Global Health : Gesundheit ist ein Menschenrecht - und zwar überall

Der Einsatz für Globale Gesundheit ist ein Markenzeichen deutscher Außenpolitik geworden, das muss auch unter einer neuen Bundesregierung so bleiben. Ein Gastbeitrag.

Detlev Ganten Till Bärnighausen
In einer Gesundheitsstation in Rukogo, einem Dorf in der Naehe der Stadt Kayanza im Norden von Burundi, wird ein Baby am gegen Tuberkulose geimpft.
In einer Gesundheitsstation in Rukogo, einem Dorf in der Naehe der Stadt Kayanza im Norden von Burundi, wird ein Baby am gegen...Foto:Thomas Schulze/picture-alliance/dpa

Den Verhandlungspartnern der zukünftigen Jamaika Koalition in der Bundesrepublik Deutschland fehlt es nicht an guten Ratschlägen. Auch die deutschen Wissenschaftsorganisationen, gemeinsam mit wichtigen Verbänden der deutschen Wirtschaft haben die Politik dazu aufgerufen „…Wissenschaft und Forschung als Fundament unserer Zukunft weiter zu stärken…“. Mit gewichtigen und richtigen Argumenten fordern Sie, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis zum Jahre 2025 auf einen Anteil von 3,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes zu steigern. Dem kann man nur zustimmen.

Wir können Vertrauen haben: Die zukünftigen Koalitionäre werden in diesem Punkt keinen unüberwindbaren Dissens haben, und sie werden tun was sie können für die Wissenschaft und für die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft. Auf die Politiker in diesem Lande ist in diesem Punkt Verlass. Allenfalls wird diskutiert werden, wieviel Zuwachs real über welchen Zeitraum wirklich möglich ist.

In einem entscheidenden Punkt wird die Politik allerdings von der Wissenschaft und von der Wirtschaft auch in dieser Erklärung alleine gelassen: Bei den Prioritäten, wohin und vor allem in welche innovativen Themen und Strukturen das zusätzliche Geld fließen soll, schweigen sich Wissenschaft und Wirtschaft weitgehend aus. Die Wissenschaft baut auf die Freiheit der Forschung und die Kreativität der Forscher – das wirklich Neue, wirklich Verändernde „disruptive“ – „ist nicht planbar“. Die Wirtschaft vertraut dem Markt, dem Wettbewerb und den Argumenten oder auch der Wirksamkeit der Lobby.

Nicht überraschend, zeichnet sich aber in diesen Koalitionsverhandlungen ab, dass es grundsätzlich unterschiedliche Positionen und Kontroversen gibt bei Schwarz, Grün und Gelb, zu den  politischen Schwerpunkten und um die Prioritäten einer zukünftigen Entwicklung unserer Gesellschaft. Hier sollte eine gemeinsame Position von Wissenschaft und Wirtschaft ansetzen, um neue Akzente zu setzen. Zu spät ist es nie.

Die Zukunft ist offen, aber sie wird zunehmend und immer schneller vom wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt beeinflusst. Ein Land wie Deutschland und eine Region wie Europa müssen dringend politische Weichen stellen, sonst geschieht das in anderen Regionen unserer globalisierten Welt – für uns gleich mit, ob wir wollen oder nicht. Die derzeitige politische Situation in den USA und im Vereinigten Königreich sind zugleich eine große Verantwortung, aber auch eine Chance für Europa.

Die Wissenschaft muss mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen

Wissenschaft muss – und wann immer sinnvoll und möglich gemeinsam mit der Wirtschaft – noch mehr gesellschaftliche Gesamtverantwortung übernehmen für das, was bei uns und was in der Welt geschieht. Nicht weil Wissenschaftler irgendetwas besser wüssten, sondern weil es ihr privilegierter Beruf und ihre Aufgabe ist, im öffentlichen, transparenten Dialog, der zur essentiellen Arbeitsmethode der Wissenschaft gehört, mit allen Gruppierungen und Disziplinen offen und weitgehend ohne eigene Interessen um die besten Argumente und Orientierungen zu streiten. Dazu muss sich die Wissenschaft zu konkreten Empfehlungen an die Politik durchringen. Die Politik muss dann zwischen den vorgetragenen alternativen Orientierungen und Projekten entscheiden. Dafür bekommt sie von den Wählern das zeitlich begrenzte Mandat.

