Forschung in Brandenburg : Die Suche nach dem Baum der Zukunft

Was passiert, wenn auch dieser Sommer ein Rekordsommer wird? Dem deutschen Wald stehen große Veränderungen bevor – doch Bäume sind nicht dumm.

Laubüberfall. Unter Kiefern bildet sich nur halb so viel Grundwasser wie unter Buchen, auch deshalb ist Brandenburgs Boden trocken und sandig.
Laubüberfall. Unter Kiefern bildet sich nur halb so viel Grundwasser wie unter Buchen, auch deshalb ist Brandenburgs Boden trocken...Foto: Monika Skolimowska/p-a/dpa

Eine Dursteiche? Bei uns? Nicht, dass ich wüsste!, ruft Tanja Sanders vom Britzer Thünen-Institut für Waldökologie so befremdet wie überrascht ins Telefon.

- Die bekommt fast kein Wasser, überlebt aber trotzdem, und genau bei Ihnen soll die Yogi-Eiche stehen!, beharrt die Anruferin, gewissermaßen der Baum der Zukunft!

- Schon klar, antwortet unbeeindruckt die Forscherin, haben wir trotzdem nicht!

- Aber twitternde Bäume haben Sie doch auch!

Kurze Pause in der Leitung. Nichts kann die Männer und Frauen der Wissenschaft sprachloser machen als diese Art von logischem Schlussverfahren: Als seien twitternde Bäume Existenzhinweise für Dursteichen.
- Einen twitternden Baum haben wir!, bestätigt die Forscherin, das Zahlwort betonend, aber das sei eine Kiefer, keine Eiche. Im Augenblick twittere die Kiefer auch nicht, denn sie nutze zu wenig Datenvolumen, was dem Anbieter missfalle.

Südeuropäisch oder westasiatisch?

Bis eben berichtete die Kiefer unter @TreeWatchBritz live über ihr Wohlbefinden, ob und wie viel Wasser ihr gerade in die Krone steigt, wie sie atmet und transpiriert. Und das alles unter den sandigen Bedingungen Brandenburgs, zunehmender Trockenheit und des nahenden Sommers. Was, wenn dieser genauso wird wie der im letzten Jahr? Das ist genau das Thema! Dann also eine Durst-Kiefer. Kiefern sind ohnehin viel repräsentativer, schließlich machen sie 70 Prozent der Bäume Brandenburgs aus. In der DDR waren es sogar noch fast 80 Prozent.

Neueste Techniktrends zur Hege und Pflege von Wäldern in Brandenburg.
Neueste Techniktrends zur Hege und Pflege von Wäldern in Brandenburg.Foto: Felix Hackenbruch

Oder werden die Bäume von morgen gar nicht mehr die von heute sein? Ist der Wald der Zukunft eher südeuropäisch oder westasiatisch, hitze- und trockenheitsbeständig? Müssen wir bald Abschied nehmen vom „deutschen Wald“?

Am Tag des Besuchs bei der akut verstummten Twitter-Kiefer, die dramatisch weniger Datenvolumen nutzt als Donald Trump, ist bereits seit dem frühen Morgen ein gleichmäßiges Rauschen zu hören und dazu jenes schon fast entwöhnte gurgelnde Geräusch, das entsteht, wenn überall lauter kleine Spontanbäche verzweifelt einen Abfluss suchen. Die Botschaft ist klar: Das hört nicht mehr auf, zumindest nicht heute!

„Fällt Ihnen etwas auf?“

Tropfnass steht der Wald, auf halber Strecke zwischen Chorin und Eberswalde. Nicht die geringste Chance, die Bäume schreien zu hören. Schreien, jawohl. Deutschlands bekanntester Förster, der Bestsellerautor Peter Wohlleben, hat gesagt, dass Bäume zu schreien beginnen, wenn sie Durst haben, allerdings im Ultraschallbereich. Primär sind das Schwingungen, die entstehen, wenn der Wasserstrom von den Wurzeln zu den Blättern abreißt. Vielleicht kann man dafür heute hören, wie das Wasser durch den Stamm rauscht, mit einem Stethoskop am Baum?

