Interview : „Deutschland ist in der Ostsee gefragt“

Estlands Botschafter in Berlin, Mart Laanemäe, über die Bedrohung des Baltikums und die strategische Bedeutung der Ostsee.

Ulrike Scheffer
Estlands Botschafter in Deutschland: Mart Laanemäe
Estlands Botschafter in Deutschland: Mart LaanemäeFoto: promo

Herr Botschafter, die Nato nimmt die Ostsee stärker in den Blick. Der Schutz des Baltikums steht dabei besonders im Fokus. Wie sehr sehen sich Estland und seine Nachbarn bedroht?
Wir beobachten natürlich sehr genau, was in der Nachbarschaft passiert. Weniger als 100 Kilometer von unseren Grenzen entfernt hat Russland rund 10 000 Soldaten stationiert. Das sind motorisierte Einheiten und Spezialtruppen, die im Prinzip zwar schon immer dort gewesen sind, Russland hat in letzter Zeit aber seine Fähigkeit ausgebaut, sehr viele Truppen sehr schnell hin und her zu bewegen. Und wenn kurzfristig zusätzliche Einheiten in Grenznähe verlegt werden oder dort vermehrt Übungen abgehalten werden, dann beunruhigt uns das schon. Zumal Unklarheit über die Ziele all dieser Truppenbewegungen herrscht.

Gibt es auch in der Ostsee verstärkte militärische Aktionen Russlands?
Bisher ist es in der Ostsee friedlich. Russland ist hier natürlich präsent, fährt mit Kriegsschiffen etwa von St. Petersburg nach Kaliningrad. Und wir sehen eine zunehmende Militarisierung der russischen Exklave und des dortigen Seehafens. Deshalb müssen wir der Sicherheitssituation in der Ostsee weiterhin besondere Aufmerksamkeit schenken.

Welche Bedeutung hat die Ostsee für die baltischen Staaten?
Sie stellt für uns eine wichtige Versorgungslinie dar. Der zwischen Kaliningrad und Weißrussland gelegene Landkorridor, also die litauisch- polnische Grenze, die das Baltikum mit dem Rest Europas verbindet, ist sehr eng und noch dazu nicht gut ausgebaut. Die alte Infrastruktur verlief ja über Kaliningrad. Es ist daher bis heute sinnvoll, größere Transporte ins Baltikum auf dem Seeweg abzuwickeln. Auch Finnland ist auf dem Landweg praktisch abgeschnitten. Die Schiffsverbindungen auf der Ostsee sind also enorm wichtig.

Welche Erwartungen haben Sie an die Nato?
Die Nato unterstützt uns bisher vor allem durch ihre rotierende Truppenpräsenz und die Luftraumüberwachung, die wir allein nicht leisten können. In der Ostsee steht noch immer die Minensuche im Vordergrund, um den Seeverkehr zu sichern. Dass Russland dort mit großen Kriegsschiffen unterwegs ist, stellt kein Problem dar, solange sich diese friedlich bewegen. Aber man muss das natürlich beobachten und militärische Vorkehrungen treffen.

Deutschland kommt bei der Überwachung der Ostsee eine Führungsrolle zu. Ist das ein Problem?
Überhaupt nicht. Deutschland hat – abgesehen von Russland – die größte Marine aller Ostsee-Anrainer und ist daher natürlich gefragt, wenn die Nato dort mehr Präsenz zeigen will. Die Bundeswehr führt außerdem das in Litauen stationierte Nato-Bataillon und ist sehr aktiv bei der Luftraumüberwachung im Baltikum. Die Bundeswehr hat hier bisher die meisten Einsätze geflogen.

Müsste sich Estland als IT-Vorzeigeland nicht vielmehr vor Cyberangriffen fürchten als vor einem konventionellen Krieg?
Vor etwa zehn Jahren gab es tatsächlich größere Cyber-Angriffe auf unsere IT-Infrastruktur. Danach haben wir aber eine entsprechende Abwehr aufgebaut, durch die wir weitere Angriffe abfangen konnten. Versuche gibt es weiterhin. Wenn man jemanden einschüchtern will, ist es außerdem noch immer wirksamer, Truppen aufmarschieren zu lassen oder im Fernsehen Bilder von Kriegsschiffen zu zeigen. Wenn es um psychologische Kriegsführung geht, sind die klassischen Methoden noch immer die besten.

Mart Laanemäe vertritt Estland in Deutschland. Er verlässt sich auf die Solidarität der Nato.

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