Wo sollen also in Deutschland in der nächsten Legislaturperiode die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Schwerpunkte gesetzt werden? Vielleicht meinen die meisten alles sei klar: natürlich Umwelt, Klima, IT, Infrastruktur, Bildung, Schulen…alles gut und wichtig, möglichst viel von allem, mit Anreizen und wenig Administration.

Die Politik hat in der letzten Legislaturperiode schon eine wichtige Entscheidung getroffen, die wesentlich persönlich vorangetrieben wurden durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Das geschah nicht unbemerkt, aber weitgehend ohne strukturierte Begleitung der Wissenschaft und der Wirtschaft. So wurde die Verbesserung der globalen Gesundheit, ‚Global Health‘, als ein Schwerpunkt entwickelt, der wissenschaftlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich der Bundesrepublik Deutschland mit unserer besonderen Geschichte, unserer großen Tradition und aktuellen Fähigkeiten zur Ehre gereicht und der international höhere Aufmerksamkeit und Anerkennung findet als bei uns im Lande:  der Einsatz für die Gesundheit der Weltbevölkerung durch Wissenschaft und Wirken. International ist dieser Einsatz für Globale Gesundheit ein Markenzeichen Deutscher Politik geworden.

Der Einsatz für Globale Gesundheit ist ein Markenzeichen deutscher Außenpolitik

Im Rahmen der G7 und G20-Präsidentschaft hat Deutschland unter anderem die Stärkung  von Gesundheitssystemen in Afrika, Südamerika und Asien, die Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen, die Eindämmung von Infektionskrankheiten sowie nichtübertragbaren Krankheiten und eine bessere Vorbereitung auf globale Pandemien vorangebracht.

Es begann mit dem G8-Gipfel im Jahre 2007 in Heiligendamm, dann 2015 beim G7-Gipfel in Elmau und zuletzt beim G20-Gipfel im Sommer in Hamburg, der  von mehreren vielbeachteten Veranstaltungen begleitet war. Erstmals haben die Gesundheitsminister der G20-Länder gemeinsam mit der Generaldirektorin der WHO die Vorbereitung für den Ernstfall einer weltweiten Pandemie geprobt. Damit wurde ein klares Signal gesetzt: In einer globalen Welt müssen die Staaten zusammenarbeiten, um die Gesundheit und Sicherheit ihrer Bürger zu schützen.

Roger Kornberg aus Stanford (Nobelpreisträger für Chemie im Jahre 2006) stellte auf dem World Health Summit am 15. Oktober in Berlin fest: Alle Informationen des Lebens und von Gesundheit und Krankheit liegen in den Genen verborgen. Wenn wir alles darüber wissen, werden wir in Zukunft Gesundheit erhalten und Krankheit vermeiden können. Diese biologistische Auffassung von Gesundheit und Krankheit blieb nicht unwidersprochen, aber wir wissen über unser Genom und unsere Biologie heute weniger als ein Prozent. Es ist schwierig unseren Wissensmangel in  Forschungsgebieten, die in näherer Zukunft die Gesundheit der globalen Gemeinschaft beeinflussen werden, so konkret zu quantifizieren. Denken wir aber an die großen Möglichkeiten, durch neue Gesundheitsmaßnahmen, neues Verhalten und neue Technologien, die Gesundheit in Afrika und Asien zu verbessern, dann ist rasch klar, dass wir erst ganz am Anfang dessen stehen, was die Wissenschaft in den nächsten Jahren entdecken und entwickeln kann. Hierzu braucht es sowohl grundlegende Wirkungsforschung – wie über die Auswirkungen von Klimawandel, Migration und Urbanisierung auf die Bevölkerungsgesundheit – als auch die Verwirklichungsforschung – wie das Entwickeln und Testen neuer Methoden, Diabetes und Hypertonie in entlegenen Gemeinden Afrikas zu behandeln.