Mitten im Wald stehen im strömenden Regen einige Baracken. Das ist die Versuchsstation des Thünen-Instituts, gebaut 1972 in der DDR. Die Fragen von damals sind die Fragen von heute: Wie beeinflussen Waldbäume das Grundwasser, das Klima, und macht es einen Unterschied, ob es sich, sagen wir, um einen Kiefernwald oder einen Buchenwald handelt?

Tanja Sanders hat ein leicht ironisches Begrüßungslächeln im Gesicht, wie man es für Leute reserviert, die an einem großen Regentag eine Reportage über durstende Bäume machen wollen. Sie hat bereits mit Studenten das Versuchsgelände inspiziert und steht nun da im Ganzkörperregenanzug, eine Allwetterfrau, genau der Typus, den man bodenständig nennt.

„Fällt Ihnen etwas auf?“, fragt sie und deutet auf ein Stück Wald. Natürlich, da sind große Quadrate auf dem Boden, und in jedem dieser Riesenquadrate stehen ungefähr zehn ziemlich erwachsene Kiefern. Das sind die Ränder von riesigen unterirdischen Blumentöpfen, Lysimeter genannt, erklärt die Baumforscherin. Zehn mal zehn Meter, sechs Meter tief.

Unauffälligkeit ist die oberste Tugend

Nirgends auf der Welt gibt es so große Lysimeter wie in Britz. Registriert wird alles, was oben auftrifft und sechs Meter tiefer wieder rauskommt. Die Bäume tragen bunte Messbänder um die Stämme, trotz ihrer rauen Rinde sind es also gläserne Bäume. Mitten unter ihnen steht die nicht mehr twitternde Kiefer.

Sie sieht genauso aus wie ihre Nachbarn. Unauffälligkeit ist die oberste Tugend eines Waldbaums: Einfügung ins Kollektiv. Einer wächst so schnurgerade und unten unbezweigt nach oben wie der andere, als würden sie schon jetzt an das Brett denken, das einmal aus ihnen werden soll.

Ein älterer graubärtiger Mann kommt durch den Regen, über dreißig Jahre lang war dies hier sein Reich, bis vor zwei Monaten; Tanja Sanders ist seine Nachfolgerin. Jürgen Müller ist der größte Waldhydrologe weit und breit. „Was für ein Landregen!“, begrüßt Müller seine Kollegin, und es klingt zumindest in diesem Augenblick, als bedauere er, nicht als Baum zur Welt gekommen zu sein.

Müller hat die Selbstgewissheit eines Wissenschaftlers, der weiß, dass seine große Zeit gerade kommt. Wie oft hat er den Förstern erklärt, dass sie nicht nur Holz- sondern ebenso Wasser- und Klimaproduzenten seien. Die schauten ihn dann etwas renitent an: Wer ihnen ihr Holz abkaufe, das wüssten sie. Aber wer für das Grundwasser zahle, das sich unter ihren Wäldern bilde, das wüssten sie nicht.

Buchen halten Saufgelage ab

Mit seinen riesigen unterirdischen Blumentöpfen wies Müller nach, dass sich unter einem Kiefernbestand 12 Prozent Grundwasser neu bildet, unter Buchen aber 25 Prozent. Das ist schon ein Unterschied. Aber ein alter Försterspruch sagt: „Willst du, dass deine Enkel fluchen, pflanze Buchen, Buchen, Buchen!“

Denn die wachsen langsamer, und es dauert erheblich länger, bis der Wald geerntet werden kann. Unsere Wälder sind auch nur Getreidefelder, bloß dass die Halme etwas dicker und länger werden und der Ernterhythmus etwas herabstimmend ausfällt: Statt jährlich mähen zu dürfen, kommen die Schnitter bloß alle 60 bis 120 Jahre, je nach Baumart. Und auch dann fällen sie lauter Teenager. Die Douglasie etwa wird mit sechzig Jahren geschlagen, sie könnte aber bis 700 Jahre alt werden. Die Kiefer wird ab 80 Jahren gefällt, würde jedoch bis zu 300 Jahre alt, genau wie die Buche, die erst mit 120 Jahren schlagreif ist. Dafür ist sie eine hervorragende Klimaanlage.

