Grüne Spitzenkandidatin : Katharina Fegebank will Hamburg regieren

Katharina Fegebank hätte man früher eine „Reala“ genannt. Die Spitzenkandidatin der bei der Hamburger Bürgerschaftswahl punktet mit ihrem Pragmatismus.

Die Bürgermeisterkandidatin zur Bürgerschaftswahl 2020 und Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin, Katharina Fegebank.
Die Bürgermeisterkandidatin zur Bürgerschaftswahl 2020 und Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin, Katharina Fegebank.Foto: Markus Scholz/dpa

Man bescheinigt ihr „Siegeswillen“ und „große Ambitionen“, man nennt sie „Senkrechtstarterin“ – und die grünen-freundliche „Taz“ bezeichnete Katharina Fegebank etwas uncharmant als „ungeduldiges Wahlkampftier“. Die Spitzenkandidatin der Grünen in Hamburg hat ihre Botschaft jedenfalls platziert: Sie will es wissen.

„Die Zeit ist jetzt“, sagt sie selber. Am Sonntag will die 42-Jährige bei der Bürgerschaftswahl so viele Stimmen bekommen, dass sie die Landesregierung anführen kann. Die Juniorpartnerin der rot-grünen Koalition, die in der Hansestadt seit fünf Jahren regiert, hat einen klaren Führungsanspruch. Seit 2015 ist Fegebank Wissenschaftssenatorin und Zweite Bürgermeisterin im Senat.

Obwohl Umfragen die SPD deutlich vorne sehen, hat „Katha“, wie Parteifreunde sie nennen, die Hoffnung nicht aufgegeben. Rückendeckung bekommt sie von ihrer Partei, die eine ganz auf ihre Person zugeschnittene Kampagne fährt – untypisch für die sonst eher wort- und weniger bilderreichen grünen Wahlkämpfer.

Katharina Fegebank hätte man früher eine „Reala“ genannt. Ihre politische Agenda ist von grünem Pragmatismus geprägt, vor allem in der Klima- und Verkehrspolitik. Dennoch stoßen die Vorstellungen der gebürtigen Bad Oldesloerin auf reichlich Vorbehalte bei den Hamburger Unternehmern, Kaufleuten und Reedern.

Die Innenstadt soll „weitgehend autofrei“ werden

„Weg von Lärm, Dreck und Stau hin zu entspannter Mobilität für alle, das ist das Ziel unserer Verkehrspolitik.“ Mit dieser Aussage Fegebanks können die konservativen Wirtschaftsvertreter noch leben. Schwerer tun sie sich mit ihrer Haltung zum Auto. „Wir verdammen das Auto nicht, aber wir arbeiten daran, es überflüssig zu machen“, antwortet die Spitzenkandidatin auf eine entsprechende Background-Frage.

Gelingen solle dies über „verlockende Angebote: mehr Busse und Bahnen, neue Strecken, bessere Taktung“. Auch Ticketpreise, die Familien entlasten, hat Fegebank im Programm. „Beim Radverkehr drücken wir auf die Tube und wollen jedes Jahr 100 Kilometer Radwege sanieren oder neu bauen“, kündigt sie an. Radfahren solle sicher sein und Freude bereiten. Und für alle, die zu Fuß unterwegs seien, „wollen wir Teile der Innenstadt weitestgehend autofrei machen“.

Einen kompletten Abschied vom Auto lehnt die Realpolitikerin ab. Es geht ihr um die Modernisierung des Verkehrssystems, nicht um einen radikalen Bruch. Womöglich hat die Politikerin, die vor einem Jahr mit ihrem Lebensgefährten, dem Unternehmer Mathias Wolff, Zwillinge bekam, ganz praktisch erlebt, wie schwierig es mitunter ist, ohne Auto unterwegs zu sein, wenn man Familie hat.

Aufgewachsen ist Fegebank in einem Lehrerhaushalt im schleswig-holsteinischen Bargteheide. Sie bezeichnet sich selbst als „Nordlicht durch und durch“. Schon nach dem Abitur und während des Politik-, Europa- und Völkerrechtsstudiums in Freiburg kam sie herum in der Welt: Praktika in London, Ankara, New York, längere Aufenthalte in Bosnien-Herzegowina und in der Slowakei.

Der Hafen soll grüner werden

Ihre Weltläufigkeit passt zu Hamburg. Auf die Background-Frage, wie der Hafen grün werde, antwortet Fegebank ausführlich: „Wir statten die Container- und Kreuzfahrtterminals mit Landstromanlagen aus, und wir wollen, dass Kreuzfahrtschiffe künftig im Hafen verpflichtend an die Landstromversorgung angeschlossen werden.“ Damit bleibe Hamburg in der Landstromtechnologie führend in Europa. Außerdem wolle man mehr Hafen-Binnen-Verkehr und Hinterlandverkehr auf Schiene oder Binnenschiffe verlagern und so das Lkw-Aufkommen reduzieren.

„Die Hafenentwicklung wird auf einen ökologischen Innovationshafen ausgerichtet – ohne illusorisches Flächenwachstum und mit qualitativem Wachstum durch Mehrgeschossigkeit“, beschreibt die Grünen-Politikerin etwas wolkig ihr Pläne. „Arbeitsplatzintensive“ und zukunftsträchtige Unternehmen sollten im Hafen angesiedelt werden. „Und wir sorgen dafür, dass die Schäden durch die Elbvertiefung so gut wie möglich ausgeglichen werden, indem wir Retentionsflächen schaffen und wertvolle Ökosysteme bewahren.“

Strahlkraft entfalten auf dem ITS-Weltkongress 2021

Das grüne Alphabet hat Katharina Fegebank parat – obwohl sie erst relativ spät in die Partei eingetreten ist. Parteipolitisch aktiv wurde sie mit 27 Jahren. 2004 begann sie als wissenschaftliche Referentin der Grünen-Bürgerschaftsfraktion. Ihr Talent wurde schnell erkannt, vier Jahre später war sie schon Landeschefin. Der Entschluss, Fegebank für höhere Ämter ins Spiel zu bringen, reifte nach der Europawahl im vergangenen Jahr, als die Hamburger Grünen mit 31,1 Prozent erstmals zur stärksten Partei auf Landesebene wurden. Wie im Bund sieht sich die Partei seitdem auch dort am Beginn einer neuen Zeit mit neuen Machtoptionen.

Hamburg will Katharina Fegebank zur „Klimahauptstadt“ Deutschlands machen, Verkehrspolitik „durch die Windschutzscheibe“ soll der Vergangenheit angehören. Internationale Strahlkraft solle die Hansestadt im kommenden Jahr auf dem ITS-Weltkongress entfalten. „Der Kongress wird ergänzt durch den Nationalen Radverkehrskongress der ebenfalls 2021 in Hamburg stattfindet“, sagt Fegebank. Durch die Erprobung von elektrischen und autonomen Bussen werde zudem gezeigt, dass auch der ÖPNV voran komme.

Wichtig sei den Grünen, dass die Projekte am Ende auch einen realen Nutzen hätten, der über den Kongress hinaus gehe. „Dies ist zum Beispiel bei den neuen Zählnetzen der Fall, die mittels Wärmebildkamera Rad- und Autoverkehr zählen und unterscheiden können.“ Nachhaltig, praktisch, pragmatisch – so ist Katharina Fegebank und so startet sie in den Wahlsonntag. (mit sal, AFP)

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