Wir sehen asymmetrische Mikrokriege

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Globalisierung und Populismus : Die Angst ist uralt - und kehrt zurück

In der Faszination für angsterregende Geisterbahnen und phantasmatische Gruselgeschichten – sie sind das damalige Pendant zum heutigen Horrorgenre –, erkannte Balint Bewältigungsstrategien für Ängste: Je drastischer ich mich mit Horrendem konfrontiere, desto stärker versuche ich, mich dafür zu immunisieren. Unserer Selbstbeobachtung unter Zeitgenossen darf die schiere Masse und Intensität des Horrormaterials, dessen zunehmender Grad an Drastik und Grauen, als Symptom gelten: Dass ein derartiger Bedarf an Angstbewältigung existiert, setzt ein gewaltiges Volumen an Angst voraus, und damit Unsicherheit, Verlust von Vertrauen und Orientierung.

Wir sehen asymmetrische Mikrokriege, in denen drei, vier junge Leute, ausgestattet mit einer Tasche Sprengstoff, Teile ganzer Großstädte über Tage oder Wochen lahmlegen können. Wir arbeiten mit Touchscreens, die beliebig Bilder, Texte und Klänge aufrufen können, und Allmacht im Reich der Demateralisierung suggerieren, wie der Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek dieses Phänomen als Erster benannt hat. Aus ihren Parallelwelten und Parallelweltchen spähen die Angstbürger heraus auf die hochkomplizierte Realität, auf „Lügenpresse“ und „Politbonzen“, und sie horchen auf, wenn die kompakten Verheißungen der Manipulierer erklingen. Denn diffus bedroht erscheint die eigene Lebenswelt der Bürobauten, Shopping Malls, Clubs und Freizeitparks, der Bahnhöfe, Stadien und Freibäder mit all den gut gelaunten Leuten, nicht nur in Wohlstandseuropa.

Wie passt das alles zusammen? Eine schwer zu verstehende Welt wirkt wie eine Kränkung, sie vermittelt das Gefühl, der Realität wie ein Analphabet gegenüberzustehen, wie ein Kind ohne Kontrolle über sein Los, ein Passagier auf der Lebensreise, auf der irgendwo, im Koffer eines Mitreisenden, eine Bombe tickt. Aber wo? So werden mit der Unbill auch Sündenböcke geboren: Man weiß dann wenigstens, „an wem das alles liegt“.

Es wäre alles da, um mehr Leuten ein gutes Leben zu verschaffen

Das Gesamtbild macht klar, warum eine Neue Aufklärung 2.0 für das digitale Zeitalter notwendig ist. Gerade die Globalisierung macht ja auf ihrer guten Seite möglich, wovon Philosophen und Philanthropen der Vergangenheit immer geträumt haben: Weltweiter, demokratischer Austausch von Information und Meinung, eine zunehmende Internationalisierung des Rechts, interdisziplinäre Kooperation in Bereichen wie Wissenschaft, Medizin und Technik, staatenübergreifende Solidarität in Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen, das Denken nicht in Nationen, sondern in Kontinenten, erdumfassend.

Alles ist da, um immer mehr Leuten ein gutes Leben zu verschaffen. Entscheidend dafür, dass die staunenswerten, positiven Möglichkeiten auch positiv entfaltet und genutzt werden, wird ein neuer Schub der Aufklärung sein, die im Analogen beginnt. Früh und freundlich sollten Erdlingskinder lernen dürfen, was an manchen, klug konzipierten Orten schon gelehrt wird. Sie lernen dort die eigenen und die Emotionen anderer kennen und verstehen, sie erhalten ein breites Basiswissen aus Fakten.

Sie üben das Denken, Argumentieren und Fragen aus verschiedenen Positionen heraus. Sie prägen sich ein, wie man produktive Tatsachen aus dem Netz der Zeichen herausfiltert, und dass nichts spannender, nichts schützender ist als das. Aufklärung 2.0 fußt auf digitalkritischer Bildung, kombiniert mit juristischer und psychologischer Kenntnis der Rechte, allen voran der Menschenrechte. Die Hoffnung besteht, dass Bildung, Ausbildung jenseits des Canyons zwischen Hypertechnologie und den Ressentiments der Fluchtwelten, Raum greift. Der Wille dazu, das Potenzial dieser Hoffnung in Wirklichkeit, Wirksamkeit zu übersetzen, muss sich entwickeln. Ebnet man solcher Aufklärung den Weg, dann wachsen freiere Generationen heran, die die Bomben der falschen Angst entschärfen.

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