Finanzwissen der Deutschen : Keine Ahnung von Miete, Steuer, Versicherung

Das Finanzwissen der Deutschen ist mau – Experten sehen die Schulen in der Pflicht, aber auch Arbeitgeber könnten etwas tun.

Mehr Lebensnähe. Im Mathematikunterricht ließe sich gut Wissen vermitteln, das Schüler im Alltag wirklich brauchen.
Mehr Lebensnähe. Im Mathematikunterricht ließe sich gut Wissen vermitteln, das Schüler im Alltag wirklich brauchen.Foto: dpa

Es waren nur knapp 140 Zeichen, aber sie lösten 2015 eine hitzige politische Debatte über Bildung aus. Genauer gesagt: über Finanzbildung. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Miete, Steuern oder Versicherungen“, hatte die Abiturientin Naina Kümmel damals auf Twitter geschrieben. „Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Eine schwarze Mütze über den braunen Haaren, ein fragender Ausdruck im Gesicht: So war Naina damals zum Symbol geworden für eine Generation von Schülern, die zwar alles lernt, aber mit Alltagsfragen überfordert ist.

Glaubt man einer neuen Studie der Bank ING-DiBA ist die Situation noch immer düster. Die Hälfte der Deutschen habe in einer Umfrage angegeben, keinerlei Finanzbildung erhalten zu haben. Als „finanzielle Analphabeten“ bezeichnen die Autoren der Studie die Deutschen sogar. Im europäischen Vergleich ist Deutschland damit fast Schlusslicht: Nur Großbritannien schneidet noch schlechter ab – dort sagten 56 Prozent, sie hätten niemals Finanzbildung erhalten.

"Es hat sich kaum etwas getan"

Und obwohl die meisten Deutschen der Meinung sind, dass Finanzbildung am ehesten in der Schule vermittelt werden sollte, hat sich die Situation dort offenbar nicht verbessert. Unter den 18- bis 24-Jährigen gab es in den vergangenen vier Jahren einen leichten Anstieg derer, die sagten, sie hätten überhaupt keine Finanzbildung genossen. Und nur 18,5 Prozent gaben an, man hätte ihnen solches Finanzwissen in der Schule vermittelt – 2013 waren es noch 31 Prozent.

Das Thema ist hochpolitisch. Hermann-Josef Tenhagen, der Chefredakteur des gemeinnützigen Verbraucherportals „Finanztip“, redete sich bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch regelrecht in Rage. „2009 nach der Finanzkrise sollte alles besser werden. Doch es hat sich kaum etwas getan“, kritisierte er. Er sieht die Kultusminister in der Pflicht – diese kümmerten sich zu wenig um Finanzbildung in der Schule.

Dabei sind es aus der Sicht von Tenhagen scheinbar simpelste Dinge, die die Schulen vermitteln müssten: Wie funktioniert ein Girokonto?  Wozu braucht man eine Haftpflichtversicherung? Habe ich einen Anspruch auf betriebliche Altersvorsorge und vermögenswirksame Leistungen? Wie funktioniert ein Mietvertrag? Was ist der Unterschied zwischen Prepaid und einem Handyvertrag? Was macht eigentlich die Schufa? Die Liste ließe sich lange fortführen.

Auch Vera Fricke, die Leiterin der Stabsstelle Verbraucherbildung beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, sieht große Defizite bei der Finanzbildung. „Die Alltagskompetenzen fehlen“, sagt sie. Sie rät allerdings dazu, die Studie kritisch zu sehen. Schließlich seien ja nicht die einzelnen Kompetenzen abgefragt worden, sondern das Vorhandensein von Finanzbildung überhaupt. „Und darunter versteht nicht jeder dasselbe“, sagt sie. „Die Studie kann daher nur ein Indiz sein.“

Finanzwissen soll fächerübergreifend vermittelt werden

Tatsächlich wurde bereits etwas getan. 2013 hatten die Kultusminister der Länder beschlossen, Verbraucherbildung an Schulen zu stärken und besser in den Unterricht zu integrieren. In NRW gibt es jetzt eine „Rahmenvorgabe Verbraucherbildung in der Schule“. In Baden-Württemberg eine „Leitperspektive“ dazu. Und auch in Berlin wurde ein „Orientierungs- und Handlungsrahmen“ für Lehrer zur Verbraucherbildung erarbeitet. Das Problem ist aber aus der Sicht von Fricke, dass die Lehrer dieses Wissen jetzt vermitteln müssten.

Nicht immer gibt es ein Fach, in dem das Thema natürlicherweise angesiedelt wäre. An Berlins integrierten Sekundarschulen existiert zum Beispiel das Fach „Wirtschaft Arbeit Technik“, an den Gymnasien aber nicht. Die Lehrer müssen dann sehen, wo sie die Inhalte unterbringen – sie sollen fächerübergreifend vermittelt werden. Finanzexperte Tenhagen sieht beispielsweise Chancen im Mathematikunterricht. Hier könne man den Schülern einen Realitätsbezug vermitteln, indem man ihnen nicht nur Zinsrechnung beibringe, sondern ihnen auch sage, wo sie das im Alltag gebrauchen können – zum Beispiel um auszurechnen, ob ein Kredit günstig oder teuer ist oder ob sich der Kauf einer Immobilie rechnet.

Lockerung des Kooperationsverbots?

Ein weiteres Problem ist laut Tenhagen aber, dass es an Fort- und Weiterbildungen für Lehrer mangelt – und die wären nötig. „Sogar viele Lehrer haben diese Alltagskompetenzen im Finanzbereich nicht. An der Uni spielen sie kaum eine Rolle“, sagt Tenhagen.

Zudem ist das Arbeitspensum der Lehrer bereits hoch. „Den Lehrern fehlt die Zeit, die Materialien zu sichten, die es zur Finanzbildung gibt, oder selbst Arbeitsblätter zu entwickeln“, sagt Fricke. Angebote von Finanzdienstleistern seien oft interessengeleitet und werbend – manchmal prange sogar das Logo einer Bank auf den Arbeitsblättern. Die Verbraucherzentrale hat deshalb einen Materialkompass entwickelt, der die Angebote sammelt und bewertet, wie unabhängig und seriös sie sind. Doch das Projekt werde vom Bundesjustizministerium nicht weiter gefördert, so Fricke.

Sie fordert, das sogenannte Kooperationverbot zu lockern, das es dem Bund verbietet, sich in die Schulpolitik der Länder einzumischen, etwa durch die Finanzierung von Bildungsangeboten. Eine Lockerung des Verbots war auch bereits im Wahlkampf diskutiert worden. Dann könnten laut Fricke vom Bund Bildungsangebote entwickelt werden, die den Lehrern in allen Bundesländern zur Verfügung gestellt würden.

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Finanzbildung muss aber nicht unbedingt nur in der Schule vermittelt werden. Viele der so betitelten „finanziellen Angebote“ seien ja bereits erwachsen, sagt Tenhagen. „Jede Kommune würde zum Beispiel gut daran tun, sich eine Schuldnerberatung zuzulegen.“ Eine Studie im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment ergab außerdem, dass viele Deutsche auch die Arbeitgeber in der Pflicht sehen, ihre Angestellten zu bilden – zum Beispiel in Bezug auf die Altersvorsorge.

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