Generationenwechsel in der Politik : Verjüngungskur der Groko missglückt

Parteien müssen auf die Jugend zugehen – deren Ideen täten ihr gut. Ein Kommentar

Michael Knoll Julian Zuber
Neue Formen der Kommunikation: Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) filmt mit ihrem Smartphone.
Neue Formen der Kommunikation: Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) filmt mit ihrem Smartphone.Foto: Andreas Gebert/dpa

Die Ansage der Kanzlerin kam mit Nachdruck: In der neuen Regierung sollten auch Personen eine Chance auf ein Ministeramt haben, die ihre politische Zukunft noch vor sich hätten. Zeit für eine Verjüngungskur also. Nun stehen „die Jungen“ fest: Franziska Giffey (SPD) als Familienministerin, 39 Jahre alt; Jens Spahn (CDU) als Gesundheitsminister, 37 Jahre. Ein echter Erfolg für die Jugend? Eher nicht. Ein wichtiges Argument für die Ernennung Giffeys ist ihre ostdeutsche Herkunft. Spahn gilt als Merkel-Kritiker und vermutlich gibt es andere Gründe für seine Ernennung als eine dezidierte Verjüngungskur.

Überhaupt: Ist Ende 30 noch wirklich jung in einer Zeit, in der viele mit Ende 20 in anderen Gesellschaftsbereichen schon voll in der Verantwortung stehen? Beim Rest der Ministerriege geht es ab 45+ steil aufwärts – bis zu Polit-Oldie Horst Seehofer (68). Sieht so eine Frischzellenkur aus? Nein. Wieder eine verpasste Chance auf junge Ideen, die der Politik in Berlin so gut täten.

Fehlt es an Talenten? Nein, die gibt es. In der deutschen Wissenschaft erobern längst Endzwanziger Professuren an Universitäten, und in der Wirtschaft sitzen 30-Jährige auf wichtigen Managementposten. Die Digitalisierung, Start-ups – all dies wäre ohne junge Köpfe in Deutschland undenkbar.

Junge Quereinsteiger müssen sich hinten anstellen

Warum funktioniert das nicht in der Politik ? Die Strukturen der Parteien sind veraltet. Wer Karriere machen will, muss sich erst als „verdientes Parteimitglied“ erweisen. Wer also lange dabei ist, sitzt sich irgendwann nach oben. Für junge Quereinsteiger bedeutet das erst einmal: hinten anstellen. Der Blick auf die neue Generation ist häufig misstrauisch und belehrend – bisweilen vermischt mit Konkurrenzangst vor den qualifizierten Neueinsteigern.

Die jungen Menschen von heute denken natürlich über viele Themen anders als ihre Eltern und Großeltern, und das sollen sie auch dürfen: Viele von ihnen haben andere geografische Erfahrungsräume als die älteren Jahrgänge. Sie studieren heute in Freiburg, morgen in Paris und promovieren übermorgen in Bologna. Mobilität ist das Stichwort, das sie vereint. Aber wie politisch partizipieren, wenn die Partei-Sitzung auf Verbandsebene immer am frühen Abend im Gasthof vor Ort stattfindet? Für junge Menschen, die oft beruflich stark eingebunden sind, ist das nicht mehr zeitgemäß.

Eine Lösung liegt auch im Digitalen: Handy, Facebook, Twitter, Skype, WhatsApp – das sind die Kanäle, auf denen die junge Generation heute kommuniziert und sich politisch jederzeit einbringen kann. Einmal eine Videoschalte in die nächste Ortsverbandssitzung, wo ist das Problem? Doch in der analogen Welt der Politik scheint Digitalisierung immer noch Neuland. Dabei bestimmen digitale Medien längst den öffentlichen Diskurs. Die Reaktionen der Parteien und Politiker auf diese Entwicklung wirken bestenfalls unbeholfen. Wen wundert es also, wenn Jung und Alt keine gemeinsame Sprache finden.

Von Grassroot-Thinktanks lernen

Die Parteien müssen ihre Strukturen ändern, umdenken und offen auf junge politisch engagierte Menschen zugehen. „Was brauchst du an Wissen und Ressourcen, um dich bei uns mit Elan zu engagieren?“ sollte die erste Frage an Neumiglieder sein. Die Parteien müssen sich bewegen und kulturell verändern. Hier lohnt ein Blick auch über die Parteigrenzen hinaus: Die Parteien können von politischen Grassroot-Thinktanks lernen, die junge Leute mit stark dialogorientierten und auch digitalen Formaten dazu bringen, eigene Ideen, Analysen und Lösungsansätze zu politischen Zukunftsfragen zu entwickeln.

Ohne Streit wird ein Umbruch bei den Parteien, die es sich im Wohlfühlmainstream bequem gemacht haben, nicht funktionieren. Im Zentrum der Debatte muss die Zukunft stehen, nicht die Verteidigung der Vergangenheit oder Gegenwart. Es wird Zeit.

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