Alles ist auf der Insel schwierig

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Helgoland : Weil der Wind sich dreht
Die lange Anna - ein vorgelagerter Felsen, den vor allem die Vögel schätzen. Seit 100 Jahren gibt es eine Vogelwarte auf der Insel, weil dort schon immer Seevögel im Buntsandstein des frühen Erdmittelalters (Trias) genistet haben.Alle Bilder anzeigen
Foto: ddp
14.09.2012 18:14Die lange Anna - ein vorgelagerter Felsen, den vor allem die Vögel schätzen. Seit 100 Jahren gibt es eine Vogelwarte auf der...

Und sie wurden. Ende 2009 ließ der norddeutsche Energieversorger Eon Hanse in nur zwölf Tagen ein 53 Kilometer langes Seekabel von St. Peter Ording aus nach Helgoland verlegen. Seither bezieht die Insel ihren Strom aus dem Festlandstrommix. Wobei Eon Hanse behauptet, der meiste Strom für Helgoland komme aus Windparks in Dithmarschen. Gelegentlich kommt er aber wohl auch aus dem Atomkraftwerk Brokdorf, nämlich dann, wenn es in Schleswig-Holstein windstill ist.

Die Kabellösung fiel in die Amtszeit von Singers Vorgänger im Bürgermeisteramt, Frank Botter. Und gefiel dem. Der gebürtige Helgoländer hielt nicht allzu viel von erneuerbaren Energien. Doch nach seiner Ablösung als Bürgermeister fand er einen neuen Job bei der Firma Schramm Group, die auf Helgoland gerade zwei Appartementhäuser für das Wartungspersonal des Energieriesen RWE baut. Nun sieht also auch Frank Botter seine Zukunft in der Windkraft – zumindest indirekt.

Dass RWE auf der Insel zu tun hat, liegt indes am Nachfolger, an Jörg Singer und den Offshore-Visionen, die die Energiebranche beflügeln. Drei Konzerne, RWE, Eon und Wind MW, hinter dem der Investmentfonds Blackstone steckt, wollen Helgoland zu ihrem Service- und Wartungsstandort ausbauen. Die drei Windparks, Nordsee Ost (RWE), Amrumbank West (Eon) und Meerwind (Wind MW) sollen von Helgoland aus betreut werden. Bürgermeister Singer ist überzeugt davon, dass dieses Geschäft auch die Inselkasse füllen wird. Jedenfalls wird seit Juli der neue Offshore-Hafen gebaut, und manches Hotel freut sich über belegte Betten in Herbst und Winter.

Und da Helgoland nicht nur mit der Stromversorgung ein Problem hat, sondern auch mit der Wärmeversorgung, könnten schon bald am Hafen in Helgoland doch wieder zwei Windräder errichtet werden. Mit einer Leistung von jeweils 2,5 Megawatt sollen sie Strom erzeugen, der dann über einen Elektrokessel warmes Wasser für das Fernwärmenetz produziert, sagt Singer.

Seit März fördert das Bundesumweltministerium mit knapp 34 000 Euro ein neues Klimaschutzkonzept für Helgoland. Singer schwebt vor, die Insel kohlendioxidfrei zu machen. Allerdings sind das Beratungsbüro und die Ortsverwaltung sich noch nicht einig darüber, ob die CO2-Emissionen der Tages- und Übernachtungstouristen und der Schiffe oder Flugzeuge, mit denen sie anreisen, in die eigene Kalkulation einbezogen werden oder nicht. Das Thema dürfte auch in den Bürgerversammlungen über den aktuell erarbeiteten Regionalentwicklungsplan für die Insel zur Sprache kommen.

Helgoland
Die lange Anna - ein vorgelagerter Felsen, den vor allem die Vögel schätzen. Seit 100 Jahren gibt es eine Vogelwarte auf der Insel, weil dort schon immer Seevögel im Buntsandstein des frühen Erdmittelalters (Trias) genistet haben.Alle Bilder anzeigen
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14.09.2012 18:14Die lange Anna - ein vorgelagerter Felsen, den vor allem die Vögel schätzen. Seit 100 Jahren gibt es eine Vogelwarte auf der...

