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Geplatzte Jamaika-Sondierung : Steinmeier: "Ich erwarte von allen Gesprächsbereitschaft"

So etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Zwei Monate nach der Wahl ist die Bildung einer neuen Regierung zunächst gescheitert. Wie geht es weiter? Besorgnis gibt es auch im Ausland.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.Maurizio Gambarini/dpa

Das Scheitern der Koalitions-Sondierungen von Union, FDP und Grünen hat Deutschland in unübersichtliche politische Verhältnisse gestürzt. Nachdem die SPD ihre Ablehnung einer großen Koalition auch nach dem Abbruch der Jamaika-Gespräche noch einmal bekräftigte, bleiben zwei Möglichkeiten: eine Minderheitsregierung unter Führung der Union oder aber Neuwahlen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche die Parteien ermahnt, ihre Haltung zu überdenken und sich Gesprächen zur Regierungsbildung nicht zu verweigern. "Ich erwarte von allen Gesprächsbereitschaft, um eine Regierungsbildung in absehbarer Zeit möglich zu machen", sagte Steinmeier am Montag in Berlin. Den Weg zu Neuwahlen will er zunächst nicht einschlagen. Wer sich in Wahlen um politische Verantwortung bewerbe, "darf sich nicht drücken, wenn man sie in den Händen hält", mahnte Steinmeier. Dies sei jetzt der Moment, in dem "alle Beteiligten noch einmal innehalten und ihre Haltung überdenken sollten". Der Bundespräsident will nun mit allen an den Sondierungen beteiligten Parteien Gespräche führen; also mit CDU, CSU, FDP und Grünen. Er wolle zudem mit den Vorsitzenden der Parteien sprechen, deren "politische Schnittpunkte" eine Regierungsbildung nicht ausschlössen.

Steinmeier will mit Schulz reden

Ein Gespräch mit dem SPD-Vorsitzenden Martin Schulz ist für Mittwoch geplant. Die SPD schloss die Neuauflage einer großen Koalition auch nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen allerdings erneut aus. Parteichef Schulz sagte am Montag vielmehr: "Wir scheuen Neuwahlen nicht." Bundespräsident Steinmeier will Wahlen dagegen möglichst vermeiden. Die Parteien hätten eine Verantwortung, "die man auch nach der Vorstellung des Grundgesetzes nicht einfach an die Wähler zurückgeben kann". Diese Verantwortung gehe "weit über die eigenen Interessen hinaus".

Diese gelte insbesondere "nicht nur gegenüber den Wählern der jeweils eigenen Parteien". Steinmeier verwies auch auf die internationale Verantwortung Deutschlands: Das "Unverständnis und die Sorge" innerhalb und außerhalb des Landes wären groß, "wenn ausgerechnet im größten und wirtschaftlich stärksten Land Europas die politischen Kräfte ihrer Verantwortung nicht nachkämen". Die FDP hatte in der Nacht zu Montag die Gespräche mit CDU, CSU und Grünen abgebrochen. Damit setzte sie einen vorläufigen Schlussstrich unter die Bemühungen, eine Jamaika-Koalition zu bilden. Wenn die SPD auf ihrem Nein zu einer großen Koalition beharrt, bleiben praktisch nur noch eine Minderheitsregierung und Neuwahlen als Optionen.

„Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“

Die FDP hat die Verhandlungen mit Union und Grünen am späten Sonntagabend überraschend abgebrochen. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, sagte FDP-Chef Christian Lindner. Merkel stürzt damit zwei Monate nach der Bundestagswahl in die schwerste Krise ihrer zwölfjährigen Amtszeit. „Es ist ein Tag mindestens des tiefen Nachdenkens, wie es weitergeht in Deutschland“, sagte sie in der Nacht.

Auch international wird die Entwicklung in Berlin mit Sorge gesehen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte am Montag: „Es ist nicht in unserem Interesse, dass sich das verkrampft.“ Macron setzt sich für eine Reform der Europäischen Union ein und ist dazu auf eine stabile Regierung in Deutschland angewiesen.

„Es ist schade, dass es nicht gelungen ist, dies zum Ende zu führen, was zum Greifen nahe war“, sagte CSU-Chef Seehofer nach dem Scheitern der vierwöchigen Sondierungen. Auch bei der Migrationspolitik - eines der umstrittensten Themen in den Sondierungen - wäre eine Einigung möglich gewesen.

