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Das Hauptgebäude des Europa-Parlaments in Brüssel ist 25 Jahre nach Fertigstellung bereits Anlass für einen hoch karätig besetzten Architekturwettbewerb.

© European Parliament

Tagesspiegel Plus

Wettbewerb um EU-Parlamentsneubau: Wenn ein Nichtschwimmer für 400 Millionen Euro ein Hallenbad plant...

Das EU-Parlament in Brüssel ist baufällig. Die Gewinner-Entwürfe für ein neues Gebäude sind teils skurril – in Kürze soll ein Architekturbüro den Zuschlag erhalten.

Auch Gebäude können schlecht altern. Zum Beispiel das nach dem Belgier und EU-Gründervater benannte „Paul Henri Spaak“ in Brüssel. Das Hauptgebäude des Europa-Parlaments an seinem Sitz in der belgischen Hauptstadt ist erst 1995 fertiggestellt worden. Nur ein Vierteljahrhundert später ist es schon ein Fall für die Totalsanierung oder den Abriss.

Es genügt längst nicht mehr den Standards, die heute an die Sicherheit von Parlamenten gelegt werden müssen. Es schluckt viel Energie, es bietet zu wenig Raum für die gestiegenen Anforderungen, die die mit den Änderungen der EU-Verträge politisch immer wichtiger gewordene Kammer an ihr Hohes Haus stellt.

Ursprünglich als Kongresszentrum von Projektentwicklern und ohne Beteiligung des Parlaments gebaut, landete das Gebäude irgendwie dann doch im Besitz des Europa-Parlaments. Es hat dort einen Plenarsaal bezogen, wo im Jahr zehn bis 14 Sitzungstage abgehalten werden.

Quelle des Spotts

Das „Spaak“ muss man als eine jener berüchtigten belgischen Lösungen sehen. Mit dem Begriff „belgische Lösung“ macht sich der Volksmund darüber lustig, wenn im öffentlichen Raum wieder einmal etwas gehörig schiefgegangen ist.

Spaak, der Sozialist aus Wallonien, hatte einen Bericht geschrieben, aus dem sich später die „Römischen Verträge“ und damit die heutige EU entwickelt haben. Den architektonischen Problemfall des nach ihm benannten Gebäudes will Parlamentspräsident David Sassoli jetzt angehen.

Er hat einen hoch karätigen Architekturwettbewerb nach den Regeln der internationalen Standesvereinigung, der Union Internationale des Architectes (UIA), ausgelobt. 130 Büros aus der ganzen Welt haben sich beteiligt.

15 Vorschläge kamen in die Vorauswahl und wurden als Modell im Maßstab 1:200 gebaut. Wie zu hören ist, waren darunter sensationelle Entwürfe. Keine zwei kamen aus ein und demselben Land.

Vergangene Woche hat die Jury getagt – jeweils zur Hälfte besetzt mit Architekten sowie Vertretern aus Politik und Verwaltung. Die Juroren unter dem Vorsitz der dänischen Architektin Dorte Mandrup - darunter auch die beiden Vizepräsidenten des Parlaments, der Stuttgarter Europa-Abgeordnete Rainer Wieland (CDU) und der portugiesische Sozialist Pedro Silva Pereira – haben stundenlang und unter strengster Abschirmung von der Öffentlichkeit die Entwürfe studiert.

Sie haben analysiert, wie sich die Vorschläge städtebaulich in das nicht gerade gefällige Europaviertel zwischen Place du Luxembourg und Parc Leopold eingliedern, wie ihre Funktionalität und ihre energetischen Qualitäten zu bewerten ist.

Noch ist alles streng geheim

Am Donnerstag hat die Jury die ersten fünf Plätze und die gestaffelten Preisgelder vergeben. Der Sieger-Entwurf erhält 120.000 Euro, der fünftplatzierte 40.000 Euro. Als Aufwandsentschädigung erhält jedes Büro, das unter die besten 15 gekommen ist, zudem 75.000 Euro.

Noch ist alles streng geheim. Nicht einmal die Jury-Mitglieder wissen, wie das Büro heißt oder wo es seinen Sitz hat, für das sie ihre Stimme gegeben haben. Man will unbedingt verhindern, dass das einsetzt, wofür Brüssel durchaus berüchtigt ist: Lobbying. Länder- oder Parteienproporz soll diesmal also bitte keine Rolle spielen. Der beste Vorschlag soll das Rennen machen.

