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Folgen der Coronakrise : Sorge um emotionale Gesundheit darf keine falsche Fürsorge sein

Bisher marginalisierte und stigmatisierte die Politik psychisch Erkrankte. Das muss sich ändern – aber nicht als Argument für Lockerungen. Ein Kommentar. 

Isolation ist eine Folge der Coronakrise (Symbolbild)
Isolation ist eine Folge der Coronakrise (Symbolbild)Foto: Imago/Thomas Eisenhuth

Seit Beginn der Corona-Pandemie, wabert eine Frage durch die Medien und Köpfe der Menschen: Was macht diese Krise mit uns? Also gefühlsmäßig, tief drin im Seelenleben.

Die Isolation, die Angst vor der Krankheit und der Ungewissheit, der Entzug von Alltag und Normalität – all das wirkt sich bei vielen verständlicherweise negativ aufs Gemüt aus. Experten warnen deshalb vor einem rasanten und langfristigen Anstieg von psychischen Erkrankungen.

Die Coronakrise hat dem Tabuthema psychische Erkrankungen die Dringlichkeit und mediale Sichtbarkeit verliehen, die seit langem überfällig sind.

Denn seelische Leiden sind mehr als Kollateralschäden dieses Virus, auch sie sind eine grassierende Volkskrankheit – nicht erst jetzt.

Politik um das emotionale Wohl der Bürger besorgt

Die Politik zeigt sich derzeit für ihre Verhältnisse recht besorgt um das emotionale Wohl der Bürger. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet etwa mahnt, dass der Lockdown womöglich Depressionen, Einsamkeit und Suizide produziert. Auch Christian Lindner warnt vor gravierenden psychischen Schäden durch Einschränkungen des Normalbetriebs.

Konstantin Nowotny argumentiert in der Wochenzeitung „Der Freitag“, solche Aussagen seien „falsche Fürsorge“ und rein argumentative Munition, um Lockerungen herbeizuzwingen. Tatsächlich deckt sich die momentane Besorgnis kaum mit dem bisherigen politischen Beistand für Erkrankte. Diese werden mindestens marginalisiert, oft sogar stigmatisiert.

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In Deutschland weisen aufs Jahr gerechnet knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine oder mehrere klinisch bedeutsame psychische Erkrankungen auf. Als sei die Ziffer noch nicht erschreckend genug, werden meist noch die Konsequenzen angeführt, die Seelenleiden etwa durch Fehltage bei der Arbeit produzieren.

Als wären die wirtschaftlichen Folgen einer solchen Erkrankung schlimmer als der individuelle Schmerz der Betroffenen. Auch nährt dies die Tabuisierung psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz und auf dem Arbeitsmarkt. Wer will denn schon als Risiko gelten? So werden psychische Erkrankungen zu Volkskrankheiten ohne Volk. 

Bayerns CSU wollte psychisch Erkrankte polizeilich erfassen

Die Politik bekämpft diese Stigmatisierung nicht, sie fördert sie sogar. Knapp zwei Jahre ist es her, dass die Regierungspartei CSU durchsetzen wollte, dass psychisch erkrankte Menschen, die in Bayern stationär behandelt werden, polizeilich erfasst und ihre Daten fünf Jahre gespeichert werden sollen.

Auch wenn das Gesetz am Ende in abgeschwächter Form in Kraft trat, die Pauschalverdächtigung blieb hängen: die Allgemeinheit, die vor den "Irren" geschützt werden muss. Das ist eine Politik, die das Leiden der Erkrankten banalisiert, die Angst vor ihnen aber maximiert.

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Da verwundert es wenig, dass nur ein Drittel der Betroffenen überhaupt therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, oft unter starkem Druck und Scham und mit viel nötiger Geduld. Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer von 2018, vergehen im Schnitt zwanzig Wochen vom ersten Kontakt bis zum Therapiebeginn.

Psychische Krankheiten können jeden Bürger treffen

Die Antwort der Politik: weitere Hürden. Letztes Jahr kam aus dem Gesundheitsministerium der Vorschlag, Betroffene sollten erst zu einer zusätzlichen Voruntersuchung. Als gäbe es nicht schon zahlreiche Barrieren. 

Genau wie das Coronavirus, kann auch eine psychische Krankheit jede Person befallen. Wie der Soziologe Heinz Bude im "Tagesspiegel" festhielt, erleben wir derzeit eine “Wiedergewinnung von Solidarität aus dem Gefühl der individuellen Verwundbarkeit”. Die Notwendigkeit dieses Zusammenhalts wird auch nach Corona bestehen bleiben.

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