Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta : „Merkel hat Europa gerettet“

In der Asylpolitik habe Kanzlerin Merkel alles richtig gemacht, sagt der Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta – und erklärt, was die EU in Sachen Migration tun sollte.

Kanzlerin Angela Merkel in Berlin
Kanzlerin Angela Merkel in BerlinFoto: AFP/John MACDOUGALL

Herr Ramos-Horta, der Umgang mit Flüchtlingen entzweit die deutsche Gesellschaft. Kanzlerin Merkel steht seit 2015 unter politischem Druck, der sich gerade erst wieder entladen hat. Hat Frau Merkel in ihrer Asylpolitik Fehler gemacht?

Die Bundeskanzlerin hat damals richtig gehandelt. Hätte sie sich 2015 anders entschieden und die Flüchtlinge nicht willkommen geheißen, wären die Folgen katastrophal gewesen. Das hätte riesige Probleme ausgelöst – von Ungarn bis in die Türkei. Ich bin sicher, in den Geschichtsbüchern wird einmal stehen: Merkel hat damals Europa gerettet. Ich kann sagen, dass ich sie bewundere – für ihre kluge und mitfühlende Art, mit der sie Deutschland regiert und Europa führt. Wir leben in schwierigen Zeiten. Da brauchen wir mutige und weitsichtige Politiker wie Merkel.

Von der Willkommenskultur ist allerdings nicht mehr viel übrig. Europa schottet sich ab.

Ich verstehe das europäische Problem in der Flüchtlingsfrage. Die Länder der EU haben ihre eigenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Europa kann nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen. Das sollte man auch klar so sagen.

Der ehemalige Präsident Osttimors und Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta.
Der ehemalige Präsident Osttimors und Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta.Foto: AFP

Ist die Abschottung also richtig?

Nein, was ich meine ist: Die europäischen Regierungen müssen in der Flüchtlingsfrage eine Einigung finden und eine feste Zahl nennen, wie viele Menschen jedes Land aufnehmen kann.

Manche Regierungschefs wie Ungarns Ministerpräsident Orbán wollen aber gar keine Flüchtlinge aufnehmen.

Auch solche Positionen müssen wir verstehen. Ungarn ist ein kleines Land mit wenig Erfahrung, was Einwanderung betrifft. Hier muss die EU den Dialog weiterführen.

Sie sind also optimistisch, was eine Lösung im EU-Streit zur Migrationspolitik angeht?

Ja. Wichtig ist außerdem, dass die Migrationsfrage nicht nur eine europäische ist. Oft wird vergessen, dass sich viele Länder der Verantwortung für die Aufnahme von Flüchtlingen entziehen. Es muss zum Beispiel mehr Druck auf Staaten wie Saudi-Arabien geben, Flüchtlinge aufzunehmen. Es ist inakzeptabel, dass die Saudis im Jemen Krieg führen, aber keine Flüchtlinge aufnehmen.

José Ramos-Hortas ist der ehemalige Präsident des südasiatischen Staats Osttimor. Für das Engagement gegen Gewalt und Unterdrückung in seinem Land wurde ihm 1996 der Friedensnobelpreis verliehen.

Am Mittwoch, dem 11. Juli 2018, tritt Ramos-Horta in der Berliner Kammergesellschaft mit einem Kurzvortrag über sein politisches Leben auf. Dabei besteht die Möglichkeit, mit dem Ex-Präsidenten ins Gespräch zu kommen. Infos und Anmeldung per E-Mail unter leimbach@kammergesellschaft-berlin.de.

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