• Gelbwesten: Radikales und Subversives nicht aus Parteien, sondern aus der Mitte der Gesellschaft

Gelbwesten : Radikales und Subversives nicht aus Parteien, sondern aus der Mitte der Gesellschaft

Der Protest von Sanders, Wagenknecht & Co. ist zu oft langweilig. Ein Kommentar.

Demonstranten stehen vor dem Arc de Triomphe.
Demonstranten stehen vor dem Arc de Triomphe.Foto: Elyxandro Cegarra / ZUMA Wire / dpa

Kommt er jetzt, der ganz große Gegenschlag? Endlich? Es mutet fast revolutionär an, was die zwei Säulenheiligen der globalen Linken, Bernie Sanders und Yanis Varoufakis, vor knapp zwei Wochen im amerikanischen Vermont ausriefen: die Progressive Internationale, eine linke Sammelbewegung für globale Gerechtigkeit und gegen autoritären Nationalismus. Der internationalen Koalition rechter Strömungen, die sich nach der Finanzkrise gebildet habe, müsse etwas entgegengesetzt werden, erklärte Varoufakis.

Also soll jetzt ein linker Schulterschluss den Siegeszug der Nationalisten und Populisten stoppen und der Linken wieder zu alter Stärke verhelfen? Klingt vielversprechend, doch statt großem medialen Echo erfuhr die Meldung wenig Beachtung. Auch das linke Star-Ensemble um Sanders und Varoufakis kann nicht über die programmatische Inhaltsleere der Bewegung und ihre ausgelutschte, oberflächliche Kapitalismuskritik hinwegtäuschen. Die Wahrheit ist: Die Bewegung langweilt schon, bevor sie überhaupt loslegt hat.

Subversives Erbe streitig gemacht

Zeitgleich macht in Frankreich der Protest der Gelbwesten Schlagzeilen und gilt schon als politische Revolution. Schnell wurden Parallelen zu den Studenten- und Arbeiterprotesten vor 50 Jahren gezogen, die Gelbwesten als ernste Gefahr für den Status Quo ausgemacht. Sie scheinen all das zu verkörpern, was sich die Linke seit Jahren wünscht. Besonders im Jubiläumsjahr der 68er ist die Sehnsucht nach Aufbruch und Aufstand im linken Lager groß.

Eigentlich wollten Sammelbewegungen wie die Progressive Internationale oder Sahra Wagenknechts #aufstehen davon profitieren, der Linken neues Leben einhauchen und sie wieder näher an die Bürger rücken lassen. Stattdessen macht ihr mit den Gelbwesten ausgerechnet eine Bewegung, die auch viele rechte Anhänger hat, das subversive Erbe streitig. Die Parallelen zwischen Gelbwesten und 68ern sind ohnehin größtenteils medial konstruiert, aber die Schlagkraft der Bewegung macht Eindruck auf die Linke.

Jean-Luc Mélenchon, Chef der linken Sammelbewegung La France Insoumise, und die Politologin Chantal Mouffe sehen in dem Protest trotzdem die Chance eines linken Gegengewichts zum Rechtspopulismus. Édouard Louis, literarischer Shootingstar Frankreichs, reklamiert die Bewegung gleich für die Linke und schreibt in einem offenen Brief, eine weitere Niederlage der Unterdrückten gegen das Establishment würde sie nicht verkraften. Doch auch von rechts wird um die Bewegung gebuhlt und zwar mit deutlich besseren Karten.

Die Wut und Frustration, die sich auf den Straßen entladen, sind wichtige Rohstoffe, die alle politischen Lager anzuzapfen versuchen. Denn das Radikale und Subversive kommt nicht aus den Parteizentralen, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Egal ob links oder rechts, Bewegungen wie die Gelbwesten, Pegida oder auch #MeToo kennen ihre Macht, wissen sie richtig einzusetzen. Sie schaffen, woran die meisten Parteien scheitern: eine konkrete und authentische Interessenvertretung – auch wenn sie damit polarisieren. Wer in ihrem Namen sprechen will, darf keine Angst vor Radikalität und Kompromisslosigkeit haben. Das haben die Rechten den Linken voraus. Sie wandeln die Wut auf den Straßen in eine Politik der Angst um, scheuen keine Konflikte, respektieren keine Tabus oder Strukturen. Es ist eine trügerische Praxis, aber sie geht auf, denn sie simuliert dem Einzelnen wieder Relevanz. Das hat linke Politik verlernt.

Den Gelbwesten geht es darum, wahrgenommen und gehört zu werden, nicht nur, sondern gerade auch von den Linken. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel betonte Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier, die Linke habe die Proteste der Gelbwesten mitzuverantworten, weil sie zu elitär geworden seit und die Anliegen der Unterprivilegierten nicht mehr politisch vertreten könne. Dabei fußte die Stärke der Linken einst darauf, genau diese Gesellschaftsgruppen - Arbeiter, Migranten, Jugend - sichtbar zu machen.

Sammelbewegungen sind ein guter Ansatz, das zu korrigieren, aber bringen wenig, wenn sie von oben herab oktroyiert werden und nicht auf die Alltagssorgen der Menschen eingehen. Die Linke muss konkrete und kompromisslose Antworten für die Probleme der Bevölkerung formulieren, statt larmoyant über die Weltrevolution zu schwadronieren. Die Rahmenbedingungen für ein Erstarken der Linken könnten nicht besser sein. Sie muss nur mutig genug sein, wieder gezieltere Interessenvertretung zu betreiben. Verpasst sie diese Chance, wird sie links liegengelassen.

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