Vereinten Nationen leitet. Das Wissenschaftlergremium erarbeitete einen Plan zu Umsetzung der im Jahr 2000 feierlich erklärten Millenniumziele. Damals versprachen die UN-Staaten unter anderem, bis 2015 die Zahl der Hungernden zu halbieren, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel zu mindern und allen Kindern der Welt eine Grundschulausbildung zu ermöglichen.

Den Einwand vieler Politiker, mit Geld allein ließe sich wegen der korrupten Regierungen in vielen Staaten die Armut nicht bekämpfen, bezeichnete Sachs als „faule Ausrede“. Es gebe genügend seriöse Partner in Afrika, mit denen durch „simple praktische Projekte“ große Erfolge erzielt werden könnten. Zum Beleg verwies er auf die von ihm initiierten 79 „Millenniumdörfer“ in zehn afrikanischen Staaten, wo mit Spendengeld Wasseraufbereitungsanlagen, Moskitonetze, Saatgut und Düngemittel zur Verfügung gestellt werden. So sei es in Malawi mit nur einer Million Dollar gelungen, 30 000 Familien erstmals zu einem Einkommen zu verhelfen, weil die Ernteerträge sich verfünffacht hätten und die Überschüsse nun verkauft werden könnten. Gleichzeitig würden deutlich mehr Kinder zur Schule gehen: „Sie haben zu essen, jetzt wollen sie lernen.“ Nach fünf Jahren sollen die Modelldörfer wirtschaftlich unabhängig sein. Für den Ausbau von Gesundheits- und Bildungseinrichtungen würden dagegen noch Hilfszahlungen „für viele Jahre“ benötigt.

Es gehe „wirklich nicht um viel Geld“, sagte Sachs und nannte als Beispiel die Malariabekämpfung. Mit nur 1,5 Milliarden Dollar könnten „alle Betten in Afrika“ für fünf Jahre mit imprägnierten Netzen ausgestattet werden, sagte Sachs. Das seien lediglich die Verteidigungsausgaben eines Tages in den USA . „Gebt dem Pentagon einen Tag Ferien und wir senken den Malariabefall um mindestens zwei Drittel“, erklärte der streitbare Ökonom unter Beifall des Publikums. Den Einwand, zu viele Hilfsgelder seien schon in dunklen Kanälen verschwunden, mochte er nicht gelten lassen. Man müsse den Bedürftigen nur selbst das Recht zur Überwachung der Verteilung geben, eine bessere Kontrolle gebe es nicht.

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