• Hongkong darf sich nicht mehr erinnern: Gedenken an Pekinger Tiananmen-Massaker ist abgesagt

Hongkong darf sich nicht mehr erinnern : Gedenken an Pekinger Tiananmen-Massaker ist abgesagt

Die Hongkonger können erstmals nicht des Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens 1989 gedenken – wegen Corona. Auch künftig könnte es schwierig werden.

Ning Wang
2019 gedachten in Hongkong 180.000 Menschen der Opfer des Tiananmen-Massakers.
2019 gedachten in Hongkong 180.000 Menschen der Opfer des Tiananmen-Massakers.Foto: imago images / ZUMA Press

Noch nie hat es auf dem Tiananmenplatz in Peking eine offizielle öffentliche Gedenkfeier für die Opfer der Studentenproteste vom 4. Juni 1989 gegeben. Rund 2000 Kilometer weiter südlich jedoch, in Hongkong, erinnern die Menschen seit 30 Jahren an das Massaker. Doch dieses Jahr wird es zum ersten Mal keine Mahnwache in der chinesischen Sonderverwaltungszone für die Opfer des Tiananmen-Massakers geben. Die Hongkonger Polizei der Verwaltungschefin Carrie Lam untersagte die Versammlung, mit Verweis auf die Corona-Pandemie.

Peking hat ein großes Interesse daran, die Erinnerungen an die tödlichen Ereignisse vom 4. Juni 1989 aus dem Gedächtnis der Menschen zu löschen. In den Geschichtsbüchern auf dem Festland findet dieser Tag vor 31 Jahren keine Erwähnung. Die meisten jungen Menschen in China wissen nichts über den Einsatz des Militärs damals. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni machten sich Soldaten der Volksbefreiungsarmee in Panzern auf den Weg von den Außenbezirken Pekings zum Stadtkern am Tiananmenplatz und schossen mit scharfer Munition auf Arbeiter und Anwohner, um den Weg und den Platz freizuräumen.

Zuvor hatten sieben Wochen lang Studenten und Arbeiter aus dem ganzen Land auf dem Platz des Himmlischen Friedens für mehr Reformen demonstriert. Bis heute gehen internationale Menschenrechtsorganisationen von mehreren Hunderten, wenn nicht Tausenden Opfern aus. Jedoch gibt es nach wie vor keine Gewissheit und keine Aufarbeitung. Das Thema bleibt innerhalb Chinas tabu.

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Viele, die innerhalb Chinas noch darüber sprechen könnten, weil sie selbst dabei waren oder Angehörige von Opfern sind, schweigen aus Furcht. Andere, wie die „Mütter des Tiananmen“, deren Kinder in der Nacht zum 4.Juni 1989 getötet oder schwer verletzt wurden, erhalten rund um den Jahrestag Besuch von Sicherheitsbeamten. Dissidenten werden unter Hausarrest gestellt, auch damit Journalisten nicht mit ihnen reden können. In den sozialen Netzwerken wird der Begriff „4. Juni“ gelöscht. Chinas Führung reagiert auch nach mehr als 30 Jahren sehr empfindlich.

Die Wirkung des neuen Sicherheitsgesetzes ist unklar

Fraglich ist, wie das neue Sicherheitsgesetz, das der Nationale Volkskongress auf den Weg gebracht hat, sich für Hongkong und dort auf das Gedenken an das Tiananmen-Massaker auswirken wird. Das Sicherheitsgesetz erlaubt es der Volksrepublik, chinesische Polizisten und Geheimdienste in Hongkong zu stationieren, um „subversive“ und „sezessionistische“ Aktivitäten direkt zu unterbinden. Noch ist unklar, wie weitreichend die Strafverfolgung durch das Sicherheitsgesetz sein wird und wann es in Kraft tritt. Allein diese Ungewissheit hat bei vielen Aktivisten in Hongkong dazu geführt, dass sie chinakritische Anmerkungen auf Facebook oder Twitter gelöscht haben.

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Nach Angaben der Organisatoren waren 2019 in Hongkong fast 180 000 Menschen in den Victoria-Park zur Mahnwache gekommen. Dieses Jahr schlagen sie den Teilnehmern vor, in Gruppen von bis zu acht Menschen zu demonstrieren, da dies nicht unter das Corona-bedingte Versammlungsverbot fällt. Für 2021 wird befürchtet, dass Versammlungen zum Gedenken an den 4. Juni vollkommen untersagt werden könnten.

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