Politik : In Sichtweite

Im Kampf ums Präsidentenamt schrumpft der Vorsprung von Hillary Clinton gegenüber Barack Obama

Christoph Marschall[Washington]

Es wird kein Spaziergang für die First Lady ins Weiße Haus. Hillary Clinton führt in den Umfragen zwar deutlich vor ihren innerparteilichen Konkurrenten um die Präsidentenwahl 2008. Aber dieses Wochenende zeigte, wie sehr die Kampagne des schwarzen Senators Barack Obama an Fahrt gewinnt. In Selma, Alabama, einem Pilgerort der Bürgerrechtsbewegung, warben Hillary und Obama am Sonntag in zwei Kirchen, nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, um die Stimmen der Schwarzen. Sie rief ihren Mann Bill zu Hilfe, um sich dank seiner Popularität zu behaupten.

Kalifornien, Amerikas größter Bundesstaat, ist dabei, den Termin seiner Vorwahlen von Juni auf den 5. Februar vorzuverlegen – was die gewohnten Gesetzmäßigkeiten der Kandidatenkür stark verändern dürfte, vermutlich zugunsten des schwarzen Senators. Und Obama hat ein Abkommen mit dem republikanischen Bewerber John McCain über die Begrenzung der Wahlkampfkosten erzielt. Das ist ein Coup, der Hillary politisch unter Druck setzt – Obama opponiert stärker gegen den Irakkrieg und verteidigt „linke“ Prinzipien vehementer als sie, dennoch erreicht er überparteilich Einigung mit Republikanern. Zugleich bedroht er einen ihrer strategischen Vorteile: Zugang zu vermögenden Spendern.

Selma, Alabama, 7. März 1965. Eine Großdemonstration zur Durchsetzung gleicher Stimmrechte für schwarze Bürger wird an der Edmund Pettus Bridge von State Troopern blutig gestoppt. Jedes Jahr reisen hohe Politiker an, um die Erinnerung an den „Bloody Sunday“ gemeinsam mit der Widerstandsikone John Lewis und Veteranen der Bürgerrechtsmärsche der 60er Jahre zu begehen. Anderswo gibt es „Halls of Fame“ für die größten Baseball- oder Football-Spieler. Selma hat eine Ruhmeshalle für die Helden der schwarzen Emanzipation. An diesem Sonntag, 42 Jahre nach Bloody Sunday“, wird Bill Clinton aufgenommen.

Bis vor wenigen Tagen war die Strategie: Bill kommt nicht persönlich, Hillary nimmt die Ehrung für ihn entgegen. Die Clintons treten selten gemeinsam auf. Er soll keine Aufmerksamkeit von ihr abziehen. Dann wurde bekannt, auch Obama spricht in Selma. Plötzlich war Bill an Bord, es ist der erste gemeinsame öffentliche Auftritt, seit Hillary ihre Kandidatur erklärt hat. Sie leiht sich sein Charisma. Solo sinken ihre Umfragewerte.

Im Januar lag Hillary unter Schwarzen mit 60 zu 20 Prozent vor Obama – aus drei Gründen. Er war noch nicht so bekannt und hatte zu wenig um Unterstützung schwarzer Autoritäten geworben. Es hieß, er sei „nicht schwarz genug“ – als Sohn einer weißen Mutter und eines Einwanderers aus Kenia habe er nicht die USA-typische Diskriminierung erfahren. Und Hillarys Popularität lebte von der Erinnerung an Bill. Inzwischen ist Obama fast täglich im Fernsehen, 70 Prozent der Schwarzen haben ein positives Bild von ihm, Hillarys Vorsprung bei ihnen ist auf 44 zu 33 Prozent geschrumpft. Dieses Elektorat ist strategisch wichtig – nicht so sehr landesweit, nur zwölf Prozent der Bevölkerung sind Schwarze. Aber in wichtigen Schlüsselstaaten mit frühen Vorwahlen wie South Carolina stellen sie die Hälfte der Demokraten, die entscheiden, wer für die Partei kandidieren soll.

Und nun greift auch noch Kalifornien in den Fahrplan ein. Für die jüngeren Staaten im Westen der USA ist es schon lange ein Ärgernis, dass sie so wenig Einfluss auf die Kandidatenkür haben. Die ersten Vorwahlen finden ab Januar im Osten statt: New Hampshire, Iowa, South Carolina – mit einer Ausnahme: Nevada. Wenn die bevölkerungsreichen Staaten Monate später wählen, ist die Entscheidung längst gefallen. Kalifornien führt die Reformbewegung an. Bisher war das Traditionsargument stärker. Amerika hat große Ehrfurcht vor dem etablierten System und scheut jede Änderung.

Aber nun ist der Trend nicht mehr aufzuhalten. Kaliforniens Gesetzesentwurf über die Vorverlegung auf den 5. Februar liegt bereit, Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat angekündigt zu unterzeichnen. Weitere Staten wie Arizona, Florida, Arkansas und New Jersey sind auf demselben Weg. 2008 wird es neue, frühe „Big Tuesdays“ geben. Wie einst im Goldrausch erlebt Amerika einen neuen „Rush to California“. Die wichtigen Kandidaten beider Parteien reisen in diesen Wochen mehrfach dorthin.

Kalifornien liebt Obama. Den Wettbewerb um die Millionenspenden aus Hollywood und die Unterstützung der Stars wie Jennifer Aniston, George Clooney, Denzel Washington, Tom Hanks oder Steven Spielberg hat er vorerst für sich entschieden. Halle Berry versprach, sie sei bereit, „Müll von den Straßen zu sammeln, um ihm den Weg frei zu machen“.

Zwischenstand elf Monate vor den Primaries: Hillary ist berühmter, hat mehr Geld und Bill. Obama ist der Medienstar.

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