„Fridays for Future“-Bewegung in Tokio : Was die Japaner vom Protestieren abhält

In Japan kämpft die Jugend für die Zukunft, hat aber Schwierigkeiten in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Der Grund: mangelnde Protestbereitschaft.

Yu Minobe
Mangelnde Protestbereitschaft: Nur rund 5000 Japaner gingen bisher für das Klima auf die Straße.
Mangelnde Protestbereitschaft: Nur rund 5000 Japaner gingen bisher für das Klima auf die Straße.Foto: Alex Nonaka

Seit über einem Jahr protestieren weltweit Menschen für ihre Zukunft: die „Fridays for Future“-Bewegung brachte am 20. September 7,6 Millionen Menschen weltweit zusammen. Während an dem Tag in Deutschland 1,4 Millionen Menschen auf die Straße gingen, blieb die Zahl in Japan bei 5000. Der Grund: mangelnde Protestbereitschaft.

Alex Nonaka kämpft dafür, dass die Bewegung auch in Japan erfolgreich wird. Nonaka ist eine der führenden Figuren von Fridays for Future in Tokio. Obwohl die Folgen des Klimawandels in Japan spürbar sind, ist es gerade dort schwierig, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Als der 22-Jährige zum ersten Mal von „Fridays for Future“ hörte, war er nicht gerade am Höhepunkt seines Lebens. Er hatte sein Kulturanthropologie-Studium unterbrochen. Während dieser Pause lernte er die FFF kennen. Ihm wurde bewusst, dass er sich für das Elend auf der anderen Seite des Planeten verantwortlich machte, indem er sein gewohntes Alltagsleben weiterführte. Das schockierte ihn.

„Globaler Marsch“ statt „Schulstreik“

Greta Thunbergs Protestbewegung begann mit dem Schild „Schulstreik fürs Klima“. Doch FFF-Tokyo verzichtete auf die Bezeichnung und benutzt stattdessen „Globaler Marsch“ bei den Kundgebungen. Wörter wie „Demonstration“ oder „Streik“ seien zu negativ konnotiert. „Menschen erzählen mir, dass sie Angst haben, am Arbeitsplatz schlecht angesehen zu werden, falls sie auf einer Demonstration gesehen werden“, sagt Nonaka.

Das können seine Mitstreiter bestätigen. „Wir haben keine Demo-Kultur“, sagt Pädagogikstudentin Iori Fujiwara, die die FFF-Tokyo mitorganisiert. „Das liegt meiner Meinung nach auch an der uniformen Schulerziehung. Wir haben Angst davor, unsere Stimmen zu erheben.“ Daher hätten japanische Schüler praktisch keinen Zugang zu politischem Engagement. „Schon gar nicht, wenn das mit Gewalt assoziierte Wort ‚Streik' vorkommt“, meint sie.

Cornelia Reiher, Juniorprofessorin der Graduate School of East Asian Studies der Freien Universität Berlin, forscht zur japanischen Zivilgesellschaft und sagt, dass Demonstrationen in Japan nicht per se als gewalttätig gelten. Das gewalttätige Image sei ihr aber in ihrer Forschung durchaus auch begegnet. Das Bild von Demonstrationen sei auf die teils gewalttätige Studentenbewegung 1968 und die Japanische Rote Armee Fraktion zurückzuführen, so Reiher.

Im Schnitt machen Japaner 47 Überstunden pro Monat

Es gibt einen Satz, den Nonaka immer wieder hört, wenn er über sein politisches Engagement erzählt: „Du hast einen starken Tatendrang.“ Das ist im heutigen japanischen Sprachgebrauch kein Kompliment, sondern ein höflicher, aber abwertender Ausdruck für: Ich will damit nichts zu tun haben. Japan ist bekannt für seine Kultur, die großen Wert auf Höflichkeit legt. In der Tat meidet man in Japan direkte Ablehnung oder Verneinung: Wenn jemand zum Beispiel sagt, etwas sei „schwierig“ zu machen, ist damit ein „Nein“ gemeint.

Die japanische Gesellschaft zu erreichen sei nicht einfach, sagt Nonaka. Er vergleicht die Mentalität der modernen Japaner mit der der Pendler: „Die Fahrgäste konzentrieren sich auf ihre Zielorte und kümmern sich nicht darum, was während der Fahrt um sie herum passiert. Und genauso leben sie ihr Leben. Alle fahren ihre Leben durch.“ Was im öffentlichen Raum, also zwischen ihrer Haustür und ihrem Arbeitsplatz, passiert, sei ihnen egal. Deswegen würden sie auch nicht auf Demonstrationen achten. „Sie bleiben nicht stehen, um sich mal umzuschauen“, sagt er. Das sei aber keineswegs ein Vorwurf an die Menschen. „Sie können nicht anders“.

Tatsächlich sind die japanischen Arbeitsgewohnheiten alles andere als entspannt: Im Schnitt machen die Japaner 47 Überstunden pro Monat, fast das Vierfache dessen, was in Deutschland durchschnittlich an Mehrarbeit geleistet wird. Hinzu kommt die lange Pendelzeit. 55 Prozent aller Pendler in der Metropolregion Tokio verbringt täglich mehr als zwei Stunden auf ihrem Hin- und Rückweg.

Man könne nicht sagen, dass Japan keine sozialen Bewegungen hat, sagt Cornelia Reiher. Die Gründe für die geringe Teilnahme sei aber selbst unter Forschern umstritten.

Die Klimakrise ist der „Endgegner“

Japan liegt mit 3,5 Prozent vor Deutschland auf Rang fünf des weltweiten CO2-Emmisionsrankings. Laut des nach Ratifizierung des Pariser Abkommens veröffentlichten mittelfristigen Energieplans will das Land seinen CO2-Ausstoß bis 2030 um 26 Prozent reduzieren.

Doch im Basisjahr der Berechnung 2013 hatte Japan eine rekordhohe CO2-Emission. Stellt man das Basisjahr auf 1990, so würde man bei gleicher Rechnung nur auf eine Verringerung von 18 Prozent kommen. Außerdem soll der im Folge der Nuklearkatastrophe im März 2011 auf null gesunkene Anteil an Atomenergie bis 2030 auf etwa 22 Prozent gesteigert werden. Die Einhaltung dieser Klimaziele ist im Moment nicht in Sicht.

Nonaka hat dennoch Hoffnung. Beim globalen Klimastreik am 20. September gingen etwa 3000 Menschen im Zentrum Tokios auf die Straße. Noch im Februar waren es nur 20 Menschen gewesen. „Nach dem 20. Septermber und gerade nach dem heftigen Taifun, der im Oktober in großen Teilen Japans schwere Überflutungen verursachte, glaube ich, dass wir viele Menschen ansprechen können“, sagt Nonaka.

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Ende November ist wieder ein globaler Protesttag angekündigt. Ob Nonaka glaubt, dass er ein Erfolg wird? „Die Klimaproblematik ist sozusagen der Endgegner. Man muss sich zuerst mit sich selber beschäftigen. Erst dann haben wir eine Chance, die Klimafrage anzupacken. Ich hoffe, dass der nächste Protest Anlass für die Menschen in Japan wird, über sich und ihren Alltag nachzudenken.“

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