Feinstaub und Tempolimits : Das Problem mit den Grenzwerten

Jetzt wird um die Richtigkeit von Mikrogramm - gestritten und km/h-Vorgaben, als seien die entscheidend für die entscheidenden Fragen. Eine Glosse.

Oh Gott! Ein Tempolimit-Schild wird montiert. Manchen macht allein der Gedanke wütend.
Oh Gott! Ein Tempolimit-Schild wird montiert. Manchen macht allein der Gedanke wütend.Foto: dpa

Das Problem mit Grenzwerten ist fast immer, dass im direkten Umfeld des Grenzwerts erhöhter Willkürverdacht herrscht. Das ist in der Festlegung von Tempo- und Stickoxidlimits nicht anders als bei Urlaubshöchstkosten oder Zu-Bett-Geh- Zeiten für Kinder.

Warum darf man hier nur Tempo 130 fahren, warum darf die Feinstaubbelastung nicht über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen, warum darf der Urlaub 900 Euro kosten und nicht 1000 Euro, warum müssen Jana-Sophie und Maximilian um 20 Uhr ins Bett und nicht um 20.30 Uhr? Im Prinzip ist die Antwort die selbe: Weil jemand es so festlegt. In der Regel auf Basis von nachvollziehbaren Annahmen, Überlegungen und Schlussfolgerungen, meist auch in Rücksprache. Selten auf Basis der entdeckten einzig wahren Wahrheit. Und so kann man natürlich an allen Grenzwerten sehr lange herumzerren und Belege für ihre Richtigkeit verlangen – und eventuell erreicht man graduelle Veränderungen.

Man kann um Zahlen streiten oder das große Ganze sehen

Dann gehen Jana-Sophie und Maximilian um 20.15 Uhr ins Bett, aber ins Bett gehen sie. Dann kostet der Urlaub 950 Euro, aber das 4-Sterne-Resort ist es trotzdem nicht. Dann darf man so schnell fahren, wie man will, kommt trotzdem nicht viel schneller ans Ziel, und vielleicht darf man bald legalerweise 60 Mikrogramm Feinstaub im Kubikmeter Luft haben – aber gesundheitsschädlich ist auch weniger schon gewesen.

Und so können sich jetzt vielleicht sehr viele Menschen über verdammungswürdige Richtwertdebatten im Großbereich Autoverkehr aufregen, von denen sie sich zu Unrecht gegängelt und eingeschränkt fühlen, aber viel gescheiter als Jana-Sophie und Maximilian, die unbedingt – und ohne mit der Zeit etwas sinnvolles vorzuhaben – länger wach bleiben wollen, sehen sie dabei nicht aus.

Tempolimits auf den restlichen nicht reglementierten deutschen Autobahnkilometern halten den globalen Klimawandel nicht auf? Stimmt. Aber sie sind ein Steinchen im Großmosaik von Maßnahmen. Es ist immer und zu jeder Zeit klimafreundlicher, langsamer zu fahren als schneller. Feinstaubwerte sind nicht letztgültig durch unwiderlegbare Studien gestützt? Kann sein, aber was soll daraus folgen? Keine Grenzwerte nennen, bis ein Wissenschaftlerteam, auf dessen Kompetenz sich alle geeinigt haben, eine Zahl genannt hat? Oder zur Kenntnis nehmen, dass Feinstaub in jeder Konzentration eine Belastung für die Gesundheit ist – und weniger immer besser ist als mehr?

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