Bei den Kiefern bleibt ein großer Teil des Niederschlags in den Kronen hängen und verdunstet mit dem nächsten Sonnenlicht, ohne je auf die Erde zu gelangen. Ganz anders die Buche. Wohlleben, der Oberförster der Nation, sagt, Buchen würden an Tagen wie diesem „regelrechte Saufgelage abhalten“. Der Regen fällt auf Tausende Blätter, aufgefangen von den Baumarmen, die sie so in den Himmel strecken, dass sie wie Regenrinnen sind. Am Stamm laufen die Bäche zusammen.

„Sehen Sie diesen Stamm?“, fragen Müller und Sanders vor einer Buche gleichzeitig: Vollkommen glatt! Das Wasser rauscht daran zur Erde. Sie nennen das „Stammabfluss“. Der Stammabfluss der Kiefer mit ihrer rauen Borke sei dagegen indiskutabel.

Servicebäume für die Bodentiere

Nicht ohne heimliche Sympathie sehen die beiden Waldarbeiter des Geistes in den Kiefernwald nebenan, der nicht mehr zum Versuchswald gehört, aber zur gleichen Zeit gepflanzt wurde. Unter den großen Kiefern steht inzwischen ein kleiner Buchenkindergartenwald im Wartestand. „Die Buchen haben sich diesen Platz allein ausgesucht“, sagt Tanja Sanders.

Die Urwälder Europas waren vor allem Buchenwälder. Man spricht immer von der deutschen Eiche. Die deutsche Kiefer sagt keiner. Müsste man aber nicht richtiger von der „deutschen Buche“ reden? Vielleicht ist dieser Baum der Vergangenheit zugleich der Baum der Zukunft? Viele glauben, Brandenburg habe nun einmal so sandige, nährstoffarme Böden, die kein Wasser halten, da wachsen nur Kiefern. Ein klassischer Fall der tendenziellen Verwechslung von Ursache und Ergebnis.

Kiefern ragen in den blauen Himmel in einem Wald über Brandenburg
Kiefern ragen in den blauen Himmel in einem Wald über BrandenburgFoto: dpa/Monika Skolimowska

In einem trockenen Waldstück bei Bamberg pflanzte man einst ein paar Buchen zu jungen Kiefern, lediglich als Servicebäume für die Bodentiere, damit sie nicht nur die sauren Kiefernnadeln fressen müssten, auch würden sie ohnehin bald sterben. Aber statt einzugehen, schauten sie die Kiefern irgendwann von oben an, sie hatten durch ihren jährlichen Laubfall eine richtige Humusschicht gebildet, und unter ihrem Kronendach bildete sich ein originäres Waldklima: kühl und feucht. An heißen Sommertagen ist der Boden eines Laubwalds bis zu zehn Grad kühler als der Boden eines Nadelwalds.

Leben einzeln und frei/ wie ein Baum und dabei/ brüderlich wie ein Wald/ diese Sehnsucht ist alt, sang einst Hannes Wader. Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! Vielleicht ist Kommunismus nur im Wald möglich?

Sie helfen ihren Brüdern und Schwestern

Jeder Wald ist eine große Solidargemeinschaft. Die Buchen aber sind die Kommunisten unter den Bäumen. Man hat Stümpfe von Buchen gefunden, die vor 500 Jahren geschlagen wurden, und ihre Nachbarn hielten sie immer noch am Leben. Ist das nicht fehlgeleitete Investitionsbereitschaft?

Aber es kommt noch schlimmer. Studien zufolge sind Buchen eines Waldes verdächtig, alle die gleiche Fotosyntheseleistung zu erbringen, die starken genauso viel wie die Schwachen. Dabei hat das Leben auch die Buchen ebenso wie die Menschen an Gewinner- und an Verliererplätze gestellt. Und die Bäume mit dem größten Platz an der Sonne nutzen das nicht aus, sondern ihre Wurzeln spenden den anderen ihren Mehr-Zucker, bis sie alle gleich viel haben? Im Zentralkomitee des ohnehin kommunismusaffinen Waldes sitzen gewiss lauter Buchen und die haben beschlossen: Der Wald ist nur so stark wie sein schwächstes Glied.

