Genua nach dem Brückeneinsturz : Die Katastrophe von Genua ist kein italienisches Problem

Fahrt in den Alptraum: Der Einsturz der Morandi-Brücke betrifft uns alle. Er ist die Folge einer grenzenlos vorangetriebenen Massenmotorisierung. Ein Kommentar.

Mit Baggern und Kränen werden Trümmerteile einer teilweise eingestürzten Brücke weggeräumt.
Mit Baggern und Kränen werden Trümmerteile einer teilweise eingestürzten Brücke weggeräumt.Foto: Zheng Huansong, Xinhua,dpa

Ein wenig war am Dienstag, in einem Moment der Trauer, ein Europa zu spüren, das man in Brexit-Querelen, Asylgezänk und den stets griffbereiten Tiraden von Hass und Verachtung gegen Brüssel schon fast vergessen hatte. Ein solidarisches, das das Unglück in einem Winkel des Kontinents als gemeinsames begriff und fühlte. In Genua sind beim Einsturz der Morandi-Brücke nicht nur mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen, was Grund genug zur gemeinsamen Trauer wäre. Auch die Umstände lassen Mitgefühl fast spontan entstehen.

Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause, die in ihren Autos in die Tiefe stürzen, das Gewerbe- und Wohngebiet unter der fatalen Brücke – das alles ist der Alptraum, in den jede und jeder hätte geraten können. Die Kondolenzschreiben von Jean-Claude Juncker, Emmanuel Macron, Angela Merkel aus Brüssel, Paris und Berlin haben für alle in Europa gesprochen.

Aus der Wirtschaftswunder-Zeit

Natürlich flimmern, wenn so etwas in Italien passiert, weiter nördlich fast unwillkürlich Bilder über die innere Festplatte, unter denen „Klar doch, Italien!“ geschrieben steht. Von L’Aquila, das nach dem Erdbeben vor neun Jahren noch nicht richtig aufgebaut ist, über die einstürzenden Uraltbauten in Pompeji bis zur „Costa Concordia“, deren Kapitän den Touristentanker seiner kleinen Eitelkeit opferte: il bel paese – ein einziges Chaos, nichts funktioniert, und keinen schert’s. Dabei sind es unsere Nachbarn selbst, die als erste diesen Blick auf die Dinge werfen. Die Antwort auf jeden Ärger, vom geschlossenen Ticketschalter bis zum schlechten Wetter, ist zwischen Mailand und Ragusa stets: „Was erwartest du, wir sind in Italien!“

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Doch nichts wäre falscher. Die Katastrophe von Genua ist nicht nur im Kleinen die von uns allen, ein Alptraum, der wahr wird. Sie ist es auch im Großen. Die Morandi-Brücke stammt aus einer Zeit, die in Italien „Il Boom“ und auf deutsch Wirtschaftswunder heißt. Aus einer Zeit also, als man für eine glitzernde Zukunft auf vier Rädern für alle baute und noch kaum jemand ahnte, dass auch dieser Traum irgendwann zu Schlafstörungen führen könnte. Ein halbes Jahrhundert später schwächelt nicht nur der Stahlbeton aus Materialermüdungsgründen – dem ließe sich mit guter Pflege und Ausbesserung begegnen, wie ja auch jede Dombauhütte eine natürliche ewige Baustelle ist – es ist zugleich auch die Belastung enorm gewachsen.

Problem Massenmotorisierung

Die Massenmotorisierung und Beton und Asphalt, unter denen ihretwegen immer mehr Erde begraben wurde, haben die Städte schon vor langem unwirtlich werden lassen. Und ebendieser Asphalt ächzt inzwischen unter immer längeren und schwereren Lastwagen für den Ex-und-hopp-Konsum just in time und privaten Panzern, in denen die Kleinen in den Kindergarten gefahren werden.

Wieder so eine italienische Geschichte? Kein Ballungsgebiet in Deutschland, wo nicht in den vergangenen Jahren Brücken kurz vor dem Einsturz gesperrt und saniert werden mussten, ob die Leverkusener Rhein- oder die Mainzer Theodor-Heuss-Brücke. Dass man hierzulande „alles im Griff“ habe, wie der deutsche Verkehrsminister von der CSU tönt, ist Wunschdenken. Kaum weniger auf der Höhe der Zeit sind die markigen Drohungen von Italiens Regierenden, man werde die Schuldigen ausfindig machen und zur Verantwortung ziehen.

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Die Schuldigen sind auch die zig Millionen, die nördlich wie südlich des Brenner klaglos Jahre ihres Lebens in ihren pferdestarken Automobilen verbringen, statt endlich auszusteigen. Die zu Zeiten, da endlich ernsthaft über Fahrverbote für die schlimmsten Stinker diskutiert wird, in diesem Wüstensommer ungerührt mit laufendem Motor auf dem Parkplatz stehen – schließlich soll während der Facebook- oder Zigarettenpause die Klimaanlage weiterarbeiten. Der Alptraum wird weitergeträumt. Es ist kein italienischer, sondern der dieses Teils der Welt. Auch davon erzählt die Katastrophe von Genua.

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