Frauen und Ostdeutsche : Merkels Wende ist machttaktisch sinnvoll

Angela Merkel hat sich stets geweigert, einer bestimmten Gruppe in Deutschland zugehörig zu sein. Doch jetzt gibt sie ihre Neutralität auf. Ein Kommentar.

Angela Merkel
Angela MerkelFoto: AFP/ Tobias SCHWARZ

Angela Merkel sagt „wir“. In einem bemerkenswerten Interview mit der „Zeit“ hat die Bundeskanzlerin ungewöhnlich offen über ihre Biografie als Frau und als Ostdeutsche gesprochen. Das Gespräch liest sich wie eine kleine Revolution. Wird die Kanzlerin auf ihre alten Tage noch Feministin? Will sie ihren Frieden mit den Ostdeutschen machen? Und warum jetzt?

Angela Merkel hat sich stets geweigert, einer bestimmten Gruppe in Deutschland zugehörig zu sein. Auch jetzt betont sie wieder, sie sei ja „die Bundeskanzlerin aller Menschen in Deutschland“. Aber sie bezieht sich in diesem Gespräch doch viel deutlicher als früher mit ein in die Gruppe der Frauen und in die Gruppe der Ostdeutschen.

„Wir erleben Nachteile“, sagt sie über die Frauen. Und: „Wir Ostdeutschen (...) sind in einer Phase, in der man zurückschaut.“ Angela Merkel bekennt sich zu ihrer Biografie, und damit zu einem gewissen Maß an Subjektivität. Sie gibt auf, was ihr Markenzeichen war: ihre staatstragende Neutralität.

Angela Merkel war als Kanzlerin immer mehr Institution als Person. Diese Neutralität war stets ihre große Stärke – und ihre große Schwäche. Staatspolitisch war es richtig, sich mit keiner Partikulargruppe gemeinzumachen. Für Frauen – und auch für Ostdeutsche? – war es frustrierend.

Beiden Gruppen wird noch immer gesellschaftliche Gleichrangigkeit verweigert. Angela Merkel hätte etwas von ihrer Anerkennung, ihrer Macht, ihrem Einfluss übertragen können. Tat sie aber nicht. Kaum gezielte Frauenförderung in der Partei, auch wenn sie Ursula von der Leyen freie Hand ließ. In Bezug auf Ostdeutschland verschenkte Merkel Versöhnungskapital, das sie qua Biografie mitbrachte.

In jüngerer Zeit nun hat Merkel gerade mit Blick auf die Frauenpolitik ihre Zurückhaltung zumindest rhetorisch aufgegeben. Noch beim W20-Gipfel in Berlin 2017, wo sie unter anderem mit Christine Lagarde auftrat, weigerte sie sich, sich als Feministin zu bezeichnen.

Das tut sie immer noch. Zuletzt aber stichelte sie auf dem „Deutschlandtag“ der Jungen Union vom Podium weg gegen den Männerverein („Frauen bereichern das Leben“) und mahnte anlässlich von 100 Jahren Frauenwahlrecht „Parität“ an. Auch in der Union ändert sich etwas. Annegret Kramp-Karrenbauer geht das Thema „Frauen in der Politik“ offensiv an.

Ein Bekenntnis zur Biografie ist klug

Warum gibt Angela Merkel gerade jetzt ihre Neutralität auf? Ist das Ausdruck einer gewissen Unangreifbarkeit zum Ende ihrer Amtszeit? Ist das ein Stück Befreiung aus dem Bunker des Amtes, der Wunsch, sich zu erklären, wieder Person zu werden, mit Blick auf die Nachwelt?

In jedem Fall ist die Wende machttaktisch sinnvoll. In Ostdeutschland wird gewählt. Wie in keiner anderen Region Deutschlands hadern die Menschen hier mit der CDU, besonders mit der kompromisslosen Kanzlerin und ihrer Flüchtlingspolitik. Ostdeutsche Politiker sehen bei abtrünnigen Wählern eine Bereitschaft, zur CDU zurückzukehren, sind aber nicht sicher, ob die Wähler auch zu Merkel zurückkehren würden. In dieser Situation sind Verständnis und ein Bekenntnis zur Biografie strategisch klug.

Dasselbe gilt für die Frauen. Die Union – und lange auch Merkel – schnitt bei Wählerinnen lange überdurchschnittlich ab, dieser Frauenbonus schwächt sich ab. Zeit also für ein „Wir“. Wer aber ist die echte Angela Merkel? Diese Frage ist und bleibt ein Rätsel.

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