Politik : Glücklicher Sünder

Wie sich ein Klimafrevler fühlt

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Die Kurzstreckenflüge teuer machen? Ich habe volles Verständnis dafür, dass man mich bestrafen will, ich habe es wahrlich verdient. Ich fliege in manchen Monaten vier Mal übers Wochenende nach Zürich. Mit einer Fluggesellschaft, die günstige Flüge anbietet. Ich weiß, Leute, die übers Wochenende für wenig Geld in andere Städte fliegen, um sich dort zu vergnügen, die sind die Schlimmsten. Sie vergnügen sich auf Kosten des Klimas, obwohl sie genau wissen, was sie anrichten. Mir fällt kein sachliches Argument zu meiner Verteidigung ein, es gibt nur eine Tatsache. Die Frau, die ich liebe, lebt und arbeitet in Zürich. Deshalb fliege ich da hin. So oft ich kann. Soll ich mit der Bahn fahren? Ich würde Freitagabend einsteigen und Samstagmorgen ankommen. Eine Nacht weniger? Kommt nicht in Frage. Sollen sie die Flüge verteuern, ich verstehe die Argumente, es ändert nur nichts. Ich werde weiter nach Zürich fliegen. Zu der Frau, die ich liebe. Egal, was es kostet. Und das mit dem Klimaablass überlege ich mir.

Manchmal sitze ich mehrere Flüge hintereinander neben derselben Person. Viele haben Fernbeziehungen. Der halbe Flieger ist voll mit Leuten, deren Partner in Zürich arbeiten. Ärztinnen, Ingenieure, Krankenschwestern, Informatiker, wissenschaftliche Mitarbeiter. Wenn Mann und Frau arbeiten, ist es wahrscheinlich unvermeidlich und richtig, dass viele Dinge des Lebens mit einem zusätzlichen Aufwand an Energie, Dreck und Geld organisiert werden müssen.

Ich fuhr jahrelang einen alten Mini, so alt, dass es leicht bläulich aus dem Auspuff dampfte. Wenn der TÜV das gute Stück jetzt nicht aus dem Verkehr gezogen hätte, ich führe es immer noch. Jetzt suche ich mir einen neuen. Keinen modernen mit guten Abgaswerten, sondern einen alten – mit Holztäfelung. Klima hin, Klima her, ich werde weiter genussvoll mit einem alten Mini zum Tango fahren.

Dass es wärmer wird, kommt mir entgegen, weil ich noch eine alte Berliner Wohnung mit alten Kachelöfen habe. Im Winter kommt alle paar Tage ein Kohlenverkäufer, der mir polnische Braunkohlebriketts in den vierten Stock hochträgt. Das Ganze verpestet die Luft, ist absurd teuer und von der Energiebilanz her irrsinnig, zumal ich zusätzlich mit Strom heize. Klar, ich könnte irgendwelche Erdgasteile einbauen lassen, aber ich lasse doch keine Handwerker in die Wohnung.

Okay, so geht das nicht weiter. Ich setze meine blanke Brust den Pfeilen der Klimaschützer aus. Wirklich, ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Vielleicht sollte ich an Greenpeace spenden, oder Grün wählen oder wenigstens auf frischen Thunfisch verzichten. Immerhin, ich hatte früher mal keinen Fernseher.

Über die Heizung werde ich nachdenken. Von einem alten Mini aber rücke ich nicht ab. Dann kann ich auch besser die teurer werdenden Flüge bezahlen.

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