Hass und Hetze im Netz : Wenn Deutsche Deutsche abschieben wollen

Wer sich in sozialen Netzwerken über Rassismus empört, verbreitet ihn. Wer es nicht tut, nickt Tabubrüche ab und verweigert Opfern Solidarität. Ein Kommentar.

Schreien nützt nichts. Auch im Netz muss man cool bleiben.
Schreien nützt nichts. Auch im Netz muss man cool bleiben.Foto: Getty Images/iStockphoto

Wer bei Google die Begriffe „Stöckchen springen“ und „AfD“ eingibt, erhält mehr als 15.000 Treffer. In den meisten Fällen wird davor gewarnt, gezielten Provokationen auf den Leim zu gehen. Man soll bloß nicht über jedes Stöckchen springen, das die Rechten einem hinhalten, heißt es.

Die Warnungen sind berechtigt, verpuffen aber ebenso oft, wie sie vorgebracht werden. Das liegt an einer heimtückischen Regel der modernen Kommunikation. Wer sich in den sozialen Netzwerken über Unsinn empört, verbreitet ihn. Wer sich über Menschenverachtung empört, verbreitet sie. Wer sich über Rassismus empört, verbreitet ihn. Wer sich über Geschichtsrevisionismus empört, verbreitet ihn.

Wer all das aber nicht tut, lässt Hass und Hetze unwidersprochen stehen, verweigert den Opfern die Solidarität, entlarvt Lügen nicht mehr als Lügen, nickt Tabubrüche reaktionslos ab. Provokationen entfalten ihre stärkste Wirkung, wenn sich der Provozierte wehrt. Je energischer er sich wehrt, desto bekannter wird die Provokation.

Hätte sich niemand über Alexander Gaulands Bezeichnung von „Hitler und den Nazis“ als „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte erregt, wäre dieser Begriff nicht eingesickert in den Diskussionsraum. Nun ist er es, zwar negativ konnotiert, aber jederzeit abrufbar. Es ist schwer, diesem Dilemma zu entgehen.

Im Visier sind Hayali, Chebli, Akyün und Yücel

Das zeigt auch eine Kampagne, die am vergangenen Mittwoch unter dem Hashtag „AbschiebeChallenge“ gestartet worden war. Rassistische Deutsche posieren mit einem Plakat, auf dem der Name eines Menschen steht, den sie gerne ausweisen würden. Das sind Landsleute mit deutscher Staatsangehörigkeit, von denen der Eindruck entstehen soll, irgendwie nicht dazuzugehören. Die Angriffe richten sich gegen Berlins SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli, die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, die Autorin Hatice Akyün, die auch für den Tagesspiegel schreibt und den Journalisten Deniz Yücel.

Die Zahl der rassistischen Akteure war zwar gering, wie Ayla Mayer von „Spiegel Online“ schreibt, doch die geballte Ladung aus Abscheu und Wut über die Kampagne plus Solidarität mit den Betroffenen bewirkte, dass die Aktion ein lautes Echo fand. Was einige Radikale geschickt platzierten, wurde durch massive Gegenwehr aufgepumpt. Die NPD jubelt bereits: Die „AbschiebeChallenge“ gehe viral. Weil Twitter die Abschiebe-Tweets nicht löscht, richtet sich der Protest nun gegen das Medium, der Hashtag heißt „TwitterDuldetNazis“.

Was tun? Das weiß keiner genau. Endgültig vorbei ist die Zeit, als Unangenehmes oder Heikles vom Publikum ferngehalten werden konnte. Im Internet-Zeitalter lässt sich nichts mehr ausblenden. Transparenz statt Ignoranz. Die beste Maxime lautet wohl: nüchtern, sachlich, unaufgeregt, kühl bleiben. Auch ironisierende Distanz kann helfen. Erst wenn sich das Gesicht des Provozierten zornesrot färbt, hat der Provokateur gewonnen.

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