Global Solutions Summit 2020 : Was die Weltgemeinschaft in der Coronakrise tun muss

Die Pandemie könnte die Globalisierung zurückdrehen, befürchten Politiker und Wissenschaftler - und fordern mehr internationale Solidarität.

Der leere Plenarsaal der UN-Vollversammlung in New York.
Der leere Plenarsaal der UN-Vollversammlung in New York.Foto: picture alliance / dpa

Normalerweise wäre der helle Raum mit den hohen Fenstern voll besetzt – mit Spitzenpolitikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern. Doch am Mittwoch vergangener Woche bleibt der Konferenzsaal weitgehend leer. Lediglich ein paar Tische stehen dort, darauf große Flachbildschirme, vor denen Menschen mit blauen Atemmasken und schwarzen Headsets sitzen.

Es sind Mitarbeiter der „Global Solutions Initiative“, einem weltweiten Zusammenschluss von Thinktanks, die sich als Berater-Netzwerk für die G-20-Staaten verstehen. Ihre Konferenz mit rund 1200 Gästen, die in diesem Jahr zum vierten Mal in Berlin stattfinden sollte, mussten sie wegen des Kontaktverbots zwar absagen. Damit der Gipfel aber nicht ganz ausfällt, nehmen sie von dem leeren Konferenzsaal aus die geplanten Vorträge und Podiumsdiskussionen per Videochat fürs Internet auf. „Wir haben unsere Konferenz komplett in den digitalen Raum gehoben“, sagt Direktorin Susanne Staufer.

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Die Akteure der Weltpolitik gehen auf Distanz

Damit wollen die Macher des „Global Solutions Summit“, an dem der Tagesspiegel als Medienpartner beteiligt ist, ein Problem lösen, mit dem in der Coronakrise viele internationale Organisationen zu kämpfen haben: Ihre Vertreter können sich wegen der hohen Covid-19-Infektionsgefahr bis auf Weiteres nicht persönlich treffen. In der Krise müssen auch die Akteure der internationalen Politik Abstand halten – obwohl sie gerade jetzt eigentlich enger zusammenrücken müssten.

Was bedeutet das für die Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft? Angesichts nationaler Alleingänge im Kampf gegen die Pandemie und vielerorts stockender Lieferketten wachsen in Politik und Unternehmen die Sorgen vor einem „riesigen Rückschlag“, wie es Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nennt. Die Globalisierung, so die Befürchtung, könnte zurückgedreht werden, die Zeit des offenen Welthandels bald vorbei sein. Überstaatliche Vereinigungen wie die Europäische Union, die G-20-Gruppe oder die Vereinten Nationen könnten an Einfluss verlieren.

„Multilateralismus und koordiniertes internationales Handeln sind heute von größerer Bedeutung als je zuvor“, betont UN-Generalsekretär Antonio Guterres in seinem Grußwort an den „Global Solutions Summit“. In der Krise brauche es „sofortige Investitionen“, sagt er. Von den G-20-Staaten fordert Guterres ein billionenschweres Investitionspaket. Das Geld müsse auch in Länder fließen, denen die Kraft dafür fehle. Altmaier sagt, Solidarität sei ein „moralisches Gebot“. Ähnlich sieht das der Ökonom Dennis Snower, der 2018 die „Global Solutions Initiative“ gegründet hat. „Mangelnde internationale Solidarität ist ein Brandbeschleuniger für das Coronavirus“, sagt der Wirtschaftsprofessor. „Nationale Strategien sind nur Scheinlösungen.“

Auch aus Deutschland kommen beim „Global Solutions Summit“ Mahnungen zum Zusammenhalt der Weltgemeinschaft. „Wir müssen das Level der internationalen Kooperation bewahren, das wir über die vergangenen 70 Jahre erreicht haben“, fordert Altmaier. Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will Steueroasen künftig per „globaler Mindeststeuer“ das Geschäftsmodell entziehen. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass manche vermeiden, ihren Beitrag zu leisten“, sagt er. „Deshalb bleibt es wichtig – auch in Zeiten der Krise –, dass wir Gewinnverlagerung und Steuervermeidung beenden.“

Guterres fordert von den Industrie- und Schwellenländern, ihre Gesellschaften gerechter und nachhaltiger zu gestalten. Das sei auch eine Lehre aus der Finanzkrise 2008: „Länder mit robusten Systemen der sozialen Absicherung haben am wenigsten gelitten und sich am schnellsten erholt.“

Welches Wachstum braucht die Welt?

