Frühe Kanzlerkandidatur : Und was, wenn Scholz gegen Baerbock antreten muss...

Zur SPD-Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz gab es kaum Alternativen. Aber ob das und der frühe Termin der Entscheidung ihm helfen werden? Ein Kommentar.

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen
Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die GrünenFoto: Paul Zinken/dpa

Rote Maske mit einem „Wir“ – wenn das nicht schon programmatisch ist. Jedenfalls eine Ansage mit Wumms: Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD, einstimmig in den Führungsgremien dazu bestimmt. Das erlebt er auch nicht alle Tage. Insofern war der Tag jetzt ein besonderer für Scholz, ein besonders schöner. Er hat erreicht, was er (als Zwischenziel) erreichen wollte. Wäre er noch Hamburger, könnte man sagen: in den Spuren von Helmut Schmidt.

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Nur ist er Olaf Scholz aus Osnabrück, jetzt in Potsdam beheimatet, die Hamburger Zeit ist Vergangenheit. Wenn ihm auch der Ruf vorauseilt, regieren zu können, ein Ruf, der sich bis heute hält: Beliebt in der Partei, die ihn tragen muss, war er nie. Ab heute muss das aber anders werden.

Im Verhältnis der beliebteste Genosse

Vor der Benennung lag die Zustimmung innerhalb der SPD zu einem etwaigen Kanzlerkandidaten Scholz bei 57 Prozent. Was seinen Wahlergebnissen auf Parteitagen als Vizevorsitzender entspricht, nur keinem, das einer braucht, der für die Sozialdemokratie das Ruder im Land übernehmen soll. Da wären 75 Prozent schon ein schlechtes Ergebnis.

Trotzdem: Scholz ist, nach Lage der Dinge, die bestmögliche Auswahl. Die Deutschen kennen und mögen ihn noch am meisten von allen Genossen. Wer hätte das gedacht, als er vor einem Dreivierteljahr mit Klara Geywitz dem Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, „Nowabo“, im Kampf um den SPD-Vorsitz unterlag. Einer: Scholz. Sein stärkster Prätorianer natürlich auch, Staatssekretär Wolfgang Schmidt.

Und Prätorianer wird Scholz brauchen – gegen Vorwürfe, die in den Monaten bis zur Wahl kommen werden. Hochmütig sei er, selbst gegenüber den eigenen Ministerpräsidenten; der Wirecard-Skandal zeige, dass es mit seiner Regierungsfähigkeit auch nicht so weit her sei; und wie viele Leute hat er ins Finanzministerium mitgebracht? 41? Rekordverdächtig.

Wat mut, dat mut. Kanzlerkandidat Olaf Scholz.
Wat mut, dat mut. Kanzlerkandidat Olaf Scholz.Foto: Fabrizio Bensch / REUTERS

Im Wahlkreis grüne Gegenkandidatin Baerbock

Das ist noch nicht alles. Zurück nach Potsdam: Vor diesem Tag jetzt war seine Wahlkreiskandidatur nicht so sicher; ein Wahlsieg im Wahlkreis ist es sowieso nicht. Genau da kandidiert nämlich Annalena Baerbock, die Grünen-Vorsitzende. Die mag fast jeder, außerdem ist sie politisch stark, was erklärt, warum die Grünen bundesweit ziemlich weit vor der SPD liegen. Also: Wenn die Grünen einen Kanzlerkandidaten oder eine Kandidatin suchen… wäre das ein Hammer-Ergebnis: Baerbock schlägt Scholz. Möglich ist es.

Die SPD denkt, wenn sie mit dem Kanzlerkandidaten früher dran ist als alle anderen, zahlt sich das aus. Nach dem Motto: mit vereinten Kräften von 14 auf 20 Prozent; 20 plus 20 (Grüne) plus 10 (Linke oder FDP) = 50 Prozent, die Mehrheit. Doch so einfach geht die Rechnung nicht auf. Sicher sind die 50 bei Weitem nicht.

„Nowabo“ und Esken sehen die Chance für eine Mehrheit links der Mitte. Sprich: eine mit Scholz auf der Suche nach dem „Wir“? Selbst wenn, die Linken und „Scholzomat“, der Mann der Agenda, passen inhaltlich bis zu diesem Tag nicht richtig. Einschränkung: bis zu diesem Tag. Die FDP, die Oberpragmatiker Scholz näher ist, kommt als Ersatz aber wohl nicht auf zehn Prozent. Als SPD einen grünen Kanzler stützen? Oder doch wieder die große Koalition? Alle diese Ideen zünden nicht. Es wird schwierig, wenn die Machtperspektive fehlt.

Ein schöner Tag für Olaf Scholz. Nur steht die Welt nicht still. Die kommenden Monaten können noch lang werden. Für ihn wie für die SPD.

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