Globalisierung und Populismus : Die Angst ist uralt - und kehrt zurück

Auf eine schwer zu verstehenden Welt scheinen wir plötzlich wieder wie Kinder zu reagieren – ein Muster, das Populisten zu nutzen wissen. Ein Essay.

Anhänger des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump
Anhänger des US-Präsidentschaftskandidaten Donald TrumpFoto: AFP/Josh Edelson

Anfang Mai grübelte Guido Menzio, Professor für Ökonomie an der Universität von Pennsylvania, über einem mathematischen Problem. Der Wissenschaftler, Ende 30, Hornbrille und dunkle Locken, nutzte die Zeit, die er in einem Flugzeug sitzen musste, indem er Ziffern, Pfeile, Kurven und Formeln für eine Differentialgleichung auf das Karopapier seines Notizblocks schrieb.

Kurz vor dem Abflug von Philadelphia nach Syracuse im Bundesstaat New York machte die Maschine plötzlich kehrt und rollte zurück zum Gate. Einer blonden, etwa gleichaltrigen Passagierin, die auf dem Sitz neben Menzio saß, und die vergebens probiert hatte, ihn zum Smalltalk zu bewegen, war übel geworden. Dem Steward hatte sie ein paar Zeilen auf einem Zettel zugesteckt, offenbar mit dem Wunsch, das Flugzeug zu verlassen. So geschah es.

Wenig später, so erzählte Menzio es einer Nachrichtenagentur, erschienen der Pilot und der Flugbegleiter bei ihm, um den Mann mit italienischem Akzent zu befragen: Wohin des Wegs? Mit was für Notizen? Kommen Sie mal mit uns raus ins Terminal. Menzio erfuhr zu seinem Erstaunen: Seine Sitznachbarin hatte die Angst entwickelt, sie säße neben einem Terroristen, der Bedrohliches kritzelt, womöglich Codes, arabische Worte! Menzio, der auch schon Gastdozent in Stanford und Princeton war, musste jetzt Leute, „die aussahen wie vom FBI“, davon überzeugen, wer er ist. Oh, very sorry! Sie waren höflich, und mit zwei Stunden Verspätung hob das Flugzeug schließlich doch noch ab. Die panische Passagierin aber hatte umgebucht.

Sie folgen ihm aus Angst - und er schürt die Angstfantasien auch noch

Alarm ohne Anlass, alles ein Irrtum, Entschuldigung, Entwarnung! Vorfälle, die diesem Muster folgen, erst Grellrot, dann Hellblau, ereignen sich beinahe täglich und beinahe weltweit. Angst, diffuse, sich ihre Objekte suchende Angst, vermehrt sich in der nervösen Gegenwart mit der Geschwindigkeit eines Computervirus.

Im April war laut „Washington Post“ ein Student der kalifornischen Berkeley University aus einem Flugzeug geholt worden, nachdem er am Mobiltelefon auf Arabisch mit seinem Onkel gesprochen und dabei „Inschallah“ – so Gott will – gesagt hatte. In Deutschland ließ die Polizei erst vor wenigen Tagen eine Stunde lang einen Teil von Terminal 1 des Flughafens Köln/Bonn räumen. Ein 62 Jahre alter Spanier war zeitlich knapp dran gewesen. Beim hektischen Versuch, seinen Flug zu erwischen, hatte er ohne Kontrolle eine Sperre passiert. Für 2500 andere Reisende bedeutete das Ganze Verspätung, Ärger, Unruhe. Und Angst.

„Womit könnte man wohl einer Epidemie von Paranoia vorbeugen?“ Diese Frage stellte Guido Menzio nach dem absurden Abenteuer mit seinen fehlinterpretierten Formeln. Er setzte hinzu: „Es fällt schwer, in diesem Vorfall nicht die Gesinnung der Wählerschaft von Trump wiederzuerkennen.“ Ohne Frage. Doch wo wächst solche Wählerschaft, in welchem Treibhaus der Furcht? Woher deren Bereitschaft, einem Menschen zu folgen, der aus Wahlkampf bizarren Klamauk macht, der beleidigt protestieren kann wie ein narzisstisch gestörter Viertklässler, um Sekunden darauf, als sei er Superman, in schmetternden Trompetentönen irrwitzige Verheißungen auszustoßen?

Sie folgen ihm aus Angst, damit hat Menzio recht, und Trump selbst schürt die Angstfantasien seiner Fans auch noch. Angst vor den Chinesen, die Amerikas liberale Wirtschaft ausnutzen, Angst vor Mexikanern, die über Amerikas Gartenzaun klettern, Angst vor den Anhängern der Demokraten, die naiv und dumm sind, vor Muslimen, die heimlich dem Terror applaudieren, Angst vor Jobverlust, vor falschen Klimawarnern, vor dem Kollaps der Wirtschaft, kurz, dem kompletten „Ruin“ der USA. Hinter dieser dunklen, alpenhohen Drohkulisse aber wird die Sonne Trumps aufgehen, wenn man sie denn ließe.

