Flüchtlingskrise auf Lesbos : Wo Europa schlimmer ist als Mossul

Ich habe Menschen in Flüchtlingslagern im Libanon, im Irak und auf der Insel Lesbos geholfen - und nirgends waren die Zustände so entsetzlich wie dort. Ein Gastbeitrag.

Monika Gattinger
Der Stacheldrahtzaun von Moria.
Der Stacheldrahtzaun von Moria.Foto: AFP

Als Psychologin war ich bereits mehrmals mit Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten unterwegs. In Sierra Leone habe ich nach dem Ebola-Ausbruch mit Überlebenden gearbeitet und mit Menschen, die nahe Angehörige durch das tödliche Virus verloren haben. Sie waren durch das, was sie erlebt haben, schwer belastet, konnten aber damit umgehen. Nachbarn und Familien waren für einander da. Sie haben Familienmitglieder, Freunde und häufig auch ihr Zuhause verloren, jedoch blieben ihre sozialen Strukturen weitgehend bestehen. Dadurch konnten sie mit ihrem eigenen Trauma umgehen.

Im Libanon behandelte ich Patienten und Patientinnen, die den Horror des syrischen Konflikts erlebt haben und diesem entflohen sind. Das Flüchtlingslager, in dem sie untergebracht waren, war sehr einfach ausgestattet. Es verfügte über nahezu keine Strom- und Wasserversorgung, aber es gab eine Struktur. Es sah nicht wie ein Gefängnis aus, und die Menschen konnten ihre Grundbedürfnisse stillen.

Die Situation in Mossul Anfang des Jahres 2017 war schrecklich. Bis dahin war es das Schlimmste, das ich je gesehen hatte. Die Menschen, die ich traf, waren auf der Flucht vor dem IS und den Kämpfen zur Rückeroberung der Stadt. Viele waren traumatisiert durch das, was sie gesehen und erlebt hatten. Als sie jedoch das Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen erreichten, fühlten sie sich sicher. Sie waren glücklich, überlebt zu haben und fürchteten nicht mehr um ihr Leben – sie sprachen also auf die psychologische Behandlung an.

Menschen brauchen in der Regel nicht viel, um sich zu normalisieren und Stabilität zu finden. Wenn sie Sicherheit verspüren und beginnen, sich selbst zu organisieren und aktiv zu sein, dann können sie sich auch mit ihrem Trauma auseinandersetzen. Dadurch wird eine Neugestaltung ihres Lebens möglich – selbst wenn sie in einem Flüchtlingslager leben. Die Basis dafür fehlt in dem griechischen Flüchtlingslager in Moria zur Gänze.

Stacheldraht und die ständige Angst vor Gewaltausbrüchen

Moria steht für Chaos. Im Jahr 2015 wurde der ehemalige Militärstützpunkt auf der griechischen Insel Lesbos angepasst, um 2.000 Menschen unterzubringen. Derzeit leben rund 7000 Personen im überfüllten und von Stacheldraht umgegebenen Flüchtlingslager. Die Zäune erinnern an ein Hochsicherheitsgefängnis. Die Menschen, die in Moria untergebracht sind, kommen mehrheitlich aus Syrien und dem Irak – zwei Drittel davon sind Frauen und Kinder.

Die Menschen haben das Gefühl, dass sie um Grundlegendes wie z. B. sauberes Wasser, warme Kleidung und anständige Zelte kämpfen müssen. Die Menschen haben sich außerhalb von Mossul sicherer gefühlt als in Moria. Der Gründe dafür sind v. a. die Zäune, die Polizei sowie die Angst davor,  was mit ihnen geschehen wird. Männer, Frauen und Kinder leben in täglicher Angst vor sexuellen und gewalttätigen Übergriffen sowie vor einer Abschiebung. Zugang zu Rechtshilfe ist nur sehr beschränkt vorhanden. Psychologische Hilfe wird nur in der fünf Kilometer entfernten Klinik von Ärzte ohne Grenzen angeboten.

