Gästezahlen : Berlin bleibt begehrt, die Stimmung entspannt

Am 15. August 2017 meldete Air Berlin Insolvenz an. Wie geht es dem Tourismus in der Hauptstadt ein Jahr nach der Pleite der Fluggesellschaft?

Beliebtes Ausflugsziel bei Berlin-Touristen: Der Dom in der Mitte der Stadt.
Beliebtes Ausflugsziel bei Berlin-Touristen: Der Dom in der Mitte der Stadt.Foto: Jens Büttner/picture alliance/dpa

„Ausgewogenes Wachstum“ ist das Stichwort, mit dem Burkhard Kieker, Chef von „Visit Berlin“, seine Halbjahres-Pressekonferenz am Dienstag einleitet. Gleich drunter im Kleingedruckten steht auch noch „gesundes Wachstum“ – das alles lässt sich so verstehen, dass Berlin zwar nicht plötzlich überrannt wird, die Zäsur von Ende 2017 aber überwinden konnte und nun mit einem Halbjahreszuwachs von mehr als vier Prozent wieder einem neuen Rekordjahr entgegenstrebt. 6,4 Millionen Besucher kamen von Januar bis März in die Stadt, das sind 4,4Prozent mehr als im Vorjahr. Sie trieben die Zahl der Übernachtungen auf 15,3 Millionen, was einem Plus von 4,2Prozent entspricht. Das bedeutet auch, dass die durchschnittliche Dauer eines Besuchs in der Stadt leicht abnahm und nun 2,4Tage beträgt.

Der durchschnittliche Besucher ist 40 Jahre alt

Wie immer kommt eine Mehrheit der Berlin-Besucher aus Deutschland: 55,7Prozent aller von der Statistik erfassten Gäste reisten von dort an, die meisten aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Eine Untersuchung des „Qualitätsmonitors Deutschland“ gibt auch Auskunft über die Gründe, die in den Augen der Besucher für Berlin sprachen: Allem voran waren es die Sehenswürdigkeiten, gefolgt vom Kunst- und Kulturangebot, dem Stadtbild und der Geschichte der Stadt. Das Thema Party/Nachtleben steht überraschend nur auf dem zehnten Platz, aber auch dafür hat Kieker eine Erklärung, die möglicherweise nicht ganz zum Image Berlins passt: Der durchschnittliche Besucher sei rund 40 Jahre alt und damit ohnehin nicht mehr auf der Suche nach dem ultimativen Party-Kick.

Zehn Prozent mehr Touristen aus China

Solide, zum Teil überdurchschnittliche Zuwächse gab es im ersten Halbjahr bei den ausländischen Touristen. Traditionell liegen weiterhin die Briten vorn, denen der Brexit bislang die Reiselaune nicht verhagelt hat. Gezählt wurden 815.102 Übernachtungen, das entspricht einem Zuwachs von 3,3 Prozent. 558.644 Übernachtungen entfielen auf US-Amerikaner, 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

In der Rangliste folgen dann Italien (+2,5 Prozent), Spanien (+5,1 Prozent), die Niederlande (+4,5 Prozent), Frankreich (+4,5), die Schweiz (+5,3 Prozent) und Dänemark mit einem Zuwachs von sogar 7,5 Prozent. Kieker: „Manchmal hat man ja in der Bahn den Eindruck, die Dänen sind allesamt hier.“ Auf dem zehnten Platz der Liste stehen die Russen mit einem enormen Anstieg von 17,2 Prozent – dies führt Kieker auf die Tatsache zurück, dass die mit dem internationalen Embargo zusammenhängenden Reisebeschränkungen für Russen wieder gelockert wurden. Bei den Ukrainern wurden sogar 60 Prozent mehr Übernachtungen gezählt, allerdings waren es insgesamt auch nur gut 7000. Aus der Volksrepublik China wurden dagegen 126.630 Übernachtungen gebucht, ein Zuwachs von zehn Prozent – das kommt schon knapp an das schwächelnde Belgien heran.

Vermietungen über Online-Portale werden nur geschätzt

Den stärksten Einbruch bei den mengenmäßig relevanten Ländern sehen die Statistiker bei der Türkei, deren Währung im betreffenden Zeitraum massiv nachgab: 84.185 Übernachtungen, ein Minus von 13,1 Prozent. Nicht enthalten sind in all diesen Statistiken wie immer Gäste, die privat oder über Onlineportale wie Airbnb unterkommen, weil deren Zahl nicht exakt erfasst, sondern nur geschätzt werden kann.

Nun sind diese Millionen Gäste keineswegs alle nur Touristen im engeren Sinn mit Funktionsjacken und Reiseführer im Rucksack. Immer wichtiger werden auch die internationalen Kongressteilnehmer, deren Zahl im ersten Halbjahr 2018 erstmalig die Millionengrenze überstieg, das sind rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr; allein der Diabetes-Kongress im Frühjahr im „City Cube“ hatte 18000Teilnehmer. Insgesamt wurden 65.790 Veranstaltungen mit 5,08 Millionen Teilnehmern registriert. Kongressbesucher wie auch klassische Geschäftsreisende werden immer besonders gern gesehen, weil sie überdurchschnittlich viel Geld in der Stadt lassen. Insgesamt generierten die Kongresse 3,98 Millionen Übernachtungen, also etwa ein Viertel der Gesamtzahl der Berlin-Besucher.

Es sieht nach einem neuen Besucherrekord aus

Die Prognose für den Rest des Jahres lässt demnach auf einen neuen Besucherrekord schließen, zumal die attraktive Leichtathletik-WM viele Gäste in die Stadt gebracht hat. Große Hoffnungen liegen nun noch auf dem Fest der Deutschen Einheit, das vom 1. bis 3. Oktober diesmal in Berlin stattfindet. „Nur mit euch“ ist das Motto der Veranstaltung rund um die Straße des 17.Juni und den Reichstag.

Berlin bietet mehr, als der Reiseführer zeigt

Anders als in Städten wie Venedig oder Barcelona sehen die Berliner Tourismus-Werber die Situation in der Stadt als weitgehend ausgewogen an. Es gebe relativ hohe Belastungen in Teilen von Mitte und Prenzlauer Berg, sagte Kieker, das sei einer der Gründe dafür, dass das neue Tourismus-Konzept des Senats nun auch die Anziehungspunkte anderer Bezirke in den Vordergrund stellen will. Es sei dabei aber nicht geplant, Touristen zwangsweise nach Köpenick zu schicken, sondern es gehe darum, Wiederholungsgästen zu zeigen, was Berlin außerhalb der gängigen Reiseführer noch zu bieten hat.

Die Tourismus-Werber hoffen nun inbrünstig auf den Flughafen BER, der Berlin erst so richtig mit der weiten Welt verbinden soll. Denn Tegel, so haben sie ermittelt, liegt mit der Zahl der Langstreckenverbindungen – aktuell sechs – auf dem Niveau von Kiew, noch hinter Budapest. London hat 155.

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