Angst ist eine uralte Begleiterin der Gattung Mensch. Als neurophysiologische Reaktion auf Gefahren hängt sie eng zusammen mit Funktionen des limbischen Systems im Gehirn, das wir mit allen Säugetieren gemein haben. Realistische Angst – etwa vor wilden Tieren – ist lebenswichtig. Sie erhöht die Herzfrequenz, befördert erhöhte Wachsamkeit, Aufmerksamkeit und Reaktionen zum Schutz. Flüchten, Kämpfen oder Erstarren gelten als Urreflexe auf beängstigende Situationen. Für unsere Vorfahren war das Welterleben voller traumatischer Angstquellen. Tod und Dunkelheit, Gewitter, Kälte, Hitze, Erdbeben, Vulkane, Sonnen- und Mondfinsternis: Was wollen höhere Mächte damit sagen?

Es galt, sie zu bannen, ihre Huld zu beschwören, ihnen Opfer zu bringen, um sie zu beschwichtigen. Allmählich ermöglichte die Arbeitsteilung in organisierten Großgruppen einzelnen Individuen und Subgruppen das ruhigere Beobachten der Gesetzmäßigkeiten von Natur und Kosmos – und schließlich der Dynamik der Psyche der eigenen Spezies. Mit jedem Gran Aufklärung durch die Wissenschaften, die Natur und Gesellschaft erkundeten, ließen sich mythisch aufgeladene Schrecken lösen. Das paranoide Verhältnis zu den Göttern wich der Einsicht: Wir, nicht die, sind für uns verantwortlich.

Doch so einfach ist das nicht. In Angst und Not, daran hat sich strukturell nichts geändert, rufen Erdenbewohner nach Hilfe. Die Kleinen schreien nach den Eltern, den Älteren, viele der Großen nach den noch Größeren im Himmel oder am Boden. „Kyrie eleison!“, rufen sie, „Herr, erbarme dich!“. Oder sie setzen (zusätzlich) auf einen irdischen Anführer, eine Autorität, die Sicherheit verspricht und ihnen Verantwortung abnimmt. Diese regressive Fantasie spielt eine große Rolle bei den Anhängern von Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Marine Le Pen, Viktor Orbán oder eben, jenseits des Atlantiks, von Donald Trump. Demagogen arbeiten mit Angst. In ihrer rhetorischen Fabrik sind sie zugleich die Produzenten von Ängsten und entwerfen sich selber als die potenziellen Entsorger eben dieser Ängste.

Die unheimliche Unsichtbarkeit des Digitalen verstärkt die Angst

Mit der Globalisierung werden Ängste kosmopolitisiert. So gut wie alle Erdlinge hören und sehen Nachrichten von Kriegen und Krisen, Terror, Börsencrashs, Massenwanderungen, betrügerischen Konzernen oder Treibhauseffekt. Die digitale Moderne ist selber ein globales Treibhaus diffuser Ängste, die in allen Formen blühen. Dazu trägt die unheimliche Unsichtbarkeit des Digitalen bei, wie auch die unheimliche Pandora-Büchse der Möglichkeiten, abstruseste Inhalte weltweit zu verbreiten. Global und zur selben Zeit zersplittert ist die heutige Öffentlichkeit im Weltweitnetz. Überschwemmt von einander widersprechenden Verschwörungstheorien, paranoiden Deutungen, idiosynkratischen Tendenzen jeder Art, prall gefüllt vom Begehren – etwa bei Evangelikalen oder Islamisten – die alte Macht der Götter neu zu wecken. Angstlösende Mittel, mentale oder chemische, finden reichlichen Absatz. Simultan dazu, und auf den ersten Blick paradox, wird Angst gesucht: Krimis, Horrorfilme, Zombies und Vampire haben Konjunktur.

Große Menschengruppen in der modernen Globalisierung, gewissermaßen verwaiste Gotteskinder, die nun allein mit sich zurechtkommen sollen, entwickeln auffällig regressive Züge. Michael Balint, ein früher Pionier der psychoanalytischen Sicht auf Ängste, sah in seinem 1959 in London erschienenen Standardwerk „Angstlust und Regression“ (Klett-Cotta, 8. Auflage, 2014) die Angstlust, den erotisch getönten Thrill, als Versuch, Ängste zu bewältigen – in erster Linie die Urangst des Kindes vor dem Verlassensein. Balint unterschied als Angsttypen, zur basalen Orientierung, die „Philobaten“ von den „Oknophilen“. Philobaten meiden Bindung und Unlust, indem sie grandiose Abenteuer suchen, heute würde man sie bei den Extremsportarten ebenso finden wie unter den Avataren der Weltraumschlachten im Internet oder den vielen Springern von Beziehung zu Beziehung.