Gesundheit hat einen enormen volkswirtschaftlichen Wert   

Es gibt für den Einzelnen und für die Gesellschaft kein wichtigeres aber auch kein größeres, komplexeres, umfassenderes und lohnenderes Thema als Gesundheit – Krankheit eingeschlossen. Nur eine alle Sektoren und Ressorts übergreifende Politik kann einem solchen Thema gerecht werden. Diesen ganzheitlichen Ansatz muss man den Koalitionären ans Herz  legen, es wäre ein beispielgebendes Modell für die Überwindung von Einzelinteressen zum Gemeinwohl.  Die Volksrepublik China hat in diesem Sinne gerade ein umfassendes „health in all policies“ Programm beschlossen. Zu Recht: denn kaum ein anderes Thema verspricht so direkt und so schnell gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen. Gesundheit ist von höchstem intrinsischen Wert; sie fördert aber auch die Schulleistung von Kindern und die Arbeitsleistung von Erwachsenen – sowohl in Deutschland als auch in den viel ärmeren Ländern Afrikas, Südamerikas und Asiens.  Hinzu kommt, dass die Gesundheitswirtschaft der größte und stabilste Wirtschaftsfaktor weltweit ist, mit weit über 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes in den großen Industrienationen. In Deutschland, dem (noch) Auto-Land, beschäftigt die Gesundheitswirtschaft um ein vielfaches mehr Mitarbeiter als die Automobilindustrie oder andere Wirtschaftsbereiche. Auch in der Wertschöpfung ist Gesundheit einsame Spitze – unangefochten. Diese Wertschöpfung kann durch Global Health Forschung weiter ausgebaut werden, sowohl in Deutschland als auch in Afrika und Asien. Reverse Innovation – von den armen, bevölkerungsreichen Ländern des globalen Südens zu den reichen, bevölkerungsarmen Ländern des globalen Nordens – kann zu wirtschaftlichen Erfolgen führen, wie handgehaltene Ultraschallgeräte, die zuerst für die asiatischen und afrikanischen Gesundheitssysteme entwickelt wurden, inzwischen aber auch viele Anwendungen in Deutschland finden. Große Gesundheitshelferprogramme in Afrika bringen nicht nur lebensrettende Gesundheitsversorgung in entlegene Regionen, sie schaffen auch Arbeit in Afrika und Europa durch Partnerschaften zur Entwicklung telemedizinischer Unterstützung in der Diagnose und Therapie. In Deutschland sind bereits früher Versuche unternommen worden, die Gesundheitsforschung darauf auszurichten, die Bevölkerungsgesundheit weltweit zu verbessern – hierzu gehören Initiativen zu Public Health und zur Versorgungsforschung.  Auf diesen exzellenten Teilbereichen kann aufgebaut werden, die Gesundheitsforschung so weiterzuentwickeln, wie dass in den Vereinigten Staaten schon seit mehr als zehn Jahren der Fall ist: durch den Aufbau von großen Global Health Forschungszentren, die neue Ansätze entwickeln und testen, Bevölkerungsgesundheit weltweit zu verbessern. Diese Global Health Forschung findet oft nicht im Labor oder im Krankenhaus statt, sondern in Hütten und Gesundheitsstationen. Dort entdecken Forscher zum Beispiel, wie man Menschen motiviert, sich impfen oder auf HIV testen zu lassen, und wie man Diabetes, Bluthochdruck und Krebs auch in Situationen extremer Armut erfolgreich behandeln kann.

Die Global Health Forschung reicht von der  Entwicklung von neuen Produkten und Interventionsmöglichkeiten mit Medikamenten, Impfstoffen und Medizintechnik bis hin zur politischen und gesellschaftlichen Durchsetzung von Standards in der Gesundheitsversorgung und der Verbesserung des Gesundheitszustandes ganzer Regionen.  Diese Forschung braucht Wissenschaftler, die neben der tiefen Expertise im eigenen Fach auch in vielen anderen Fächern geschult sind, so dass sie erfolgreich in transdisziplinären globalen Teams arbeiten können. Diese Art der Forschung muss in Deutschland konsequent weiterentwickelt und systematisch gefördert werden. Das war auch der Kern der Analyse und Empfehlungen der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften im Jahre 2015. 

Der Schritt zu Global Health ist ein notwendiger Schritt.

