Geld ist nicht alles : Ostdeutschland ist nicht so arm wie es scheint

Eine Deutschlandkarte der Hans-Böckler-Stiftung zeigt die Einkommensschere zwischen Ost- und Westdeutschland. Das greift zu kurz. Ein Kommentar.

Die Leipziger Stadtbibliothek.
Die Leipziger Stadtbibliothek.Foto: imago/Eibner

Es sollte plakativ sein, und das ist es auch: Die jetzt von der Hans-Böckler-Stiftung präsentierte Deutschlandkarte, die die durchschnittliche Einkommenshöhe aus den rund 400 Landkreisen farblich darstellt, zeigt schon auf den allerflüchtigsten Blick, dass das Land in Fragen des Geldes geteilt ist. Und zwar genau da, wo bis 1990 die innerdeutsche Grenze verlief. Im Westen überwiegen die dunkleren Flecken für die höheren Einkommen, im Osten sieht es blass aus: Da leben diejenigen mit den niedrigeren Einkommen.

So weit, so schlecht, so bekannt. Und: so riskant. Denn im Herbst wählen drei ostdeutsche Bundesländer, in denen eine rechtspopulistische Partei mit – zumindest behaupteter – Elitenverdrossenheit auf Stimmenfang geht. Kann die sich nicht jetzt eigene Ideen für Plakataktionen sparen und die Grafik an Laternen hängen? Sagt die nicht, was zu sagen ist? Die alten Eliten im Westen, dicke Gehälter, dicke Villen – und der Ostler, kleine Löhne, kleine Datschen, auf Lichtjahre von einem Gleichziehen in der Gehaltsfrage entfernt? Die Antwort muss heißen: Nein, die Grafik sagt nicht alles. Sie setzt auf Effekt. Und schürt den Affekt.

Die niedrigste Kategorie der durchschnittlich verfügbaren Einkommen, quasi die ärmste, umfasst ein Jahreseinkommen von null bis 20.000 Euro pro Kopf in privaten Haushalten. Verfügbar heißt: Einkommen abzüglich Steuern und Sozialabgaben. Mieteinnahmen oder Einkünfte aus Kapitalanlage gehören nicht dazu. Die höchste Kategorie, also die reichste, beginnt bei 24.500 Euro pro Jahr. Das ergibt an der engsten Stelle eine Differenz von 4500 Euro pro Jahr – also 375 Euro pro Monat. Die macht kaum den Unterschied zwischen Arm und Reich. Schon gar nicht, wenn man einen Blick auf den Kostenpunkt wirft, der für etwas mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland die größte monatliche Belastung sein dürfte: die Miete.

Die ist zuletzt gerade in den Gegenden, die in Einkommensvergleichen gut abschneiden, in atemberaubendem Tempo gestiegen. Ein Vergleichsportal für Lebenshaltungskosten rechnet fröhlich vor, dass man für das, was man sich in Brandenburg mit einem Jahreseinkommen von 38.000 Euro leisten kann, in München 57.000 Euro benötigt.

Einkommenszuwächse im Osten

Was die Grafik nicht sagt, wohl aber die dazugehörige Untersuchung: dass alle fünf ostdeutschen Bundesländer von 2000 bis 2016 Einkommenszuwächse verzeichnet haben, und zwar im Schnitt um fast 16 Prozent. Das habe einerseits mit Geldern aus der Rentenkasse zu tun, was West-Ruheständler im Osten sein können, mit Lohnsteigerungen und mit Einkommen aus Vermögen. Hier sei ein minimaler, aber stetiger Anstieg zu beobachten, stellten die Forscher fest.

Schlimmer dagegen stelle sich die Situation in einigen Ruhrgebietsgegenden dar, wo es vom niedrigen Niveau aus seit Jahren immer weiter bergab geht. Für ein Land, in dem die sogenannte „soziale Mobilität“, also Aufstieg, immer noch schwer ist und sich soziale Handicaps quasi vererben, sind das auf alle Fälle alarmierende Befunde. Aber eben keine, die allein auf einen Ost-West-Konflikt reduziert werden sollten.

Der Osten hat andere Probleme

Und Geld ist, was die Frage nach Lebensumständen angeht, eben auch nicht alles. Die wichtigen Nachteile, die es im Osten gibt, sind vielleicht eher immaterieller Art: die schlechte Erreichbarkeit mancher Gegenden, sei es per Bahn oder Auto. Die zum Verzweifeln geeignete Situation, was die Internetverbindungen angeht. Die größer werdenden Räume, in denen es an Infrastruktur fehlt.

Wie hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer im November im Bundestag zum Thema „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ richtig gesagt: dass es dabei um die Lebensverhältnisse vor Ort geht, wo die Menschen leben, Arbeit haben, Kita oder Schule besuchen oder im Sportverein sind. Aber was, wenn das alles nicht mehr da ist? Dagegen wurde in seinem Ministerium ebenfalls höchst plakativ eine Heimatabteilung gegründet. Man darf gespannt sein, wann diese ihre versprochenen „Antworten und Lösungen“ liefert.

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