Flugzeugabschuss durch Iran? : Politischer GAU für die Mullahs

Der Flug PS752 wurde wohl Opfer iranischer Raketen. Das zwingt das Mullah-Regime zu einer Wende: Es muss mehr Diplomatie zulassen als gewollt. Ein Kommentar.

Ajatollah Ali Chamenei, Oberster Führer des Iran, bei einem Treffen mit Akademikern.
Ajatollah Ali Chamenei, Oberster Führer des Iran, bei einem Treffen mit Akademikern.Foto: Uncredited/Office of the Iranian Supreme Leader/AP/dpa

Für die Falken im Mullah-Regime ist das ein GAU, ein größter anzunehmender Unfall. Die ukrainische Passagiermaschine mit der Flugnummer PS752 wurde offenbar zum Opfer des iranischen Raketenangriffs auf Militärstützpunkte mit amerikanischen, europäischen und deutschen Soldaten im Nachbarland Irak. Die Anzeichen für einen unbeabsichtigten Abschuss des zivilen Jets verdichten sich. Ein Video zeigt, wie eine Rakete das Flugzeug trifft. Alle 176 Menschen an Bord starben, darunter 63 Kanadier. Eine kanadische Tragödie.

Nun dürfen US-Experten in den Iran

Das zwingt den Iran zu einer Wende in der Krisendiplomatie. Teheran lässt nun amerikanische und kanadische Experten ins Land. Tags zuvor hatte Irans Führung das noch abgelehnt und sich auch geweigert, den Flugschreiber zu übergeben. Ein technisches Versagen an der Maschine sei die Absturzursache, behauptete das Regime vorschnell – obwohl die erst drei Jahre alt ist und zwei Tage vor dem Unglück noch gewartet worden war.

Und es wächst der Druck auf Iran, generell die Türen zur Diplomatie weiter zu öffnen, als die Mullahs das beabsichtigt haben: eine Konferenz, bei der sowohl die berechtigten Sicherheitsinteressen des Iran als auch seine destruktive Machtpolitik in der Region zur Sprache kommen. Damit würde auch eine Nachbesserung des Atomabkommens zum Thema.

Eine solche Entwicklung wollten die Mullahs vermeiden. Sie streben eine Linderung der US-Sanktionen ohne signifikante Gegenleistung an. Oder einen finanziellen Ausgleich durch Europa.

Doch wenn sich der Abschuss eines Passagierflugzeugs bestätigt, steht Iran international am Pranger. PS752 – die Flugnummer des Unglücksflugzeugs – kann zur Chiffre für einen Meinungsumschwung werden wie MH17 im Ukrainekrieg: der Abschuss eines malaysischen Passagierjets mit 298 Passagieren, darunter sehr viele Niederländer und 80 Kinder, durch prorussische Milizen mit einer aus Russland eingeschmuggelten Luftabwehrrakete. Die Bilder von Milizionären, die am Unglücksort mit Zigaretten in der Hand über Leichenteile und Kinderspielzeug stapften, erschütterten die Welt.

So wie andere kriegführende Mächte zuvor erfährt der Iran, dass Militäraktionen, selbst wenn sie das beabsichtigte Ziel erreichen, unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben können, die den erhofften Vorteil ins Gegenteil verkehren: Sie können zu einer politischen – und auch moralischen – Niederlage führen.

Die Mullahs hatten Irans Bevölkerung und der Welt beweisen wollen: Wir halten dem Sanktionsdruck der USA Stand, ohne nachgeben zu müssen. Wir können der Weltmacht mit Angriffen auf ihre Stützpunkte, ihr Militär, ihre diplomatischen Vertretungen, ihre Bürger trotzen. Und wenn die USA militärisch reagieren, können wir trotz militärischer Unterlegenheit gegenhalten und uns behaupten. Der Abschuss droht alle diese Kalkulationen über den Haufen zu werfen.

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