Fußball und der DFB : Deutschlands WM-Fiasko muss rasch aufgearbeitet werden

Fußball besitzt immer noch die Kraft, alles zu überstrahlen. Doch das schockierende Ausscheiden der Deutschen nicht. Der DFB hat Nachholbedarf. Ein Kommentar.

Jogi Löw wirkte uninspiriert. Jetzt schweigt er. Und doch kann er weitermachen, als wäre nichts geschehen
Jogi Löw wirkte uninspiriert. Jetzt schweigt er. Und doch kann er weitermachen, als wäre nichts geschehenFoto: Peter Schatz, imago, ActionPictures

Nun geht sie also zu Ende, diese WM, auf die in Deutschland nicht einmal die vielen Fußballfans so richtig hingefiebert hatten. Einigen war schon vorher die Lust vergangen an der Weltmeisterschaft in Russland, im Land des Wladimir Putin. Dort, wo viele Menschen nicht so frei leben können, wie sie gerne wollen. Wo die Zuschauer im Stadion möglicherweise gar nicht sicher sein würden. Wo vielleicht systematisch gedopt wird, um sportliche Bestleistungen zu bringen. Was für ein Turnier sollte das nur werden?

Vier WM-Wochen später ist alles anders gekommen – sportlich wie organisatorisch. Dass eine Mannschaft wie Kroatien, die sich seit dem Achtelfinale mehr durchkämpft als spielt, zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit hat, sich den Goldpokal zu schnappen, sagt einiges aus über die insgesamt meist maue sportliche Qualität der WM. Es zeugt aber auch davon, dass im Sport mit viel Willen und Herzblut fast alles möglich ist und viel mehr erreicht werden kann als ein Titel. Fußball besitzt eben immer noch die Kraft, alles zu überstrahlen und nicht nur die eigene Nation mitzureißen; das wissen die Deutschen aus dem heißen WM- Sommer 2006 nur all zu gut.

Begeisterung siegt über Bedenken

Auch diesmal war es wie so oft: Wenn es endlich losgeht, wenn der Ball über den Rasen rollt, siegt die Begeisterung über die Bedenken. Die Russen sind allseits für ihre Gastfreundschaft, die gute Organisation und ihre Feierlaune gelobt worden, die das furios aufspielende russische Team noch weiter anheizte. Gab es mal irgendwelche Sicherheitsbedenken? Tatsächlich wird sich möglicherweise erst später zeigen, zu welchem Preis die WM gelaufen ist und wie viele Repressionen im Hintergrund nötig waren, damit das Fest so festlich über die Bühne gehen konnte.

Im Moment aber scheint das erwartete Chaos im Gastgeberland geringer ausgefallen zu sein als etwa beim Deutschen Fußball-Bund nach dem einmalig frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft. Die Tatsache, dass für Deutschland erstmals bereits in der Vorrunde einer WM Schluss war, schockierte – selbstverständlich. Viele Spieler liefen ihrer eigenen Topform, mit der sie sich 2014 in Brasilien zum Titel geschossen hatten, meilenweit hinterher. Es war keine Mannschaft, kein Team im eigentlichen Sinne, das da in Russland auf dem Platz stand. Doch noch viel schlimmer als der sportliche Ausfall ist der strukturelle danach.

Alles läuft einfach weiter

Bis heute hat kein Verantwortlicher im Verband die Gründe für das Scheitern ausführlich analysiert und öffentlich benannt. War das deutsche Team gespalten in zwei Lager? Welche Auswirkungen haben die internen und externen Querelen um das Foto der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan wirklich auf die sportliche Leistungsfähigkeit gehabt? Steckten nicht ganz andere, fachliche Probleme hinter den meist uninspirierten Spielen? Warum wirkte der Bundestrainer Joachim Löw so unflexibel während der Spiele und so unnahbar abseits des Platzes?

Weder ihm noch dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel ist es gelungen, die Debatte um Özil und Gündogan anständig und angemessen zu moderieren. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mit dafür verantwortlich zu sein, dass aus der Causa inzwischen eine gefährliche gesellschaftliche Diskussion geworden ist, die Menschen am rechten Rand und darüber hinaus nur zu gerne für ihre Zwecke nutzen. Dass der Bundestrainer trotzdem einfach weiterschweigt und offenbar alles weiterläuft, als wäre nichts geschehen, ist nicht zu akzeptieren.

Löw wie der Verband haben dringenden Nachholbedarf. Je länger sie warten, desto aufgeregter wird die Debatte geführt, desto lauter wird das Schweigen wahrgenommen. Handelt der DFB nicht rasch, könnte er das bitter zu spüren bekommen. Dann wird es doch noch ein heißer WM-Sommer für Fußballdeutschland. Nur ganz anders, als die meisten es sich vorgestellt hatten.

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