Gaza, der ESC und die Hamas : Israel soll einen hohen Preis für eine Feuerpause zahlen

Ein Angriff auf den ESC ist für Israel eine Horrorvorstellung. Das weiß auch die islamistische Hamas – und versucht, den Feind zu Zugeständnissen zu zwingen.

Die Hamas und ihre Kassam-Brigaden wollen Israel vor dem ESC in Bedrängnis bringen.
Die Hamas und ihre Kassam-Brigaden wollen Israel vor dem ESC in Bedrängnis bringen.Foto: imago/Zuma Press

Es ist eine Situation ganz nach dem Geschmack der Hamas. Israel, der verhasste Erzfeind der Islamisten, benötigt dieser Tage vor allem eines: Ruhe. Schließlich beginnt in dieser Woche mit dem Eurovision Song Contest (ESC) ein internationales Großereignis.

Das heißt, die Welt schaut auf das kleine Land am Mittelmeer. Millionen werden aufmerksam verfolgen, wie der in Tel Aviv ausgetragene Gesangswettbewerb über die Runden geht.

Es ist ein prestigereiches Fest. Und damit eine willkommene Gelegenheit für Israel, sein Image aufzupolieren. Das Ansehen könnte aber auch enormen Schaden nehmen, sollte es womöglich zu Angriffen auf den ESC kommen, sei es mit Raketen oder durch bewaffnete Terroristen. Israel und seine Führung stehen also vor einer hochsensiblen Zeit.

Die Islamisten wollen Israel zu Zugeständnissen nötigen

Die Hamas und andere Extremistenorganisationen wie der vom Iran unterstützte Islamische Dschihad wissen das ganz genau. Sie sind zuversichtlich, dass der jüdische Staat gerade jetzt erpressbar und zu weitreichenden Zugeständnissen bereit sein könnte. Zum Beispiel, dass die Abriegelung des Gazastreifens gelockert wird. Auf jeden Fall sollen die „Zionisten“ für eine Waffenruhe einen hohen Preis zahlen.

Das Tor zur Welt. Für Israel ist der ESC eine große Sache.
Das Tor zur Welt. Für Israel ist der ESC eine große Sache.Foto:Jack Guez/AFP

Um zu zeigen, was drohen könnte und wozu sie in der Lage sind, feuerten radikale Palästinensergruppen erst vor wenigen Tagen Hunderte Raketen vor allem auf den Süden Israel ab. Die Armee des jüdischen Staats reagierte mit massiven Vergeltungsschlägen. Es waren die schwersten Zusammenstöße seit dem Gazakrieg 2014.

Seit einigen Tagen gibt es eine von Ägypten vermittelte Feuerpause. Israel hat mittlerweile auch die Grenzübergänge zum Küstenstreifen wieder geöffnet. Das Fischereiverbot für Palästinenser soll ebenfalls aufgehoben worden sein.

Hunderttausende Menschen in Gaza sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Hunderttausende Menschen in Gaza sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.Foto: Said Khatib/AFP

Doch keiner kann mit Sicherheit sagen, ob diese Ruhe in den nächsten Tagen Bestand haben wird. Repräsentanten der Terroristen haben jüngst gedroht, man werde verhindern, dass der ESC ein Erfolg wird. „Es kann nicht sein, dass sie singen und Spaß haben, während wir leiden.“

Dass die Lage der zwei Millionen Gazaner dramatisch ist, steht außer Frage. Im Küstenstreifen mangelt es an allem. Mehr als die Hälfte der Einwohner ist verarmt und auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Menschen sind frustriert und erzürnt über ihre katastrophalen Lebensbedingungen.

Unmut und Frust in Gaza

Aber sie machen dafür nicht mehr allein Israel verantwortlich, sondern immer häufiger auch die seit 2007 mit harter Hand herrschende Hamas. So gab es erst im März Proteste im Gazastreifen. Demonstranten riefen Slogans wie „Wir wollen leben.“ Es dauerte aber nicht lange, bis Sicherheitskräfte der Islamisten mit großer Gewalt gegen die Unmuts-Kundgebung vorgingen.

Jedoch ist das bisher kein Grund für Israel zu frohlocken. Vielmehr könnten die Extremisten versuchen, mit Attacken gegen den ESC von ihrer eigenen Lage abzulenken. Nach Jerusalems Überzeugung sind die Milizen in der Lage, mit ihren Raketen Tel Aviv zu erreichen. Ein Angriff etwa auf den Flughafen Ben Gurion gehört im jüdischen Staat zu den Horrorszenarien – vor allem in ESC-Zeiten.

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