Handelspartner Deutschland : Entwicklungshilfe aus der Wirtschaft

Merkel wird überall in Afrika wie eine Heroin verehrt. In Südafrika trifft sie auf Präsident Ramaphosa - der hofft auf deutsche Investitionen für sein Land

Johannes Dieterich
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Cyril Ramaphosa, Präsident von Südafrika, geben eine Pressekonferenz.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Cyril Ramaphosa, Präsident von Südafrika, geben eine Pressekonferenz.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Viel Objektivierbares haben sie nicht gemein. Er schwarz, sie weiß. Sie wuchs als Pfarrerstochter in einem realsozialistischen Staat auf, er als Polizistensohn in einem antikommunistischen Rassistenstaat. Seiner Regierung gehören Kommunisten an. Ihre Regierung hat schon mit Sozialdemokraten Schwierigkeiten. Trotzdem könnte man Angela Merkel und Cyril Ramaphosa Freunde nennen, wenn es Derartiges in der Politik überhaupt geben würde.

Jedenfalls respektieren sie sich, wie es international inzwischen unüblich ist. Als die Kanzlerin im Oktober 2018 ihren Rücktritt als CDU-Chefin bekannt gab, befand sich Ramaphosa gerade auf Besuch in Berlin. „Es war ein trauriger Tag“, erinnert sich Khulu Mbatha, der außenpolitische Berater des südafrikanischen Präsidenten.

Merkel wird überall in Afrika wie eine Heroin verehrt. Die Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge 2015 wird der Kanzlerin hoch angerechnet. Dass eine Regierungschefin ihre Entscheidungen auch unter humanitären Gesichtspunkten trifft, ist nicht mehr selbstverständlich. Ramaphosa hat Merkel allerdings nicht eingeladen, um seinen Landsleuten einen Weg nach Europa zu ebnen: Südafrika wird selbst von Millionen an Migranten aus anderen Teilen des Kontinents angesteuert.

Was der Präsident braucht, ist die Hilfe der deutschen Wirtschaft: Mit einem Handelsvolumen von 17 Milliarden Euro ist Deutschland hier zweitgrößter Handelspartner, noch vor den USA und nur von China überrundet.

Ramaphosa steht unter Druck. Er muss seinen Widersachern – fast jeder Zweite in der eigenen Partei, dem ANC – dringend wirtschaftliche Erfolge vorweisen, stattdessen bewegt sich das Land kaum vom Fleck. Der von seinem Vorgänger Jacob Zuma angerichtete Schaden ist wesentlich größer, als sich das selbst Skeptiker vorgestellt hatten: Ob es Ramaphosa gelingt, das von Korruption und Vetternwirtschaft an den Rand des Abgrunds geführte Land wieder flottzumachen, ist noch nicht ausgemacht.

Die Kritik in südafrikanischen Wirtschaftskreisen wächst, dass Ramaphosa nicht entscheidend genug durchgreift: Doch der Präsident muss auch politische Rücksichten nehmen. Er ist auf Vertrauen angewiesen, das sich in Investitionen niederschlägt, und dabei soll ihm die Kanzlerin helfen.

Die Bundeskanzlerin bezieht in Pretoria Stellung zu Thüringen

Die sieht sich während der Pressekonferenz in Pretoria erst einmal zu dem ungewöhnlich Schritt genötigt, zu den jüngsten Vorgängen im fernen Thüringen Stellung zu nehmen. Dann verspricht sie dem Gastgeber, ihn bei seinen Reformvorhaben „zu unterstützen, wie immer wir können“: Etwa bei der Energieversorgung, die derzeit Ramaphosas größtes Problem ist. Fast täglich muss der staatliche Energieversorger Eskom in wechselnden Teilen des Landes den Strom abstellen, um das Netz nicht kollabieren zu lassen: Die Praxis kostete Südafrikas Wirtschaft fast vier Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Deutsche Firmen wie Siemens, Hitachi Hamburg sowie Bilfinger sind bereits am Bau zweier riesiger südafrikanischer Kohlekraftwerke beteiligt: Doch das Land, das fast 90 Prozent seines Energiehaushalts der Kohle verdankt, will allmählich auf erneuerbare Energien umstellen. Auch dabei könne Deutschland behilflich sein, so Ramaphosa: Seine Amtskollegin habe ihm ausführlich über die deutschen Erfahrungen beim Übergang der Kohle zu erneuerbaren Energien berichtet.

Deutschland und Südafrika seien „an der Hüfte zusammengewachsen“, schmeichelt der Gastgeber. Beim Runden Tisch der Wirtschaftsbosse am Nachmittag sind auch die südafrikanischen Chefs der drei deutschen Automobilhersteller anwesend, die hier über Werke verfügen: Die Präsenz von Volkswagen, Daimler-Benz und BMW selbst während der Zeit der Apartheid wird dafür verantwortlich gemacht, dass die De-Industrialisierung im Südzipfel Afrikas weniger verheerend ausfiel als in anderen Teilen des Kontinents.

Die Autobauer sind Ramaphosas größte Hoffnung, wenn er um mehr Investitionen fleht: VW plant vom Kap aus einen Feldzug über den Kontinent, der Afrika für die Wolfsburger wie einst China aufrollen soll. Die „strategische Allianz“ zwischen Südafrika und Deutschland beschränkt sich allerdings nicht auf die Wirtschaft.

Merkel unterhält sich angeregt mit Blade Nzimande

Die Bundeskanzlerin preist ihren Gastgeber auch als einen der selten gewordenen „Multilateralisten“, die sich bei internationalen Konflikten wie in Libyen abzusprechen suchen, statt Alleingänge zu führen. Südafrikas Präsident wird in wenigen Tagen den Vorsitz der Afrikanischen Union (AU) übernehmen, die im Tauziehen um den Libyen-Konflikt bisher weitgehend isoliert blieb.

Ohne „afrikanischen Sachverstand“ könnten die Vorgänge in dem Ruinenstaat gar nicht verstanden werden, sagte Merkel: Ein Frieden in Libyen sei für Europa allein wegen der andernfalls zu erwartenden Flüchtlingsströme von besonderer Bedeutung.

Und schließlich noch eine Begegnung nach dem Geschmack der Kanzlerin. Beim Mittagessen gerät Merkel mit Blade Nzimande, dem Chef der Kommunistischen Partei, in ein angeregtes Gespräch. Als sie später von der Identität ihres Gesprächspartners erfährt, sagt sie an die Adresse Nzimandes gerichtet: „Unter freiheitlichen Bedingungen sind die Kommunisten auch nicht mehr die, die sie mal waren.“

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