Friedensabkommen in Kolumbien : Versöhnung wichtiger als Strafe

Vor einem Jahr unterzeichneten Regierung und Farc-Rebellen in Kolumbien ein Friedensabkommen. Nun wurde auch ein Friedenstribunal auf den Weg gebracht. Die Gefahr eines neuen Bürgerkriegs ist aber nicht gebannt.

Präsident Juan Manuel Santos besucht eine von den UN überwachte Waffenübergabe durch Rebellen.
Präsident Juan Manuel Santos besucht eine von den UN überwachte Waffenübergabe durch Rebellen.Foto: Nelson Cardenas/Presidencia Colombia/dpa

Ein Jahr nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens in Kolumbien hat der Kongress des früheren Bürgerkriegslandes ein Sondertribunal auf den Weg gebracht. Neben der Entwaffnung der Rebellen ist die Übergangsjustiz (JEP - Jurisdicción Especial para la Paz) das entscheidende Element des zwischen der Regierung und der Farc-Guerilla vereinbarten Friedensvertrags. Der Bürgerkrieg, an dem mehrere Rebellengruppen und regierungsnahe paramilitärische Todesschwadronen beteiligt waren, hatte sich in den 1960er Jahren an Landkonflikten und sozialer Ungerechtigkeit entzündet. Seither wurden etwa 340.000 Menschen getötet, mindestens sieben Millionen Kolumbianer wurden vertrieben. Die Farc verschleppte immer wieder auch prominente Persönlichkeiten und hielt sie über Jahre im Dschungel gefangen. Eines der bekanntesten Opfer war 2002 die damalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt- 2008 wurde sie vom Militär zusammen mit 14 anderen Geiseln befreit.

Die Aufarbeitung des Konflikts wird Jahrzehnte dauern. Viele Familien hoffen, nun endlich Gewissheit über das Schicksal verschwundener Angehöriger zu erhalten. Insgesamt gelten zwischen 80.000 und 120.000 Personen in Kolumbien als vermisst. Die Zahl ist um ein Vielfaches höher als in Argentinien, wo rund es 35.000 Verschwundene geben soll. Die Suche nach Massengräbern ist ein wichtiger Teil der Aufarbeitung. Angehörige von Vermissten sind aufgerufen, DNA-Proben abzugeben, damit sie mit Überresten von Opfern verglichen werden können.

Deutschland Vorbild für Erinnerungsarbeit

Im Zentrum der Aufmerksamkeit dürfte ab dem kommenden Jahr aber das Friedenstribunal stehen. Anders etwa als der Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien soll es den Fokus vor allem auf die Rehabilitierung von Tätern legen. Aussagewillige Angeklagte sollen eher Gemeindearbeiten auferlegt bekommen als zu hohen Haftstrafen verurteilt werden. "Die Versöhnung steht im Vordergrund des Friedensabkommens", erklärte Anja Heuft, die Kolumbiens Regierung bei der Umsetzung berät. Die Deutsche arbeitet für die staatliche Entwicklungsagentur GIZ und hat kolumbianische Vertreter aus Staat, Gesellschaft und Wissenschaft bei einer Studienreise auch schon Erinnerungs- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland vorgestellt. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit steht die Frage, wie sich die Opfer in den Friedens- und Versöhnungsprozess einbringen können.

Konflikte schwelen weiter

Das Abkommen in Kolumbien sei weltweit wegweisend, sagt Heuft. Dennoch sei die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges nicht gebannt. "Im Land herrschen große soziale Unterschiede, und es gibt viele strukturelle Probleme, die nicht von heute auf morgen gelöst werden können." Die gerechte Landverteilung und der Kampf gegen die Drogenwirtschaft bergen nach Ansicht der Expertin weiter großes Konfliktpotenzial. Das Friedensabkommen ist zudem trotz der erfolgreichen Entwaffnung der Farc umstritten. Die konservative Opposition kritisiert den Vertrag als „Entgegenkommen an Terroristen“ und plädierte stets für die Fortsetzung einer harten militärischen Linie. Viele tausend Opfer der Paramilitärs warten dagegen auf Gerechtigkeit. Vor mehr als zehn Jahren begannen erste Prozesse, inzwischen ist dieser Teil der Geschichtsbewältigung aber weitgehend aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden.

Ein internationales Tribunal kam für Kolumbien nicht infrage. "Für die Versöhnung ist es wichtig, dass die Verhandlungen vor Ort stattfinden", glaubt Anja Heuft. Kolumbien habe auch die Voraussetzungen dafür, die juristische Aufarbeitung selbst zu organisieren. "Es handelt sich hier nicht um einen fragilen Staat, sondern um eine funktionierende Demokratie."

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