Der Tagesspiegel hat aus Kreisen der Jury erfahren, dass es am Ende eine ganz enge Entscheidung war. Unter den fünf prämierten Vorschlägen sind je zwei Entwürfe für einen kompletten Neubau sowie für eine grundlegende Renovierung des „Spaak“, außerdem ein Entwurf für eine Mischform aus Neubau und Sanierung. Das Projekt hat eine finanzielle Dimension zwischen 300 und 400 Millionen Euro.

90.000 Quadratmeter Fläche sind zu gestalten. Im Zentrum der Planungen steht der neue Plenarsaal. Es bedarf zudem eines gesonderten Zugangs für das Protokoll. Außerdem fehlt es an Räumen für die „Triloge“ – den informellen Verhandlungen zwischen den beiden Co-Gesetzgebern Parlament und Ministerrat unter Begleitung der Kommission, in denen mittlerweile so gut wie alle EU-Gesetzgebungsvorhaben entschieden werden. Mit den Bauarbeiten soll 2024 begonnen werden, 2029 will man fertig sein.

Auf dem ersten Platz landete dem Vernehmen nach der Vorschlag für eine Renovierung, zweitplatziert ist ein Neubau-Entwurf. Aus der Jury verlautet in Kassandra-Manier: Zwei Entwürfe seien so verspielt, dass sie jenseits des Akzeptablen seien.

Ein heikles Bauvorhaben

Es gebe Modelle, die seien so formschön und zweckfrei, als habe ein Nichtschwimmer ein Hallenbad geplant. Selbst Vorschläge, die auf den ersten Plätzen landeten, seien nicht die größten Energiesparer. Zugleich habe das Kriterium Spitzenfunktionalität am Ende doch „nicht den Fisch vom Teller gezogen“.

Für die beteiligten Politiker ist der „Spaak“-Bau heikel. Bei Vorhaben dieser Dimension ist die Gefahr immer, dass das Projekt in der Öffentlichkeit wegen ästhetischer Fragen zerrissen wird oder beim Bau etwas schiefgeht und die Kosten explodieren.

Die Elbphilharmonie, Stuttgart 21, der Berliner Flughafen lassen grüßen. Andererseits stehen die 705 gewählten derzeitigen Europa-Abgeordneten in der Verantwortung, ihren Nachfolgern in den 30er Jahren ein arbeitsfähiges Parlament zu übertragen.

Das Präsidium im Hohen Haus muss sich schnell entscheiden. Je näher die nächste Europa-Wahl 2024 kommt, desto größer dürften die Phantomschmerzen sein. Zunächst musste den Architekten in der Jury wohl deutlich gemacht werden, dass ein Sieg beim Wettbewerb noch kein Selbstläufer ist.

Die Zunft war wohl davon ausgegangen, dass es doch einer besonderen Begründung bedürfe, wenn am Ende nicht der erstplatzierte Entwurf realisiert werde. Doch Vertreter des Bauherrn machten das Primat der Politik geltend: Die Entscheidung fällt das Präsidium des Europa-Parlamentes, also Parlamentspräsident David Maria Sassoli und seine 14 Vize-Präsidenten. Einen Termin dafür gibt es noch nicht.

Der Beschluss soll aber möglichst noch im Laufe des März fallen. Je länger es dauert, so das Kalkül, umso größer ist auch die Gefahr von undichten Stellen im Apparat. Es wird erwartet, dass auch im Kreis der 15 Politiker, die letztlich die Entscheidung fällen, die Abstimmung eine ganz knappe Sache wird.

Der Hauptsitz des Europa-Parlaments ist Straßburg. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron pocht darauf, dass dort zwölf Mal im Jahr der Souverän für vier Tage am Stück zusammenkommt.

Auch wenn der „Wanderzirkus“ des Parlaments von Brüssel nach Straßburg aufwändig und unbequem ist, hängen die meisten Abgeordneten an Straßburg: Wenn das Parlament in der Stadt im Elsass tagt, bekommen sie mehr mediale Aufmerksamkeit. In Brüssel steht es mehr im Schatten der EU-Kommission sowie der Mitgliedstaaten im EU-Ministerrat sowie bei den Gipfeln der Staats- und Regierungschefs.

Seit Ausbruch der Pandemie ist Straßburg als Standort des Parlamentes komplett verwaist. Aus Hygienegründen durften dort keine Sitzungen mehr stattfinden. Zumindest während der fünfjährigen Bauzeit des „Spaak“ kann Straßburg hoffen, parlamentarisch ganz groß rauskommen. Von 2024 bis 2029 werden wegen der Bauarbeiten keine Sitzungen in Brüssel stattfinden können.

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