"Hier musst du alles mit einem muslimischen Aspekt verbinden."

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Frauen in Afghanistan : Nicht ohne meine Religion

Es sind zwei kurze Sätze, sie verdrehen die Augen, verstellen die Stimmen, als sie witzeln „Oh, sie sind keine Muslime!“ Aber ihre Angst ist sehr real. Sollten sie so gebrandmarkt werden, „schert sich keiner, wenn uns einer vergewaltigt oder umbringt und irgendwo abwirft. Dann werden sie sagen: Sie waren keine Muslime.“

Zubaida hofft, dass sie auch für die Brüder ein Stipendium findet, damit die sehen, dass es anderswo ganz normal ist, anders zu leben.

Die Ausländer verstehen nach Ansicht von Zubaida und ihrer Freundin diesen engen Zusammenhang von gesellschaftlichem Leben und Religion in Afghanistan nicht. Das sei ein wesentlicher Grund, warum es nicht vorangeht. Sie nennen ein Beispiel. In Afghanistan sterben im weltweiten Vergleich immer noch sehr viele Kinder, bevor sie zwei Jahre alt werden. „Ihr veranstaltet Kurse und stellt viele wichtige Studien vor“, sagen sie, „aber wenn du sagst, Prophet Mohammed möchte, dass du deinem Kind zwei Jahre die Brust gibst, wird die Mutter es tun.“ Ihre Lehre: „Hier musst du alles mit einen muslimischen Aspekt verbinden.“ Dabei wüssten die meisten Afghanen gar nicht, „was sie da mit Gott reden“, wenn sie beten, denn der Koran sei auf Arabisch. Den könnten auch ihre Mutter und ihre Tante nicht lesen, Zubaida hat die beiden gefragt.

Zubaida strotzt vor Energie und würde gern so viel verändern. Dabei ärgert sie sich auch über die Ausländer, die seit 2001 so unermesslich viel Geld ausgegeben, aber so wenig erreicht hätten, die sich zu Konferenzen wie zuletzt auf dem Bonner Petersberg treffen, ohne dem Land eine Perspektive zu geben. „Ihr habt uns wie ein Labor benutzt“, redet sie sich mit der Freundin in Fahrt, während sie auf ihrem roten Teppich hocken. „Ihr habt alles ausprobiert, aber alles ist gescheitert.“ Sie zählt Luftangriffe, gezielte Bombenangriffe, das Durchkämmen von Haus zu Haus und mehr auf, bis sie bei Gesprächen mit den Taliban landet, die lange Jahre ein Schreckensregime führten. „Lasst es uns doch endlich selbst probieren. Dann ist es wenigstens von Afghanen für Afghanen.“

Die Taliban, das steht für sie fest, könnten zwar wieder in die Gesellschaft integriert werden, aber sie dürften nicht wieder Entscheidungsträger werden – eine Beteiligung an der Regierung in Kabul dürfe es nicht geben. „Die Taliban müssen erst mal etwas zurückzahlen.“ Sie glaubt, dass die afghanischen Taliban nicht unbedingt wirklich an die Ideologie glaubten, diese Männer wollten vor allem ihre Familien ernähren. „Die lokalen Taliban kann man kontrollieren“, sagt sie selbstbewusst. Wenn die Jobs hätten, wären sie zufrieden. Schwieriger sei es mit den Kämpfern aus dem Ausland. Was sie tun würde, wenn die Taliban trotzdem wieder an die Macht kämen? „Dafür habe ich keinen Plan“, sagt sie. Es sind ihre Worte zum Abschied.

Auf dem Weg zurück in die Stadt ist die Hauptstraße mit einem Mal gleißend hell erleuchtet. Ein mit Scheinwerfern ausgerüstetes gepanzertes Fahrzeug der US-Armee sucht die Straße nach Sprengfallen ab. Es ist die Straße, an der Zubaida jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeimuss.

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