Ich habe noch nie so schlimme Zustände erlebt wie in Moria. Die Behandlung von Menschen, die in der Vergangenheit Opfer sexueller Gewalt wurden und jetzt Traumata durchleben, hätte in Deutschland eine hohe Priorität. In Moria ist die Warteliste sehr lang und der Bedarf an psychologischer Hilfe aufgrund der dramatischen Erlebnisse enorm. Dadurch haben die Menschen kaum eine Chance auf eine psychotherapeutische Behandlung. Ebenso ist die Zahl an Folter- und Vergewaltigungsopfern sehr hoch, ebenso wie die Zahl jener, die selbstmordgefährdet sind bzw. gefährdet, sich selbst Verletzungen zufügen.

Die Menschen, die in Moria leben, sind vor unvorstellbarem Leid geflüchtet und haben eine lange, gefährliche Reise hinter sich. Sie kamen voller Hoffnung, endlich in Europa angekommen zu sein. Plötzlich waren sie in einem überfüllten Flüchtlingslager mit unmenschlichen Lebensbedingungen und  in Ungewissheit, was mit ihnen geschieht.

Positives? Dass man im Gedränge keinen Platz für Selbstmord hat?

Was es für mich so schwierig macht, ist der Umstand, dass all das vermeidbar wäre. Die europäischen Regierungen haben Moria vorsätzlich vernachlässigt, um Menschen, die eine Reise nach Europa erwägen, abzuschrecken. Dieser Plan ist jedoch gescheitert. Die Zahl an Neuankömmlingen – im November 2017 waren es täglich durchschnittlich 100 Personen – hat sich kaum verändert. Europa hat grob unterschätzt, wie verzweifelte Menschen handeln.

Der vielleicht einzige positive Aspekt von Moria ist, dass Menschen, die einen Selbstmordversuch planen, keinen Platz bzw. keine Privatsphäre haben, um diesen zu begehen. Beim Versuch sich selbst zu verletzen werden sie häufig von vorbei gehenden Personen gestoppt. Beispielsweise hat ein junger Mann versucht, sich im Außenbereich des Containers, in dem er übernachtete, zu erhängen. Er wurde von einem älteren Mann, der ihn bei seinem Selbstmordversuch gestoppt hatte, zum Gesundheitszentrum von Ärzte ohne Grenzen gebracht. Nun kommen die beiden Männer gemeinsam zu den vereinbarten Behandlungsterminen und der Ältere von beiden achtet darauf, dass die Medikamente regelmäßig eingenommen werden.

Hassan* hat im Krieg seine Söhne verloren. Er teilt sein Zelt mit einem jungen Iraker, der an einer psychischen Erkrankung leidet. Das Team von Ärzte ohne Grenzen fragte Hassan, ob er aufpassen könne, dass der junge Mann seine Medikamente einnimmt. Nun kommt er wöchentlich, um für ihn die Medikamente abzuholen. Hassan, der selbst viel Leid erlebt hat, kümmert sich jetzt so um den jüngeren Mann, als wäre er sein Sohn.

Es ist diese Art von Menschlichkeit, die mir ein wenig Hoffnung für die Männer, Frauen und Kinder gibt, die wie Kriminelle behandelt werden und von Europa im Stich gelassen werden - und das nur, weil sie in Sicherheit leben möchten.

Dieses Stück Menschlichkeit und die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und keine dauerhafte Lösung. Das Einzige, das den Menschen helfen kann, ist eine Übersiedlung aufs Festland. Momentan führen die katastrophalen Lebensumstände zu einer Verschlimmerung der psychischen Erkrankungen sowie zu einem erhöhten Stresslevel. Der Mangel an Stabilität, an Ruhe und Routine und der richtigen Behandlung hält viele Menschen in einem ständigen Angstzustand. Solange keine Änderung erfolgt, werden weiter Menschen unter dieser grausamen europäischen Abschreckungstaktik leiden. 

* Der Name des Patienten wurde geändert.

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- Monika Gattinger ist klinische Psychologin und Psychotherapeutin und war über 40 Jahre in Österreich tätig. Seit sie in Pension ist, geht sie regelmäßig mit Ärzte ohne Grenzen auf Einsatz. Der Beitrag ist zuerst auf englisch auf der Seite „BMJ Opinion“ erschienen: http://blogs.bmj.com/bmj/2018/01/08/monika-gattinger-how-can-europe-be-more-traumatising-than-mosul/

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