Allerdings, und das gehört zur Wahrheit, sind Buchen sehr fremdenfeindlich wie die meisten Bäume. Sie helfen immer nur den eigenen Brüdern und Schwestern. „Bemerken Sie was?“, fragt Tanja Sanders und zeigt in einen jungen Buchenbestand. Und wirklich, unter denen wächst nichts. Undenkbar, sie würden in ihrem Schatten junge Kiefern großziehen. Ihr Laubdach ist schon früh geschlossen, den meisten Arten ist das zu dunkel.

Dummheit, bei Bäumen wie bei Menschen

Dabei könnte Bäumen mit Migrationshintergrund die Zukunft gehören: südeuropäischen Arten, für die heiße trockene Sommer nichts Neues sind. Schon polnische Buchen, ein kontinentaleres Klima gewohnt, brauchen weniger Wasser, sagt Tanja Sanders.

Und jetzt fällt Müller ein, dass er tatsächlich einmal eine Dursteiche hatte. Und eine Durstbuche auch! Beide standen unter Kiefern. Während der ganzen Vegetationsperiode hatte er sie mit Planen abgedeckt, sie bekamen keinen Tropfen von oben. Ich wollte herausfinden, ob Bäume lernfähig sind, moderiert Müller diesen typischen Akt scientifischer Grausamkeit. Andererseits besaß er ein tiefes Vertrauen in die Bäume. Dummheit, bei Bäumen wie bei Menschen, ist die Unfähigkeit, Erfahrungen zu machen. Bäume, wusste Müller, sind nicht dumm.

Die Eiche warf schon Ende August ihre kümmerlichen Blätter ab. Aber die Knospen fürs nächste Frühjahr hatte sie bereits wieder ausgebildet. Sie würde also wiederkommen. Dann stellte Müller die „Feldkapazität“ des Bodens wieder her. Seine Feuchtigkeitssättigung war am Ende des Winters also wieder die der Umgebung, bevor die kleinen Knospen neue Hoffnung schöpften und trotzdem aufs Neue unter der Plane verschwanden. Aber sie überlebten. „Sie lernten“, sagt Müller voller Stolz auf seine Probanden. Vielleicht haben die Elternkiefern den Stiefkindern unter ihren Zweigen auch etwas Feuchtigkeit abgegeben, schließlich sind sie keine Buchen.

Müller lobt die Robinie sehr

Der Waldhydrologe beschloss, dass die Pensionierung eine gute Gelegenheit ist, sich zu habilitieren. „Forsthydrologische Forschung im norddeutschen Tiefland“, heißt die Arbeit, die er unlängst an der Universität Rostock einreichte und noch verteidigen muss. Wahrscheinlich ist darin auch sein großes Baumrennen bilanziert, Sieger wurde, wer am wenigsten Wasser verbraucht und Trockenheit aushält. Teilnehmer waren die Birke, Robinie, Hainbuche und Roteiche. Die Birke belegte den ersten Platz, den zweiten die Robinie.

Müller lobt die Robinie sehr. Sie wachse schnell, brauche wenig Wasser, habe schönes Holz und imprägniere sich als Brett selbst. Auch die Robinie ist eine Zuwanderin, sie kommt aus den USA. Die Hainbuche, die eher eine Birke ist, belegte Platz drei, Verlierer war die Roteiche.

Die neue Sim-Karte der zwangsverstummten Kiefer von Britz ist gerade auf der Post verloren gegangen, aber bald twittert sie wieder. Wahrscheinlich beschwert sie sich dann über den Regen. Wenn Kiefern etwas hassen, dann sind das nasse Füße. Und die Raupen des Nonnenfalters fressen ihnen gerade die Kronen kahl. Die Trockenheit des letzten Sommers hat sie anfälliger gemacht. Der Wald der Zukunft, auch in Brandenburg, wird wohl wieder ein Mischwald sein, voller bildungsfähiger einheimischer Bäume und Zuwanderer.

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