Genforschung in China : Peking zögert nicht an ethischen Grenzen

China investiert Milliarden in die Genforschung. Die Wissenschaftler profitieren dabei auch von fehlenden ethischen Grenzen.

Ning Wang
Der Wissenschaftler He Jiankui (l.) und Zhou Xiaoqin arbeiten an einem Computer in einem Labor in Shenzhen. He behauptet, er habe geholfen, die ersten genetisch veränderten Babys der Welt zu zeugen.
Der Wissenschaftler He Jiankui (l.) und Zhou Xiaoqin arbeiten an einem Computer in einem Labor in Shenzhen. He behauptet, er habe...Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa

Auch Feng Zhang zeigte sich am Montag überrascht von der Nachricht der Geburt des ersten gentechnisch veränderten Menschen. Dabei hätte er es ahnen können. Der chinesische Neurowissenschaftler ist einer der Mit-Erfinder der Crispr-Technik, mit deren Hilfe Gene technisch verändert werden können. Dennoch war der Forscher alles andere als erfreut, dass seine Technik nun dazu geführt hat, dass sein chinesischer Kollege He Jiankui in Shenzhen ein gentechnisch verändertes Baby zu Welt bringen ließ. Im Gegenteil, Feng Zheng spricht sich für eine Moratorium aus, seine Crispr-Technik bei Menschen anzuwenden. „Ich sehe, das nicht nur als zu risikoreich an“, sagte der Chinese dem „MIT Technology Review“, „ich bin auch tief beunruhigt über den Mangel an öffentlicher Transparenz bei diesem Versuch.“ Dass es jedoch ein Landsmann war, der sein Verfahren als erster beim Menschen angewendet hat, dürfte ihn nicht überrascht haben.

China hat in Sachen Crispr-Forschung nicht lange gezögert. Staats- und Parteichef Xi Jinping machte es zu einem der Ziele des Landes, auch im Bereich Biotechnologie weltweit führend zu werden. Im 13ten Fünfjahresplan (2016- 2020) wurde Genomforschung als ein Bereich identifiziert, der sich für Direktinvestitionen lohne. Seitdem fließen die Gelder in die Genforschung. Erst im Dezember 2017 wurde das „100 000-Genome-Projekt“ ins Leben gerufen, das das Erbgut genauso vieler Menschen sequenzieren soll. Dafür gibt Chinas Ministerium für Wissenschaft und Technologie über elf Milliarden Euro aus.

Und auch das 1999 in Peking gegründete größte Genomunternehmen Chinas – Beijing Genomics Institute (BGI) – gehört zu denen, die zur Gentestbranche in China erheblich beitragen. So soll sich das Volumen dieser Firma laut der China Investment Consulting Corp. bis zum Jahr 2021 auf bis zu 42 Milliarden Yuan (5,3 Milliarden Euro) verdreifachen. BGI arbeitet seit Jahren daran, Daten über die Bausteine des Lebens zu sammeln, um so die weltweit größte Datenbank von Genen zu schaffen. Über eine Million menschlicher Genome hat das BGI schon entschlüsselt. 2000 Forscher arbeiten hier. Das MIT Technology Review bezeichnete das BGI als das „produktivste Unternehmen zur Entschlüsselung von menschlicher, pflanzlicher und tierischer DNA auf der Welt“.

Hes Forschung stößt in China auch auf Kritik

Damit das so bleibt, arbeitet Peking seit 2011 daran, seine Forscher aus dem Ausland zurückzuholen. Mit dem „Tausend-Talente-Plan“ umwirbt die chinesische Regierung führende Wissenschaftler weltweit, in das Reich der Mitte zu kommen und dort unter den besten Bedingungen zu forschen und zu arbeiten.

He selbst, gehört zu denen, die durch das Programm nach China zurückgekehrt sind. Er hat vorher in den USA gelebt und an den renommierten US-Universitäten Rice und Stanford geforscht.

Dass in der Heimat ethische Fragen kaum Grenzen für die Forscher darstellen, verhilft sehr schnell zu Ruhm. Statt ein Forschungspapier zu veröffentlichen, wirbt He Jiankui auf einem Youtube-Video für sich und seine Methode (siehe Kasten). Zu den Studien gibt es nur einen Eintrag in einem chinesischen Register für klinische Tests. Und wohl nicht zufällig lancierte He die Nachricht einen Tag vor dem internationalen Forschergipfel zum „Human Genome Editing“, der ab Dienstag in Hongkong stattfindet. In Zeiten von Handelsstreitigkeiten mit den USA demonstriert das der Welt , wie schnell China manche Bereiche in der Forschung dominieren kann.

Dass Hes Forschung im eigenen Land auch auf Kritik stößt, lässt allerdings aufhorchen. Nicht nur Feng Zhang, sondern auch 122 chinesische Wissenschaftler verurteilen die Arbeit des Kollegen nachdrücklich. China müsse rasch Gesetze erlassen und diese streng überwachen, schreiben sie in eine gemeinsame Erklärung: „Die Büchse der Pandora wurde geöffnet und wir haben die Chancen sie zu schließen.“

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