Haradinaj-Prozess : Del Ponte beklagt massive Drohungen gegen Zeugen

Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat die Verhandlung gegen Ex-Ministerpräsident Ramush Haradinaj begonnen. Chefanklägerin Carla Del Ponte beklagte zum Prozessauftakt die Einschüchterung wichtiger Zeugen.

Den Haag - In keinem anderen Verfahren seien aussagewillige Zeugen dermaßen Bedrohungen und Einschüchterungen ausgesetzt wie in diesem Prozess. Noch am Wochenende sei ein Zeuge unter Druck gesetzt worden. Der Schutz der Zeugen werde entscheidend für das Verfahren sein. "Wenn ich vor Gericht keine Zeugen habe, muss ich die Anklage zurückzuziehen", warnte Del Ponte. Einer der Anwälte, Gregor Guy-Smith, protestierte gegen die "vorverurteilenden" Bemerkungen der Anklägerin.

Der 38-jährige Haradinaj soll als Kommandeur der "Befreiungsarmee" (UCK) der Kosovo-Albaner 1998 verantwortlich für die Ermordung und brutale Behandlung von Serben und angeblichen Kollaborateuren gewesen sein. Mit angeklagt sind seine früheren Untergebenen Idriz Balaj und Lahi Brahimaj.

"Weder ehrenhaft, noch patriotisch"

Haradinaj war nach nur rund drei Monaten als Regierungschef des Kosovo im März 2005 zurückgetreten, als die Anklage gegen ihn erhoben wurde. Er stellte sich dem Gericht freiwillig und bezeichnete sich als unschuldig. Im Juni 2005 bekam Haradinaj bis Prozessbeginn Haftverschonung und wurde zu einem gefragten Verhandlungspartner der UN-Verwaltung des Kosovo. Del Ponte betonte jedoch, die Angeklagten seien keine Helden, die ihnen vorgeworfenen Taten weder ehrenhaft noch patriotisch. "Sie waren brutale und blutrünstige Mörder", sagte Del Ponte. Die Angeklagten hätten "das Blut unschuldiger Zivilisten an den Händen".

Als damals höchster UCK-Kommandeur im Westen des Kosovo hat Haradinaj laut Anklage fast unbeschränkte Macht gehabt. Er habe Exekutionen und Folterungen gebilligt. Balaj wird als Führer der Guerilla-Gruppe "Schwarze Adler" für schwerste Verbrechen verantwortlich gemacht. Brahimaj war verantwortlich für ein Gefängnis der UCK, in dem Serben und angebliche Kollaborateure gefoltert und ermordet wurden. Der Prozess wird vermutlich länger als ein Jahr dauern. (tso/dpa)

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