Gefühle und Politik : AfD-Wähler sind pessimistisch, CDU-Wähler optimistisch

Eine Studie untersucht Gefühle von Wählern – und sieht eine Kluft zwischen AfD- und CDU-Anhängern. Eine Gemeinsamkeit gibt es bei Anhängern von AfD und Linken.

Zahlreiche Teilnehmer von Bündnis "Stuttgart gegen Rechts" veranstalten nahe einer Demo der Jugendorganisation der AfD eine Gegendemonstration.
Zahlreiche Teilnehmer von Bündnis "Stuttgart gegen Rechts" veranstalten nahe einer Demo der Jugendorganisation der AfD eine...Foto: Christoph Schmidt/dpa

Dass Gefühle und Stimmungen Wahlen mit entscheiden können, ist an sich keine Neuigkeit. Vor allem Anhängern extremer und populistischer Parteien wird gern unterstellt, dass ihr Bauch oft das wichtigere Wahlorgan als der Kopf ist. Dafür stehen Wortschöpfungen wie „Wutbürger“ oder die „Partei der schlechten Laune“, wie SPD-Vize Olaf Scholz in einer Analyse die AfD betitelte.

Um so verblüffender, dass sich die Wahlforschung mit dem Unterbewussten bisher kaum beschäftigt hat. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) legt jetzt eine erste Pilotstudie vor – mit zumindest auf den ersten Blick ihrerseits verblüffenden Ergebnissen.

Die größte Überraschung liegt darin, dass die populäre Vermutung womöglich gar nicht stimmt, dass sich Anhänger von AfD und CDU relativ ähnlich sind. „Im Gegenteil“, sagt KAS-Chef Norbert Lammert – beide Gruppen zeigen sich emotional weit voneinander entfernt. Kurz gesagt, überwiegen in der Union die Optimisten, während sich bei der AfD die Pessimisten und Ängstlichen versammeln.

Um diese Distanz zu vermessen, hatten die KAS-Forscher um Carola Neu und Sabine Pokorny in normale Wahlumfragen von Demoskopen einige Spezialfragen gestellt. Die Befragten konnten etwa ankreuzen, ob sie für Deutschlands Zukunft schwarz sehen oder darauf vertrauen, dass das Land künftige Herausforderungen schon meistern wird.

Unter den Anhängern aller Parteien erwiesen sich die Schwarzseher bei Union (14 Prozent) und FDP (15 Prozent) als kleine Minderheit. Bei der Linken (53 Prozent) und erst recht der AfD (83 Prozent) dagegen stellen sie die Mehrheit.

Eine Erklärung ist schwierig

So eindeutig jedoch die Unterschiede, so schwierig ihre Erklärung. Dass etwa die AfD gewissermaßen ein eigener Volksstamm sein soll, erscheint wenig plausibel; schließlich gab es ihre Wähler auch früher schon, nur eben bei anderen Parteien. KAS-Forscherin Neu berichtet andererseits, dass ihr die Idee zu der Studie überhaupt erst bei Interviews mit AfD-Anhängern für ein anderes Projekt kam. Die Gespräche hätten einen „gelinde gesagt eigenwilligen Charakter“ gehabt – über alle Unterschiede im sozialen Status und bei inhaltlichen Einstellungen hinweg habe sich bei der „Alternative“-Anhängerschaft die gleiche „psychologische Grundgestimmtheit“ gezeigt.

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Was davon Ursache ist und was Wirkung, kann die Studie auf ihrer dünnen Datenbasis freilich nicht unterscheiden. Vielleicht wählen Menschen mit chronisch schlechter Laune und düsterer Weltsicht eher AfD. Neu vermutet, dass diese Stimmungen genau wie eine Nähe zu Populismus und Radikalismus latent lange vorhanden waren. Möglich wäre aber auch, dass solche Charakterzüge das Parteiklima derart prägen, dass sie dort quasi zum guten Ton gehören.

Was folgt daraus für andere Parteien, speziell die CDU? Lammert, von Haus aus studierter Sozialwissenschaftler, warnt vor flotten Schlüssen. Tatsächlich ist die Gefahr von Fehldeutungen groß. So konnten die Befragten ankreuzen, ob sich „so wenig wie möglich verändern“ soll oder wir „uns weiterentwickeln (müssen), sonst büßen wir den Wohlstand ein.“ Das Ergebnis wirkt zunächst paradox: Die meisten strukturkonservativen Status-Quo-Bewahrer (21 Prozent) finden sich bei der SPD, die wenigsten, gerade fünf Prozent, bei der AfD.

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Daraus allerdings zu schließen, dass der Union ein konservativerer Kurs nicht helfen würde, AfD-Wähler zurück zu gewinnen, ginge viel zu weit. Die Vermutung liege doch nahe, sagt Lammert, dass jeder das Wörtchen „weiterentwickeln“ in seinem Sinne deute und also die 91 Prozent Veränderungswilligen bei der AfD „nicht alle die Republik nach vorne, sondern eher nach hinten verändern wollen“. Trotzdem, interessant findet der CDU- Mann die Befunde schon. Zumindest gäben sie einen Hinweis darauf, dass CDU und AfD eben nicht „die gleiche Kundschaft“ bedienen.

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