Das Land musste ja unbedingt einen Krieg anzetteln

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Georgien : Und es hat Boom gemacht
Alles nur Fassade? Präsident Saakaschwili setzt auf Außenwirkung. In Teilen der Tifliser Altstadt hat das putzige Folgen.
Alles nur Fassade? Präsident Saakaschwili setzt auf Außenwirkung. In Teilen der Tifliser Altstadt hat das putzige Folgen.Foto: mirzOyan

Beim „Ease of doing business Index“ der Weltbank stieg Georgien in den Saakaschwili-Jahren immer weiter auf, wurde zum Vorbild für Transformation, bekam den Titel „Topreformer“. Auch Transparency International attestierte dem Land beste Werte. Eine der ersten Reformen Saakaschwilis war es, die korrupte Verkehrspolizei durch eine kleine Truppe zu ersetzen. „Wenig Aufwand, schneller Effekt“, sagt Soso. Alltagskorruption sei verschwunden, aber auf höherer Ebene so gängig wie zuvor. Saakaschwili habe mit Steuererleichterungen große Unternehmen und schnelles Geld ins Land gelockt. Doch mangelnde richterliche Unabhängigkeit und Angst vor Enteignungen hemmten die Wirtschaft. Die Weltbankanalysen zeigen es inzwischen.

Saakaschwili hatte politischen Gegnern zuweilen die Staatsbürgerschaft entziehen lassen. Wer der Opposition einen Raum vermieten wollte, dem schickte er den Geheimdienst vorbei. Aber erst, als Soso, der europäisierte Unternehmer, an das Jahr 2008 denkt, fängt er richtig zu schimpfen an. Vorbei mit Mischas Heldengeschichte war es da. Einen Krieg musste er auch noch anzetteln. Der kostete fast 20 Prozent des georgischen Staatsgebietes, Abchasien und Südossetien. „Das hat uns wirtschaftlich zehn Jahre zurückgeworfen“, sagt Soso. Die Luxusbetten in Batumi blieben leer, und jeder zwölfte Georgier ist ein interner Flüchtling.

Warum, fragt Soso, soll Georgien, klein wie Österreich, Geld für Militär ausgeben? „Wir brauchen keine Panzer, wir brauchen wirtschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarn. Man kann in dieser Region nicht ohne Russland existieren.“ Das hat Soso in seiner eigenen Familie erlebt. Sein Vater ist Landwirt. Als Reaktion auf Saakaschwilis Westausrichtung hatte Russland 2006 georgische Importe verboten. Offiziell ging es um mangelnde Hygienestandards. Der Absatzmarkt brach um 80 Prozent ein. Wein, wie Sosos Familie ihn seit Jahrhunderten anbaut, Nüsse, das berühmte salzige Mineralwasser Borjomi, wurden nicht mehr verkauft. Plötzlich kosteten die edlen Superavi-Trauben statt 3 Lari das Kilo nur noch 50 Tetri. Das sind ein paar Cent, schon die Ernte ist teurer. Unter Saakaschwili lernten die georgischen Kinder kein Russisch mehr. Milliardär Iwanischwili versprach neue Beziehungen zum Nachbarn. Seit er regiert, verkauft Sosos Vater wieder Wein nach Norden.

Vielleicht verhält es sich mit dem Boom wie mit den Casinos in Batumi: schnelles Geld, hohes Risiko, am Ende steht der Verlust. „Zu hoch gepokert“, sagt Sandro, 29, gelbe Turnschuhe, gelbes Shirt. Auf den Unterarm hat er den Schriftzug „yellow“ tätowiert, weil er meistens gute Laune hat, sagt er. An der Ilia-Universität erforscht er den Nationalismus.

Einerseits, erklärt der Sozialwissenschaftler in seinem kleinen Kellerbüro, wollten die Georgier Teil der EU, Teil der Nato werden. Andererseits konnte Saakaschwili weder mit neuen Flaggen und neuen Feiertagen, noch mit einem Gesetz, das Sowjetsymbole verbietet, Stalin aus den Köpfen der Georgier vertreiben. Studien zeigen, dass etwa die Hälfte der Georgier den Diktator weiterhin für einen Helden hält. Als dann der pro-russische Iwanischwili Regierungschef wurde, trauten sich die Stalin-Fans, in Dörfern alte Statuen wiederaufzustellen. Sandro und zwei Freunde hatten damals eine Idee für Bilder, die um die Welt gingen. Nachts schlichen sie zu den Stalin-Figuren und malten sie pinkfarben an.

„Saakaschwili ist zum Opfer seiner eigenen Prinzipien geworden“, sagt Sandro und meint: Auf seiner Suche nach Zustimmung habe er radikale Mächte stark gemacht. Da ist seine Null-Toleranz-Politik gegenüber Kriminellen. Die Gefängnisse waren überfüllt, Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, es gab Tote. Außerdem hatte Saakaschwili versucht, die Kirche abzuspalten. Einen traditionell starken Einfluss der orthodoxen Kirche, sagt Sandro, hätte Mischas Westen doch als rückständig empfunden. Man habe die Kirche dafür mit Autos, Land und Geld entschädigt. „Als Folge haben wir Priester, die sich wie Extremisten benehmen.“

Damit bezieht sich der Soziologe auf den Mob aus bärtigen Männern und keifenden Hausfrauen, die am internationalen Tag gegen Homophobie auf etwa 90 Aktivisten in Regenbogenfarben einschlugen. Viele der Opfer erlitten Prellungen und Gehirnerschütterungen. Jeden dritten Tag, erzählen sie bei der Beratungsstelle für Schwule und Lesben, würde in Tiflis jemand zusammengeschlagen, es gebe vermehrt rassistische Angriffe. Dank Saakaschwilis Nationalismus würden im einstigen Vielvölkerstaat nun Minderheiten diskriminiert.

Manche fürchten das Ende des Booms. Und dass mit Iwanischwili die Sowjetunion zurückkehren werde, die dunkle Zeit ohne Strom, mit Warteschlangen für ein Stück Brot. „Quatsch!“, meint Sandro. „Sonst hätte man uns doch längst für die pinken Stalins bestraft.“

Am Sonntag könnte einer von Iwanischwilis Ministern, Georgi Margvaleschwili, Präsident werden. Iwanischwili will sich dann aus der Politik zurückziehen. Er hat aber versprochen, dem Staat notfalls mit seinem Privatvermögen auszuhelfen. Die Georgier, lacht Sandro, hoffen noch immer auf einen, der ihnen das Paradies schenkt.

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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