Flüchtlinge in Idlib wollen nach Europa : Türkei schickt neue Truppen nach Syrien

Im Kampf um Idlib könnte das türkisch-russische Bündnis nun zerbrechen. Im Grenzgebiet suchen mehrere Hunderttausend Menschen Schutz.

Türkischer Militärkonvoi fährt am Sonntag mit Panzern und Truppentransportern durch die syrische Provinz Idlib.
Türkischer Militärkonvoi fährt am Sonntag mit Panzern und Truppentransportern durch die syrische Provinz Idlib.Foto: Aaref Watad/AFP

Mehrere hundert Flüchtlinge haben sich am Sonntag an der Grenze der syrischen Provinz zur Türkei versammelt. „Wir werden Idlib verlassen, wir gehen zur türkischen Grenze und weiter nach Europa“, erklärte einer der Organisatoren der Kundgebung.

Bis zum Nachmittag gab es jedoch keine Hinweise auf Versuche der Flüchtlinge, die geschlossene Grenze zur Türkei zu überwinden.

Im Grenzgebiet suchen mehrere Hunderttausend Menschen Schutz vor den Kämpfen in Idlib. Die syrische Armee ist in der von dschihadistischen Gruppen beherrschten Gegend auf dem Vormarsch. Die türkische Armee, die einige Rebellengruppen unterstützt, schickte am Sonntag mehrere Konvois mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen nach Idlib hinein.

„Von Idlib nach Berlin“

Auf Fotos und Videos von der Kundgebung waren Demonstranten an der türkischen Grenzmauer zu sehen. Einige von ihnen trugen ein Transparent mit der Aufschrift „Von Idlib nach Berlin“. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage sei, die Menschen vor den syrischen Regierungstruppen und ihrem Verbündeten Russland zu schützen, „dann haben wir das Recht auf ein Leben für uns und unsere Kinder außerhalb der Mauern des Gefängnisses, in das ihr uns gesteckt habt“, erklärte Abd Ulrazak Awad, Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der zu dem Treffen an der Grenze aufgerufen hatte.

In Idlib leben Flüchtlinge aus allen Landesteilen, die vor den Truppen von Präsident Baschar al Assad geflohen waren. Assad will mit der Einnahme Idlibs seinen militärischen Sieg nach fast neun Jahren Krieg perfekt machen. Syrische Truppen und russische Kampfjets vertreiben viele Flüchtlinge mit der gezielten Bombardierung ziviler Einrichtungen. Am Sonntag kamen bei neuen Bombardements in Idlib neun Menschen ums Leben, wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte.

Mit welchem Ziel die Regierung in Ankara am Sonntag die Militärkonvois aus mehr als hundert Fahrzeugen nach Idlib schickte, blieb zunächst unklar. Bilder des türkischen Staatssenders TRT zeigten Kampfpanzer auf Tiefladern und gepanzerte Mannschaftswagen. Möglicherweise sollen die neuen Truppen die zwölf türkische Militärposten in Idlib schützen, die seit 2018 nach einer Vereinbarung mit Russland eingerichtet worden waren.

In Aleppo gab es mehrere Selbstmordanschläge

Die Posten wurden durch die eskalierenden Gefechte in den vergangenen Tagen teilweise von der syrischen Armee eingekreist. Selbst eine begrenzte Militäraktion der Türkei bringt das Risiko einer direkten Konfrontation mit der syrischen Armee in Idlib mit sich.

Islamistische Rebellen versuchten am Wochenende, mit mehreren Selbstmordanschlägen und neuen Angriffen in der Umgebung der Stadt Aleppo östlich von Idlib eine neue Front zu eröffnen. Bei den Kämpfen griffen russische Kampfflugzeuge nach Angaben der Beobachtungsstelle auch Ziele in einem von türkischen Truppen besetzten Gebiet an.

Die militärische Eskalation stellt die türkisch-russische Allianz in Syrien auf eine harte Probe. Beide Staaten hatten bisher trotz gegensätzlicher Interessen – Ankara strebt Sturz Assads an, der mit Moskau verbündet ist – miteinander kooperiert und hatten ihre Gegensätze ausgeklammert. In der Schlacht um Idlib könnte das türkisch-russische Bündnis nun zerbrechen.

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