Wulff hat sich das eisige Schweigen selbst zuzuschreiben.

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Großer Zapfenstreich für Christian Wulff : Abschied in Wut und Würde

Das Licht vom Schloss und das Flackern der Fackeln fällt auf die Reihen der Ehrengäste. Keiner der vier Altpräsidenten ist gekommen, mit verschiedener Begründung. Dafür ist fast das ganze Kabinett da. Angela Merkel sitzt neben Bettina Wulff. Manchmal tauschen die beiden ein paar Worte, Merkel wirkt ernst, Bettina Wulff ist von heiterer Freundlichkeit wie eigentlich immer. An ihrer anderen Seite, bevor der Bundestagspräsident Norbert Lammert ins Bild kommt, sitzt eine zweite junge Frau. Annalena Wulff ist 19 Jahre alt, sie steckt gerade im Abitur. Man kennt die junge Frau vielleicht noch von einem anderen Bild. Auch vor zwei Jahren war sie dunkel gekleidet, und eine Flamme warf Lichter auf ihr Gesicht. Annalena stand neben ihrem Vater am ewigen Feuer in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sie hat vor den Augen der ganzen Welt ein sehr persönliches Zeichen der gemeinsamen Verantwortung der Generationen in Deutschland für die Geschichte gesetzt.

Prominente Berliner wählen mit
Archivbild der Bundesversammlung vom 30. Juni 2010. Damals wurde Christian Wulff gewählt, nach seinem vorzeitigen Abgang dürfte ihm nun Joachim Gauck folgen. Am 18. März werden im Reichstagsgebäude 1.240 Wahlleute abstimmen - die eine Hälfte Mitglieder des Bundestags, die andere von den Landtagen bestimmt. Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche prominente Berliner.Weitere Bilder anzeigen
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24.02.2012 12:11Archivbild der Bundesversammlung vom 30. Juni 2010. Damals wurde Christian Wulff gewählt, nach seinem vorzeitigen Abgang dürfte...

Jetzt dröhnen die Tröten und Pfiffe der Demonstranten auch in ihre Ohren. „Schande, Schande!“ rufen sie im Chor. Der Krawall ist ohrenbetäubend hier im Schlossgarten. Schwer vorzustellen, wie der jungen Frau zumute ist. Es hat sich in den letzten Monaten kein Mitglied der Familie Wulff öffentlich zu Wort gemeldet, niemand hat um Zurückhaltung gebeten, niemand sich zur Wehr gesetzt gegen all die Angriffe und Nachforschungen und den doch eher billigen Spott über zum Beispiel das kleinbürgerliche Klinkerhäuschen in Großburgwedel. Es gibt, mit anderen Worten, an diesem Abend ein paar Menschen im Schlosspark, die Mitgefühl ganz gut gebrauchten könnten.

Was den Hauptdarsteller da vorn auf dem Podest angeht, sind die Meinungen in diesem Punkt allerdings nahezu einhellig. Selten war ein von einer Affäre heimgesuchter Politiker vom ersten Moment an so von allen Parteifreunden verlassen. Das eisige Schweigen hat sich Wulff selbst zuzuschreiben. Zu uneinsichtig seine öffentlichen Auftritte: Dass da einer als normale Freundschaftsdienste zu verkaufen versuchte, was doch so augenfällig nach geschmeidiger Einflussnahme aussah, brachte die ganze politische Klasse in Verruf. Zu ungeschickt auch seine Verteidigung: „Provinziell“ nennt das einer, der selbst mal aus der Provinz nach Berlin gekommen ist.

Aber vielleicht wird man später, mit einigem Abstand, feststellen, dass dieser Christian Wulff unbeabsichtigt und paradoxerweise das Amt des Bundespräsidenten schärfer konturiert hat als viele seiner Vorgänger. Wann hätte die ganze Republik je so ausgiebig darüber debattiert, was sie von ihrem Staatsoberhaupt erwartet? Gerade weil er dem Amt in den letzten Wochen so penetrant nicht gewachsen war, gerade weil seine Verfehlungen nicht groß und offensichtlich waren, sondern immer an der Grenze zwischen noch Erlaubtem und schon Unanständigem, ergibt die Summe aus dieser Affäre ein neues, altes Ideal.

Unser Bundespräsident soll kein Trickser sein, sondern lieber ein etwas zu anständiger Kerl. Einer zum Aufschauen. Darin steckt etwas Verlogenes – wir, das Volk der Steuerquittungsjäger und Rabattkartensammler, wollen nicht von einem allzu Unseresgleichen repräsentiert werden. Aber der Amtssitz ist nicht zufällig ein Schloss. Der Bundespräsident ist der zivile Nachfahr des gerechten Königs. Dessen Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass er seine Möglichkeiten nicht missbraucht. Wulff hat das nie begriffen. Es ist der tiefere Grund seines Scheiterns: Ausgerechnet der erste Mann im Staat darf nicht tun, was doch jeder macht. Zwei Soldaten eskortieren Christian und Bettina Wulff ins Schloss zurück. Sie sind gerade an der Freitreppe, da fängt endlich jemand an zu applaudieren. Das Klatschen geht fast unter im Lärm der Demonstranten. Aber Wulff hört es. Er dreht sich um, ein kurzes Winken. Schon gut, dass es jetzt vorbei ist.

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