Kritik an den G-20-Staaten übt Gabriela Ramos, Stabschefin der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Coronakrise habe die Schwächen der Politik offenbart: „Wir haben versagt“, sagt sie im Videochat. Anstatt ihre Volkswirtschaften krisenfest zu machen, hätten viele Länder zu lange nur auf Effizienz gesetzt.

Nun müssten sie ihre Sozial- und Wirtschaftssysteme widerstandsfähig machen. Ramos fordert, dabei auch die Kriterien zu überdenken, anhand derer wirtschaftliche Entwicklung gemessen wird – weg vom Fokus auf das Bruttoinlandsprodukt, hin zu „menschenzentriertem Wachstum“, das auch das Wohlbefinden der Bürger berücksichtigt. Es ist eine der zentralen Botschaften des Gipfels: Wirtschaftliches Wachstum müsse künftig mit sozialem und ökologischem Fortschritt einhergehen.

Über solche Reformideen werden die Spitzenpolitiker der G-20-Staaten wohl noch weit über die Krise hinaus zu diskutieren haben. Bis auf Weiteres sind sie dafür vor allem auf Videokonferenzen angewiesen. Ob der nächste G-20-Gipfel wie geplant in voller Besetzung im November im saudi-arabischen Riad stattfinden kann, ist wegen der Coronagefahr unklar.

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Vor zehn Tagen hielt Saudi-Arabien, das Ende 2019 die G-20-Präsidentschaft übernommen hat, erstmals eine Videoschalte für die G-20-Gesundheitsminister ab. Die Politiker sprachen über ihre Erfahrungen mit der Pandemie sowie über Investitionen in Forschung und über die Hilfe für bedürftige Länder. Für Saudi-Arabien war es eine Chance, in der Krise Handlungsbereitschaft zu zeigen – und das eigene Image aufzupolieren. Die deutsche Online-Delegation führte Gesundheitsstaatssekretär Thomas Steffen an. „Technisch hat es gut funktioniert, aber der Austausch mit Partnern am Rande wurde vermisst“, sagt ein Ministeriumssprecher über die G-20-Gesundheitskonferenz.

Ähnliche Erfahrungen macht man auch in dem leeren Konferenzsaal in Berlin. „Die persönliche Begegnung bei Konferenzen ist wichtig, um Netzwerke auszubauen und zu stärken, weil man auch über den fachlichen Austausch hinaus ins Gespräch kommt“, sagt Susanne Staufer. „Diese kann man bei Digital-Konferenzen nur sehr schwer nachbilden.“ Deswegen freuen sich die Macher des „Global Solutions Summit“ darauf, „nach der Krise zum alten Format unseres Gipfels zurückzukehren“, wie Staufer sagt.

Allerdings könnten politische Gipfeltreffen von der Umstellung aufs Digitale auch profitieren, meint Markus Engels, Generalsekretär der „Global Solutions Initiative“. Mehr als 2000 Teilnehmer hätten sich für die Konferenz registriert, um online mitzudiskutieren: „Gerade das digitale Format öffnet Zugänge für mehr Menschen aus mehr Ländern mit vielfältigeren beruflichen Hintergründen und regionalen Perspektiven.“

Die Keynotes und Podiumsdiskussionen des „Global Solutions Summit 2020“ sind unter global-solutions-initiative.org zu sehen. Im Juni findet der Abschluss der Veranstaltung mit einem „Digital Live Summit“ statt.

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