Harald Martensteins Kolumne : Die falschen Freunde von CDU und SPD

Die Volksparteien folgen willenlos dem jeweiligen Medien-Hype und sind nur noch halbherzige Kopien. Dabei brauchen sie zupackenden Pragmatismus. Ein Kommentar.

Harald Martenstein
Muss die SPD einfach so lange eine Vorsitzperson nach der anderen durchprobieren, bis endlich der oder die Richtige kommt?
Muss die SPD einfach so lange eine Vorsitzperson nach der anderen durchprobieren, bis endlich der oder die Richtige kommt?Foto: AFP/Tobias Schwarz

Ist es wirklich so einfach? Muss die SPD einfach so lange eine Vorsitzperson nach der anderen durchprobieren, bis endlich der oder die Richtige kommt? Das klappt ja oft nicht mal auf Datingportalen.

Muss die CDU einfach nur beim Klimaschutz die Grünen kopieren, dann läuft es bei Wahlen wieder? Müssen die Volksparteien überhaupt grüner und linker werden, weil Wähler es super finden, wenn die Parteien sich nicht unterscheiden?

Dieses Rezept wird SPD und CDU seltsamerweise von den gleichen Leuten eingeredet, die noch gestern verkündet haben, dass man den Parolen der AfD auf keinen Fall nachlaufen darf. Die Wähler nähmen im Zweifel immer das Original und nicht die Kopie. Aber statt den Grünen wählt man lieber die Kopie? Ich verstehe das aber. Wenn du politisch irgendwo stehst, egal wo, dann wäre es geradezu paradiesisch, wenn sämtliche Parteien deiner Meinung sind. Egal, welche Partei gewinnt – du gewinnst immer. Das wäre wie ein Roulette mit nur einer Zahl. Deshalb raten grün denkende Kommentatoren der CDU immer, sich in die Grünen zu verwandeln, oder auch Konservative der Linken, sozialkonservativ aufzutreten. Da sage ich: falsche Freunde!

Das Personalangebot ist wichtig, aber nicht der entscheidende Faktor. Rudolf Scharping oder Helmut Kohl waren keine sexy Volkstribunen, trotzdem ging es SPD und Union damals besser als heute. Die Volksparteien setzen keine eigenen Themen mehr, sie folgen willenlos dem jeweiligen Medien-Hype und sind tatsächlich, wie die falschen Freunde geraten haben, halbherzige Kopien. Die Krise der Volksparteien ist ein europaweites Phänomen, kein deutsches, diese Krise hat mit der Globalisierung, ihren Folgen und der Angst davor zu tun. Für die größten Ängste, die vor dem Klima-Crash und vor Massenmigration, haben sich aber längst Spezialparteien entwickelt (anderswo ist die Klima-Angst schwächer ausgeprägt als hierzulande). CDU und SPD müssten ein breiteres Angebot machen.

Wo ist die Antiangstpartei, die nicht bei jedem Twitterstürmchen gleich weiche Knie kriegt? Wo ist die Partei, die mal wieder Probleme löst, statt zu predigen? Seit Jahren wird zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr schleichend schlechter, trotz Klimapredigerei, die Schulen werden immer ideologiefixierter, mit immer schwächeren Ergebnissen, die Infrastruktur bröselt, die Arbeitsverhältnisse sind prekär und die Steuerschrauben eng, in Wissenschaft und Forschung fällt das Land zurück. Und so weiter. Da wäre zupackender Pragmatismus nötig und, oh ja, viele Wählende würden dies dankbarer honorieren als die Einführung des Gendersternchens in Behördenformularen. CDU und SPD brauchen wohl das, was Helmut Schmidt einmal „Mut zur Zukunft“ genannt hat.

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