Gute Zahlen - schlechte Zahlen : Demut statt Übermut

Gesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler müssen erklären, weshalb gute Zahlen kein Grund zu Übermut sind.

Der Vorsichtige. Minister Spahn wirbt für Geduld.
Der Vorsichtige. Minister Spahn wirbt für Geduld.Foto: John Macdougall/dpa

Die traurige Wahrheit hinter guten Nachrichten zu erklären ist gar nicht so leicht. Lothar Wieler versucht es also noch einmal. Der Chef des Robert-Koch-Instituts zieht am Freitag gemeinsam mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und mit weiteren Fachleuten eine Corona-Zwischenbilanz.

Wieler hat die gute Nachricht des Tages vorher schon verkündet: Die Reproduktionszahl ist auf 0,7 gesunken – nicht mehr jeder Corona-Infizierte steckt derzeit einen weiteren an. Die Maßzahl hat in den Debatten um Lockerungen eine zentrale Rolle gespielt.

Auch die Kanzlerin hat über das Ziel gesprochen, dieses R unter eins zu drücken. Ein kleines Wörtchen ist dabei oft überhört worden. Wieler betont es jetzt: „Wir brauchen es dauerhaft!“ Davon ist das Land weit weg: „Wir werden noch viele Monate mit diesem Virus leben.“

In Krisen gedeihen Missverständnisse, und in so komplizierten Krisen wie dieser Pandemie sind sie wohl unausweichlich. Spahn erlebt das sofort selbst. Auch der Minister kann eine positive Zwischenbilanz ziehen.

Das Gesundheitssystem war zu keinem Zeitpunkt überlastet, seit etwa einer Woche werden mehr Covid-Patienten gesund als neu erkranken, im Ausland gilt deutsches Krisenmanagement vielen als vorbildlich. „Der Ausbruch ist – Stand heute – wieder beherrschbar und beherrschbarer geworden“, resümiert er.

Weniger gute Daten

Aus dem Satz wird eine Eilmeldung: „Spahn: Ausbruch ist beherrschbar geworden.“ Prompt kommen die Nachfragen im Saal der Bundespressekonferenz: Also alles wieder gut? Schluss mit Beschränkungen? Auch Spahn versucht es noch einmal: Nein, nicht endgültig „beherrschbar“ – „durch die Maßnahmen“ sei nur eine Lage beherrschbar geworden, die im März außer Kontrolle zu geraten drohte.

Wieler ergänzt: „Wir haben eine erste Welle ganz gut überstanden. Aber das kann sich ändern.“ Denn weiter gelte, das betonen beide: „Wir stehen erst am Anfang der Pandemie.“ Wie die sich entwickelt, auch mit gelockerten Auflagen, weiß kein Mensch.

Tatsächlich finden sich in Wielers täglichem Zahlentableau auch jetzt schon weniger gute Daten. Immer noch werden täglich 3000 neu Infizierte gemeldet, immer mehr davon aus den Kranken- und Pflegeberufen, immer höher der Anteil der Toten – aktuell sterben im Bundesschnitt 2,9 Prozent der Infizierten.

Ob alle am Virus gestorben sind oder letztlich an anderen Krankheiten, hält der RKI-Chef übrigens für eine „akademische“ Debatte. An den Zahlen ändere das nichts Entscheidendes, zumal auf der anderen Seite etliche Covid-Tote, die nicht im Krankenhaus sterben, nicht erfasst seien.

Auch über Spekulationen, dass heimlich das halbe Land schon immun sein könnte, kann Wieler nur den Kopf schütteln. Selbst wenn die Dunkelziffern um das Zehnfache über den amtlich erfassten Daten liegen würden, rechnet er vor, wären erst etwa 1,3 der 80 Millionen Deutschen infiziert – weit weg von Herdenimmunität bei 60 bis 70 Prozent. Wie hoch die Dunkelziffer ist, beginnt das RKI erst aufwendig zu erforschen.

Logik der Zahlen

Doch die Logik der Zahlen und die Dynamik einer Pandemie, das zeigen viele Fragen aus dem Saal, ist nicht leicht zu verstehen. Der Minister und sein fachlicher Helfer müssen ein ums andere Mal erklären, dass nicht eine Zahl ihr Handeln bestimmt, sondern auch andere wie Bettenzahlen und die Kapazitäten der Testlabore und Gesundheitsämter.

„Es gibt nicht eine Zahl, die ganz alleine eine Aussagekraft hat, wo wir gerade stehen und wie gut wir damit umgehen können“, betont Wieler. Zumal zu jeder Phase der Seuche andere Maße gehören: Die Verdopplungszeit der Zahl der Infizierten taugte für die Zeit mit exponentiellem Wachstum, jetzt gerade sagt der Reproduktionsfaktor mehr.

Aber eben nicht alles, und nur als Momentaufnahme. Spahn gibt zu, dass man diese Zusammenhänge noch viel mehr erklären müsse. Er hofft „demütig, aber nicht übermütig“, dass es beim guten Trend bleibt und Lockerungen nicht die Zahlen hochschnellen lassen.

Dann könnten etwa auch Kliniken wieder in eine „neue Normalität“ zurück, in der weniger dringliche Operationen wieder möglich werden. Etwa 25 bis 30 Prozent der „in Richtung 40 000“ aufgestockten Intensivbetten, schätzt Spahn, müssten trotzdem für Covid-Patienten reserviert bleiben.

Auch das könne man erst mit der Zeit sagen, wirbt Spahn um Geduld. Er sei „ja ganz neidisch“ auf alle, „die heute schon immer alles gewusst haben“, ätzt er in Richtung seiner Kritiker. Alle steckten in einem Lernprozess – „das sagt auch der Minister aus Erfahrung“, ergänzt er in Anspielung auf seinen eigenen Umgang mit Schutzmasken in einem dicht besetzten Klinik-Fahrstuhl.

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