Noch immer leben 40 Prozent der Georgier unterhalb der Armutgrenze

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Georgien : Und es hat Boom gemacht
Nur Fassade. Michail Saakaschwili (Bild unten) gab viel auf Außenwirkung und machte Batumi am Schwarzen Meer zur glitzernden Metropole. Fotos: mirzOyan, picture alliance/dpa
Nur Fassade. Michail Saakaschwili (Bild unten) gab viel auf Außenwirkung und machte Batumi am Schwarzen Meer zur glitzernden...Foto: picture alliance / dpa

Einer, der erklären will, was der Preis für diesen Boom ist, sitzt in einem der neuen Cafés der ebenfalls renovierten Tifliser Altstadt – orientalische, byzantinische, klassizistische Architektur mischen sich hier. Der Mann heißt Soso Mekvevrishwili, also eigentlich Soso, alle nennen sich in der Region beim Vornamen. Soso ist 42, hat braune Augen und ein frisch gestärktes weißes Hemd, ein Profiteur von Saakaschwilis Boom. Trotzdem hat er sich von ihm abgewandt. Vor ein paar Jahren hat er ein Abenteuercamp eröffnet. Mit Gästen aus dem Oman, aus Frankreich und Amerika macht er Raftingtouren, fährt Ski auf neuen Pisten, backt georgisches Brot. Seit der Rosenrevolution stieg die Touristenzahl bis auf fast drei Millionen jährlich – bei nur gut 4,5 Millionen Einwohnern. Dennoch, vor einem Jahr, als der Regierungschef gewählt wurde, hat sich Soso gegen Saakaschwilis Partei entschieden. Der Unternehmer hat seine Stimme – wie die Mehrheit der Georgier – einem anderen mächtigen Mann gegeben, Bidsina Iwanischwili.

Der Premier ist das Gegenteil vom großen Mischa. Schmal, schmächtig ist er, redet leise, spricht schlecht Englisch, lebt zurückgezogen. Bis vergangenes Jahr nannte man ihn „das Phantom“: Jeder Georgier kannte seinen Namen, aber man sah ihn nie. Sein Vermögen, geschätzte 6,5 Milliarden US-Dollar, mehr als der gesamte georgische Haushalt, machte er als Banker und Industrieller in Russland. Bevor er sich mit Saakaschwili zerstritt, steckte er es in viele von dessen Projekte.

Saakaschwili versprach nicht nur Privatinvestoren einen Boom, viele Gelder kamen auch aus öffentlichen amerikanischen, europäischen Töpfen und Stiftungen. 3000 Kilometer Autobahn entstanden, 400 Brücken, 10 Tunnel. Mehr als 1600 Stadien und Arenen ließ er bauen, über 600 orthodoxe Klöster und Kapellen restaurieren. Batumisierung wird diese Politik genannt. Alles Fassade, ein Schauspiel für den Westen. „Mischa hatte Lieblingsorte, Lieblingsviertel, Lieblingsleute“ , sagt Soso.

Auf den meisten Straßen Georgiens kommen Schweine noch immer besser vorwärts als Autos, hinter rostigen Gartentoren bearbeiten Bauern ihren Boden mit der Hacke. Manche Balkone in den abgelegeneren Tifliser Gassen sind so brüchig, dass sie hinabzustürzen drohen, durch prächtige Jugendstilvillen ziehen sich tiefe Risse. Am Ufer des Tifliser Flusses Kura warten morgens Tagelöhner mit ihren Bohrmaschinen in der Hoffnung auf jemanden, der ihnen Arbeit gibt.

In den frisch angelegten Parks sitzen alte Frauen mit Kopftüchern und verkaufen Sonnenblumenkerne in Tütchen aus Zeitungspapier. Nachts suchen Schrottmetallhändler nach alten Kühlschränken. Auf Grünstreifen zwischen den Plattensiedlungen bauen Familien Kürbisse an.

Mehr als die Hälfte der Georgier hat solche Subsistenzwirtschaft nötig. 40 Prozent von ihnen leben laut Weltbank unterhalb der Armutsgrenze, die höchste Rate der Region. Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei 15 Prozent, Experten gehen von bis zu 50 Prozent aus.

Der Boom, nur eine Legende? Mischas Bauwahn, ein Täuschungsmanöver?

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