Politik : Fremd im System

Egon Krenz findet keinen Frieden mit der Bundesrepublik / Heute wird der Honecker-Nachfolger 70

Matthias Schlegel

Die Werke Lenins stehen in seiner Bücherwand noch immer in der ersten Reihe. Als Studierender an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau hat er die 40 Bände einst in Originalsprache gelesen. Egon Krenz, der letzte Mann an der Spitze der „alten“ SED, hat seinen Idealen nicht abgeschworen. Und so bekennt er sich zu seinem 70. Geburtstag gegenüber dpa ganz unverhohlen zu seinem Verhältnis zur Bundesrepublik: „Ich kann mit diesem System keinen Frieden machen, weil das System keinen Frieden mit mir macht. Das politische System, das jetzt existiert, ist nicht mein System.“ Den sozialistischen Traum gebe er nicht auf.

Dass er wegen der Toten an Mauer und Stacheldraht zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, empfindet Krenz noch heute als Unrecht. Für ihn ist es ein politisches Urteil gewesen. Im Dezember 2003 vorzeitig entlassen, darf er seither für keine politischen Ämter mehr kandidieren. Er würde es wohl ohnehin schwer haben, in einer Partei eine politische Heimat zu finden: Seit er 1990 aus der SED/PDS ausgeschlossen wurde, wird er nicht nur von den SED-Nachfolgern gemieden. So tourt er als Vortragsreisender und Interviewpartner durchs Land, das ihm fremd geworden ist, und redet über das, was ihm vertraut geblieben ist.

Gelegentlich kommt er dabei zu erstaunlichen Einsichten. „Die bitterste Nachwendeerkenntnis für mich ist, dass es in allen Zeiten seit 1945 immer wieder gewisse Tendenzen gegeben hat, wo die verschiedenen sowjetischen Führungen uns auch hintergangen haben oder mit uns ihr Spiel gespielt haben“, sagt Krenz in einem Interview mit „Zeitzeugen-TV“, das heute auf Spiegel TV Digital (23.10 Uhr) und FAB (21.00 Uhr) ausgestrahlt wird.

Dass der vielbeschworene sozialistische Bruderbund mit der Sowjetunion ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis war und sich dann auch innerhalb eines kurzen Zeitfensters 1989/90 erledigt hatte, muss für den proletarischen Internationalisten Krenz tatsächlich eine der herbsten Enttäuschungen seines Kommunistenlebens gewesen sein. Gerade im Jahr 1989 habe sich „gezeigt, wie sie sich bei uns gefühlt haben: als Hausherren“, sagt er über die Sowjetführer.

Seine Bitterkeit ist eng mit einem Namen verknüpft: Michail Gorbatschow. Noch am 1. November 1989 habe er bei seinem Besuch in Moskau von jenem die „eindeutige Botschaft“ mit nach Hause genommen: „Die deutsche Einheit steht nicht auf der Tagesordnung.“ Genau dieses Gespräch fehle in der von Gorbatschow später veröffentlichten Sammlung der Gipfeltreffen. „Moralisch“ könne er das Verhalten Gorbatschows „nicht gutheißen“, sagt Krenz und bemüht einen Vergleich: „Was würde wohl die Welt sagen, wenn der Papst sagen würde, ich erkläre, dass es den lieben Gott nicht mehr gibt, ich schließe den Vatikanstaat und werde jetzt ein bürgerliches Leben führen.“

Der 1937 im pommerschen Kolberg geborene und mit seinen Eltern 1944 nach Damgarten umgezogene Sohn eines Schneiders war zu jung für einen antifaschistischen Hintergrund, der im SED-Staat karrierefördernd war. Krenz bewährte sich von der Pike auf als Funktionär in der Jugendorganisation FDJ. 1973 ins Zentralkomitee der SED aufgestiegen und 1983 in den innersten Zirkel der Partei, das Politbüro, gewählt, galt er bald als Kronprinz Honeckers. Er musste sich gedulden. Seine Stunde kam erst, als sich die Krise in der DDR 1989 so zugespitzt hatte, dass einige Politbüromitglieder nur noch eine Chance für den Machterhalt (Krenz prägte dafür das Wort „Wende“) sahen, wenn sie Honecker opferten: Am 18. Oktober wurde Krenz SED-Chef, am 24. Oktober auch Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates. Es war eine turbulente Amtszeit, aber nur eine kurze Illusion: Schon am 3. Dezember 1989 trat das gesamte Politbüro geschlossen zurück.

Krenz lebt heute in seinem kleinen ehemaligen Wochenendhaus an der Düne im Ostseebad Dierhagen. Das hatte er schon während der Freigänge aus der Haft als Alterssitz ausgebaut.

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