„Union und FDP wären in zwei Wochen fertig gewesen“

CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn machte unüberbrückbare Differenzen zwischen FDP und Grünen für das Platzen der Gespräche verantwortlich. „Union und FDP wären in zwei Wochen fertig gewesen“, sagte Spahn im ZDF-Morgenmagazin. Nun stelle sich erneut die Frage an die SPD, ob sie zusammen mit der Union weiter Regierungsverantwortung übernehmen „oder weiter hämisch in der Ecke bleiben“ wolle.

Die SPD-Spitze hatte am Abend der Wahl am 24. September unmittelbar nach dem historischen Absturz auf 20,5 Prozent entschieden, eine rechnerisch mögliche erneute Koalition mit der Union abzulehnen und in die Opposition zu gehen. SPD-Vize Ralf Stegner bestätigte am Montag: „Es gibt kein Mandat für eine große Koalition.“ Dies gelte unabhängig davon, ob Merkel wieder antrete oder nicht. „Wir wünschen uns keine Neuwahlen, aber wir scheuen sie auch nicht“, sagte er.

Dem Bundespräsidenten kommt in dieser heiklen und in der Geschichte der Bundesrepublik bisher einmaligen Lage eine Schlüsselrolle zu. Er muss dem Bundestag einen Kandidaten für die Kanzlerwahl vorschlagen. Denkbar wäre eine Minderheitsregierung unter Führung Merkels, etwa mit den Grünen oder der FDP. Merkel bräuchte dann aber bei Abstimmungen einige Dutzend Stimmen aus anderen Fraktionen.

Neuwahl erst nach einer Kanzlerwahl möglich

Als weiteres Szenario denkbar sind Neuwahlen. Der Weg dorthin ist aber verfassungsrechtlich nicht einfach. Denn eine mögliche Neuwahl ist erst nach einer Kanzlerwahl möglich. Steinmeier müsste zunächst jemanden für das Amt des Bundeskanzlers vorschlagen. Wäre dies Merkel und würde sie im dritten Wahlgang nur mit relativer und nicht mit absoluter Mehrheit gewählt, könnte der Bundespräsident sie zur Kanzlerin einer Minderheitsregierung ernennen - er kann aber auch den Bundestag auflösen. Innerhalb von 60 Tagen muss es dann Neuwahlen geben.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin hält Neuwahlen gegen Ostern für wahrscheinlich. Es werde nun sehr auf die Haltung des Bundespräsidenten ankommen. Dieser werde in seine Überlegungen einbeziehen, dass Deutschland auf Grund seiner politischen und wirtschaftlichen Macht für Stabilität in Europa stehe. Er habe Zweifel daran, dass eine Minderheitsregierung dies gewährleisten könne.

Merkel kündigte an, sie werde als geschäftsführende Bundeskanzlerin „alles tun, dass dieses Land auch durch diese schwierigen Wochen gut geführt wird“. Sie bedauerte das Aussteigen der FDP aus den Jamaika-Verhandlungen. Die Union habe geglaubt, dass man auf einem Weg in Richtung Einigung gewesen sei.

„Wir waren in keinem Punkt wirklich vorangekommen.“

FDP-Chef Lindner hatte den Abbruch der Sondierungen damit begründet, dass es in den gut vier Verhandlungswochen nicht gelungen sei, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Das wäre aber Voraussetzung für eine stabile Regierung gewesen. Lindner machte deutlich, dass die Gräben zwischen FDP und Grünen aus seiner Sicht zu groß waren. Die Liberalen seien für Trendwenden in der Politik gewählt worden, etwa in der Bildung oder bei der Entlastung der Bürger. Diese seien nicht erreichbar gewesen.

FDP-Vize Wolfgang Kubicki widersprach der Darstellung, die Sondierer hätten kurz vor einer Einigung gestanden. „Es lag nichts auf dem Tisch“, sagte Kubicki am Morgen. „Wir waren in keinem Punkt wirklich vorangekommen.“

Die Grünen-Spitze warf der FDP vor, sich vor ihrer Verantwortung gedrückt zu haben. „Ein Bündnis hätte zustande kommen können“, sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Bei Klimaschutz, Landwirtschaft und Migration sei man am Ende näher beieinander gewesen, als man es gedacht hätte. Parteichef Cem Özdemir sagte, die Grünen seien bei vielen Themen an ihre Schmerzgrenzen und darüber hinaus gegangen. Grünen-Chefin Simone Peter sagte, die FDP habe vier Wochen lang „die Öffentlichkeit getäuscht: unverantwortlich, unseriös, berechnend“. (dpa)

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