Oknophile hingegen klammern sich an Objekte, um ihrer Verlustangst zu entgehen – die aber dadurch dauernd latent lauert. Heute lassen sie sich etwa überall da ausmachen, wo der Rückzug ins Enge, in Familie, Clan, Ethnie, Heimat und die Fiktion der Nation gesucht wird, oder in die Enge eines weltanschaulichen, religiösen Korsetts. Selbstverständlich geht keine individuelle oder gesellschaftliche Angst in diesem Schema auf, viele Abweichungen und Mischformen zwischen den beiden Grundtypen lassen sich beobachten, aber es bleibt ein brauchbares Denkmodell.

In der Faszination für angsterregende Geisterbahnen und phantasmatische Gruselgeschichten – sie sind das damalige Pendant zum heutigen Horrorgenre –, erkannte Balint Bewältigungsstrategien für Ängste: Je drastischer ich mich mit Horrendem konfrontiere, desto stärker versuche ich, mich dafür zu immunisieren. Unserer Selbstbeobachtung unter Zeitgenossen darf die schiere Masse und Intensität des Horrormaterials, dessen zunehmender Grad an Drastik und Grauen, als Symptom gelten: Dass ein derartiger Bedarf an Angstbewältigung existiert, setzt ein gewaltiges Volumen an Angst voraus, und damit Unsicherheit, Verlust von Vertrauen und Orientierung.

Wir sehen asymmetrische Mikrokriege, in denen drei, vier junge Leute, ausgestattet mit einer Tasche Sprengstoff, Teile ganzer Großstädte über Tage oder Wochen lahmlegen können. Wir arbeiten mit Touchscreens, die beliebig Bilder, Texte und Klänge aufrufen können, und Allmacht im Reich der Demateralisierung suggerieren, wie der Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek dieses Phänomen als Erster benannt hat. Aus ihren Parallelwelten und Parallelweltchen spähen die Angstbürger heraus auf die hochkomplizierte Realität, auf „Lügenpresse“ und „Politbonzen“, und sie horchen auf, wenn die kompakten Verheißungen der Manipulierer erklingen. Denn diffus bedroht erscheint die eigene Lebenswelt der Bürobauten, Shopping Malls, Clubs und Freizeitparks, der Bahnhöfe, Stadien und Freibäder mit all den gut gelaunten Leuten, nicht nur in Wohlstandseuropa.

Wie passt das alles zusammen? Eine schwer zu verstehende Welt wirkt wie eine Kränkung, sie vermittelt das Gefühl, der Realität wie ein Analphabet gegenüberzustehen, wie ein Kind ohne Kontrolle über sein Los, ein Passagier auf der Lebensreise, auf der irgendwo, im Koffer eines Mitreisenden, eine Bombe tickt. Aber wo? So werden mit der Unbill auch Sündenböcke geboren: Man weiß dann wenigstens, „an wem das alles liegt“.

Es wäre alles da, um mehr Leuten ein gutes Leben zu verschaffen

Das Gesamtbild macht klar, warum eine Neue Aufklärung 2.0 für das digitale Zeitalter notwendig ist. Gerade die Globalisierung macht ja auf ihrer guten Seite möglich, wovon Philosophen und Philanthropen der Vergangenheit immer geträumt haben: Weltweiter, demokratischer Austausch von Information und Meinung, eine zunehmende Internationalisierung des Rechts, interdisziplinäre Kooperation in Bereichen wie Wissenschaft, Medizin und Technik, staatenübergreifende Solidarität in Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen, das Denken nicht in Nationen, sondern in Kontinenten, erdumfassend.

Alles ist da, um immer mehr Leuten ein gutes Leben zu verschaffen. Entscheidend dafür, dass die staunenswerten, positiven Möglichkeiten auch positiv entfaltet und genutzt werden, wird ein neuer Schub der Aufklärung sein, die im Analogen beginnt. Früh und freundlich sollten Erdlingskinder lernen dürfen, was an manchen, klug konzipierten Orten schon gelehrt wird. Sie lernen dort die eigenen und die Emotionen anderer kennen und verstehen, sie erhalten ein breites Basiswissen aus Fakten.

Sie üben das Denken, Argumentieren und Fragen aus verschiedenen Positionen heraus. Sie prägen sich ein, wie man produktive Tatsachen aus dem Netz der Zeichen herausfiltert, und dass nichts spannender, nichts schützender ist als das. Aufklärung 2.0 fußt auf digitalkritischer Bildung, kombiniert mit juristischer und psychologischer Kenntnis der Rechte, allen voran der Menschenrechte. Die Hoffnung besteht, dass Bildung, Ausbildung jenseits des Canyons zwischen Hypertechnologie und den Ressentiments der Fluchtwelten, Raum greift. Der Wille dazu, das Potenzial dieser Hoffnung in Wirklichkeit, Wirksamkeit zu übersetzen, muss sich entwickeln. Ebnet man solcher Aufklärung den Weg, dann wachsen freiere Generationen heran, die die Bomben der falschen Angst entschärfen.

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