Auf dem diesjährigen World Health Summit hat Bundesminister Herrmann Gröhe die Einrichtung eines „Global Health Hub Germany“ angekündigt, um die nationale und internationale Zusammenarbeit der Akteure zu verbessern. Deutschland wird dadurch für internationale Organisationen wie die Bill and Melinda Gates Foundation oder den Wellcome Trust ein noch interessanterer Partner. Mit fast einer Milliarde Euro pro Jahr sind wir einer der größten und zuverlässigsten Geldgeber mit großer politischer Sichtbarkeit und Anerkennung für globale gesundheitsbezogene Kooperationsprojekte und für verschiedene internationale Institutionen wie auch die WHO. Die Vereinten Nationen haben nach der Deklaration der Millennium Development Goals im Jahre 2000, im letzten Jahr die Sustainable Development Goals definiert, die bis zum Jahre 2030 erreicht werden sollen. Alle internationalen Organisation und die Bundesregierung an prominenter Stelle haben sich zu ihnen bekannt. Ein Land wie Deutschland mit seiner besonderen Geschichte und seinem großartigen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Potenzial sollte das zu einem Schwerpunkt der Außen- und Entwicklungspolitik in der neuen Legislaturperiode machen.

Ein Deutsches Zentrum für Global Health nach dem Vorbild der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) könnte eine Antwort der Deutschen Wissenschaft sein. Es stünde der Bundesrepublik Deutschland gut an und wäre eine wichtige Ergänzung für den geplanten Global Health Hub Germany und für die internationalen Aufgaben von bestehenden hervorragenden Instituten wie dem Robert-Koch-Institut, dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, dem Heinrich-Pette-Institut und anderen relevanten Einrichtungen. Der Gesundheitsausschuss des BDI könnte wichtige Aufgaben übernehmen und die German Healthcare Partnership noch mehr unterstützen.

Die Bundesrepublik Deutschland zeigt in ihrer Politik großes humanitäres Engagement in vielen Bereichen und über alle Parteien hinweg und setzt sich verstärkt für globale Gesundheitspolitik ein. Die Bundesregierung hat Global Health zurecht zu einer strategischen Priorität, ja zu Ihrem Markenzeichen gemacht. Mit dieser diplomatischen „soft power“ hat sich eine neue deutsche Rolle entwickelt, die weltweit anerkannt und hoch geschätzt wird und auf die wir stolz sein können. Deutschland ist eines der beliebtesten Länder geworden. Mit dem World Health Summit unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin, des Französischen Staatspräsidenten und des Präsidenten der Europäischen Kommission hat sich ein internationales Forum für Global Health mit großer Strahlkraft und „Agenda Setting Power“ fest etabliert, bei dem sich die wichtigen Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft jährlich in Berlin treffen.

Deutschland muss im Bereich Gesundeheit eine der führenden Nationen in der Welt bleiben

Deutschland ist zwar im Bereich Gesundheit wissenschaftlich und wirtschaftlich eine der führenden Nationen in der Welt. Bezüglich Global Health ist es jedoch notwendig, sich wissenschaftlich und strukturell besser für die zukünftigen Herausforderungen aufzustellen.

Wenn Wissenschaft und Wirtschaft Empfehlungen machen anlässlich der Koalitionsverhandlungen für eine neue Regierung, ist das der richtige Zeitpunkt, solche Schwerpunkte zu konkretisieren und ihre eigenen Vorhaben einzubringen, damit die Synergien entstehen können, um eine solche politische Strategie zum Vorteil aller erfolgreich zu machen.

Gesundheit ist ein Menschenrecht. Gesundheit ist von höchster wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Relevanz für den Einzelnen und für die Gesellschaft und gleichzeitig von höchster politischer Bedeutung im nationalen und im internationalen Sinne. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wären gut beraten sowohl im eigenen Lande und in der europäischen Union wie auch in internationalen Schwerpunktprogrammen dieses Thema gemeinsam voranzubringen. Ganz konkret sollte zum Beispiel im „Marshallplan mit Afrika“ dem Thema Gesundheit die ihm entsprechende Bedeutung beigemessen werden. Das wäre gleichzeitig eine der wirksamsten Maßnahmen gegen den Flüchtlingsstrom aus Afrika und für unsere innere und äußere Sicherheit.

Die Deutsche Wissenschaft und die deutsche Wirtschaft täten gut daran, sich explizit hinter diese Ziele zu stellen. Nur so kann im globalen Maßstab das erreicht werden was alle wollen: Einsatz für die Menschenrechte und bessere Gesundheit für alle!

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