In diesem Sommer sind jedenfalls tagtäglich sechs Mal schwarze Rauchsäulen auf die Insel zugesteuert. Sechs Schiffsverbindungen täglich bringen die Touristen auf die Insel und nehmen sie oft am selben Tag wieder mit zurück aufs Festland. Und die Fähren tanken nach wie vor Schweröl, die schmutzigste Variante eines Treibstoffs. Singer hofft, dass die Bemühungen anderer Häfen, mit Emissionsvorgaben einen Umstieg auf Gas-Elektromotoren anzuregen, „erfolgreich sind“. Jedenfalls wäre das „für ein sauberes Image von Helgoland“ von Vorteil.

Das sehen auch die Insulaner so, die fast alle mehr oder weniger direkt vom Tourismus leben. Oder davon, dass sie ihre freien Zimmer an Angestellte der Technologiekonzerne vermieten. Oder von der Wissenschaft. Etwa der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) des Alfred-Wegener-Instituts für Meeresforschung, die hier mitten im Meer nach Antworten auf Klimafragen sucht.

Die BAH, nicht die Verwaltung, war es auch, die den ersten zarten Versuch einer Wiederannäherung an die Windenergie machte. Das liegt an Karen Wiltshire, Jahrgang 1962, einer Irin, die auf Helgoland lebt und Chefin der BAH ist. Sie möchte jedenfalls nicht nur den Klimawandel erforschen, sondern auch Vorbild sein. Dafür will sie ihre Forschungseinrichtungen klimaneutral sanieren und dafür fünf Millionen Euro investieren. Noch bevor sie sich aber an die kostenträchtigen Sanierungen wagte, brachte sie 2011 das erste Windrad seit Growian zwei auf die Insel. Das 15 Meter hohe Mikrowindrad hat vertikale Rotoren, die sich quer zum Mast drehen. Es ist besonders leise und kann auch dann Strom produzieren, wenn der Wind sich zum Sturm wandelt. Rund 35 000 Euro hat die BAH in das Windrad investiert, das nun den Strombedarf für das Gästehaus deckt, in dem knapp 50 Studenten untergebracht sind.

Wiltshire hat das Windrad absichtlich ganz in der Nähe ihrer eigenen Wohnung errichten lassen, um bei den Helgoländern keine Zweifel an dessen Verträglichkeit aufkommen zu lassen. Und Vögel haben sich bisher auch von der Anlage ferngehalten. „Hier sterben mehr Vögel, weil sie gegen große Glasscheiben fliegen“, sagt Wiltshire. Und so hat wohl auch sie ihren Anteil daran, dass sich gegen die geplanten neuen Windräder bisher kein Widerstand auf der Insel regt.

Dabei ist es nicht so, dass die alt und grau gewordenen Helgoländer einfach nur des Widerspruchs überdrüssig geworden sind. Als ihr neu gewählter Bürgermeister ihnen den kühnen Plan des Hamburger Unternehmers Arne Weber nahelegte, Helgoland mit seiner vorgelagerten Düne über eine Landaufschüttung zu verbinden und damit Fläche zu gewinnen, und sie dafür begeistern wollte, sagten die in einem Volksentscheid deutlich Nein, danke. Der Bürgermeister war darüber ziemlich enttäuscht. Denn Platz gibt es auf Helgoland nicht allzu viel, und mehr Platz wäre die Voraussetzung für jegliches Mehr: mehr Touristen, mehr Einwohner, mehr los.

Die Einzigen, die sich mit Vergnügen vom Wind beflügeln lassen und sich auch an der Unzugänglichkeit der Insel und ihrem mangelnden Platzangebot nicht stören, sind die Robben und die Vögel. Die Robben haben sich inzwischen an die vorrückenden Touristen derart gewöhnt, dass sie für Fotos freundlich regungslos im Sand liegen bleiben. Und die Vögel?

Seit nunmehr 100 Jahren gibt es das Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ auf der Insel. Die Tiere nisten auf der Langen Anna, dem schmalen Felsen im Nordwesten, und an den anderen Felswänden. Riesige Brutkolonien finden sich dort im Sommer. Früher war die hier vorherrschende Art die der Trottellumme, heute haben dort die Tölpel das Sagen. Aber beide Namen klingen natürlich kaum so, als wolle man sich bei den so Bezeichneten etwas fürs Überleben auf dem Eiland abgucken.

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