Alle behandeln sich äußerst liebenswürdig

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Update
G8-Gipfel in Camp David : Balance zwischen Sparen und Wachstum gesucht

„Was für ein hübscher, friedlicher Ort!“, lobt der Brite David Cameron bei der Begrüßung. „Ja, es ist nicht schlecht“, erwidert Obama mit demonstrativer Bescheidenheit. Der Russe Dmitri Medwedew schwärmt: „Hier will ich bleiben.“ Er ist in Vertretung des neuen Präsidenten Wladimir Putin, den er als Premierminister abgelöst hat, gekommen und trägt ein etwas zu knallblaues Jacket.

Die Weltwirtschaft und die Eurokrise stehen erst am Samstag auf der Tagesordnung. Auch da wird der familiäre Frieden gewahrt. Es gehe um eine Balance zwischen Budgetdisziplin und Wachstum, verkünden Hollande, Merkel, Monti und Obama nacheinander vor den Medien. Selbst vor den nationalen Reportern widerstehen Merkel und Hollande der Versuchung, die Akzente entsprechend ihren Vorlieben – Wachstum bei Hollande, Sparen bei Merkel – zu verschieben. Sie behandeln sich liebenswürdig. Selbst Pannen im Ablauf stellen sie so dar, als seien es gezielte Akte der Höflichkeit. Eigentlich soll erst Merkel zu deutschen, dann Hollande zu französischen Reportern sprechen. Doch die amerikanischen Begleiter führen versehentlich die französische Presse zuerst in den Raum. Die Deutschen tun so, als hätten sie Hollande den Vortritt gelassen. Und der revanchiert sich mit der Vorgabe, er werde nur zwei Fragen französischer Reporter zulassen, damit genug Zeit für Merkel bleibe.

Bildergalerie: Hollandes Amtseinführung

Präsident im Regen
Präsident im Regen: Bei teilweise schlechtem Wetter hat Frankreichs neuer Staatspräsident Francois Hollande in Paris sein Amt angetreten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Reuters
15.05.2012 11:07Präsident im Regen: Bei teilweise schlechtem Wetter hat Frankreichs neuer Staatspräsident Francois Hollande in Paris sein Amt...

Beim Dinner am Freitagabend waren Iran, Syrien, Nordkorea, Birma die Themen. Es dauerte mehr als zwei Stunden. Gegenüber Iran bekräftigen die G 8 ihre „duale“ Strategie aus Diplomatie und Sanktionsdruck, informierte ein Berater Obamas zu später Stunde ausgewählte Reporter über den Gesprächsverlauf. „Pool“ nennt man die kleine Gruppe fast ausschließlich amerikanischer Medienvertreter, die nach den Begrüßungsfotos auf dem Gelände bleiben darf und zu der neuerdings auch ein ausländischer White-House-Korrespondent Zutritt hat. Auch Russland unterstütze das Vorgehen bei der Verhandlung  mit Iran am 23. Mai. Länder wie Japan hätten sich inzwischen vom Import iranischen Öls unabhängig gemacht. Im Umgang mit Syrien gebe es noch Differenzen mit Moskau. Diskutiert wurde, wie man den Annan-Plan zur Beendigung der Gewalt und einem friedlichen Machtwechsel besser unterstützen könne. Nordkorea wolle man vor die Wahl stellen, Provokationen wie die Tests von Raketen zu unterlassen oder in die völlige Isolation zu geraten. In Burma begrüßen die G8 die Liberalisierung, reagieren mit der Linderung der Sanktionen, erwarten aber weitere Schritte zur Demokratisierung. Am Freitag Vormittag hat Obama die Bekämpfung des Hungers in Afrika, ein Versprechen von früheren Gipfeln, mit einer öffentlichen Rede in die Schlagzeilen gebracht. Der Milliardenbetrag, den die G8 in Aquila 2009 zur langfristigen Nahrungssicherung zugesagt hatten, sei erreicht worden.

Zur Euro-Krise heißt es aus Obamas engstem Umfeld: In den Medien würden „Austerität“ und „Wachstum“ zu sehr als Gegensätze dargestellt. Es gehe um die richtige Balance. Aber ein bisschen weniger Austerität als Merkel halte das Weiße Haus für angebracht – damit die Eurozone sich nicht in eine Rezession hinein spare.

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