Das Verhältnis zu den Göttern wich einer Einsicht

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Globalisierung und Populismus : Die Angst ist uralt - und kehrt zurück

Angst ist eine uralte Begleiterin der Gattung Mensch. Als neurophysiologische Reaktion auf Gefahren hängt sie eng zusammen mit Funktionen des limbischen Systems im Gehirn, das wir mit allen Säugetieren gemein haben. Realistische Angst – etwa vor wilden Tieren – ist lebenswichtig. Sie erhöht die Herzfrequenz, befördert erhöhte Wachsamkeit, Aufmerksamkeit und Reaktionen zum Schutz. Flüchten, Kämpfen oder Erstarren gelten als Urreflexe auf beängstigende Situationen. Für unsere Vorfahren war das Welterleben voller traumatischer Angstquellen. Tod und Dunkelheit, Gewitter, Kälte, Hitze, Erdbeben, Vulkane, Sonnen- und Mondfinsternis: Was wollen höhere Mächte damit sagen?

Es galt, sie zu bannen, ihre Huld zu beschwören, ihnen Opfer zu bringen, um sie zu beschwichtigen. Allmählich ermöglichte die Arbeitsteilung in organisierten Großgruppen einzelnen Individuen und Subgruppen das ruhigere Beobachten der Gesetzmäßigkeiten von Natur und Kosmos – und schließlich der Dynamik der Psyche der eigenen Spezies. Mit jedem Gran Aufklärung durch die Wissenschaften, die Natur und Gesellschaft erkundeten, ließen sich mythisch aufgeladene Schrecken lösen. Das paranoide Verhältnis zu den Göttern wich der Einsicht: Wir, nicht die, sind für uns verantwortlich.

Doch so einfach ist das nicht. In Angst und Not, daran hat sich strukturell nichts geändert, rufen Erdenbewohner nach Hilfe. Die Kleinen schreien nach den Eltern, den Älteren, viele der Großen nach den noch Größeren im Himmel oder am Boden. „Kyrie eleison!“, rufen sie, „Herr, erbarme dich!“. Oder sie setzen (zusätzlich) auf einen irdischen Anführer, eine Autorität, die Sicherheit verspricht und ihnen Verantwortung abnimmt. Diese regressive Fantasie spielt eine große Rolle bei den Anhängern von Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Marine Le Pen, Viktor Orbán oder eben, jenseits des Atlantiks, von Donald Trump. Demagogen arbeiten mit Angst. In ihrer rhetorischen Fabrik sind sie zugleich die Produzenten von Ängsten und entwerfen sich selber als die potenziellen Entsorger eben dieser Ängste.

Die unheimliche Unsichtbarkeit des Digitalen verstärkt die Angst

Mit der Globalisierung werden Ängste kosmopolitisiert. So gut wie alle Erdlinge hören und sehen Nachrichten von Kriegen und Krisen, Terror, Börsencrashs, Massenwanderungen, betrügerischen Konzernen oder Treibhauseffekt. Die digitale Moderne ist selber ein globales Treibhaus diffuser Ängste, die in allen Formen blühen. Dazu trägt die unheimliche Unsichtbarkeit des Digitalen bei, wie auch die unheimliche Pandora-Büchse der Möglichkeiten, abstruseste Inhalte weltweit zu verbreiten. Global und zur selben Zeit zersplittert ist die heutige Öffentlichkeit im Weltweitnetz. Überschwemmt von einander widersprechenden Verschwörungstheorien, paranoiden Deutungen, idiosynkratischen Tendenzen jeder Art, prall gefüllt vom Begehren – etwa bei Evangelikalen oder Islamisten – die alte Macht der Götter neu zu wecken. Angstlösende Mittel, mentale oder chemische, finden reichlichen Absatz. Simultan dazu, und auf den ersten Blick paradox, wird Angst gesucht: Krimis, Horrorfilme, Zombies und Vampire haben Konjunktur.

Große Menschengruppen in der modernen Globalisierung, gewissermaßen verwaiste Gotteskinder, die nun allein mit sich zurechtkommen sollen, entwickeln auffällig regressive Züge. Michael Balint, ein früher Pionier der psychoanalytischen Sicht auf Ängste, sah in seinem 1959 in London erschienenen Standardwerk „Angstlust und Regression“ (Klett-Cotta, 8. Auflage, 2014) die Angstlust, den erotisch getönten Thrill, als Versuch, Ängste zu bewältigen – in erster Linie die Urangst des Kindes vor dem Verlassensein. Balint unterschied als Angsttypen, zur basalen Orientierung, die „Philobaten“ von den „Oknophilen“. Philobaten meiden Bindung und Unlust, indem sie grandiose Abenteuer suchen, heute würde man sie bei den Extremsportarten ebenso finden wie unter den Avataren der Weltraumschlachten im Internet oder den vielen Springern von Beziehung zu Beziehung.

Oknophile hingegen klammern sich an Objekte, um ihrer Verlustangst zu entgehen – die aber dadurch dauernd latent lauert. Heute lassen sie sich etwa überall da ausmachen, wo der Rückzug ins Enge, in Familie, Clan, Ethnie, Heimat und die Fiktion der Nation gesucht wird, oder in die Enge eines weltanschaulichen, religiösen Korsetts. Selbstverständlich geht keine individuelle oder gesellschaftliche Angst in diesem Schema auf, viele Abweichungen und Mischformen zwischen den beiden Grundtypen lassen sich beobachten, aber es bleibt ein brauchbares Denkmodell.

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