Ägypten als neue Terrorismus-Drehscheibe

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Interview mit Hans-Georg Maaßen : „Der Dschihad wird entgrenzt“
Hans-Georg Maaßen.
Hans-Georg Maaßen.Foto: picture alliance / dpa

Im August blieb es bei den provokativen Auftritten von Anhängern der islamfeindlichen Pro-Bewegung in Berlin ruhig, obwohl die umstrittenen Mohammed-Karikaturen gezeigt wurden. Hat die salafistische Szene ihre Taktik geändert?

Erstaunlich war, dass es für diese Veranstaltungen keine Mobilisierung über soziale Netzwerke gab und Aufrufe von salafistischen Protagonisten fehlten. Zudem waren in Berlin die Rädelsführer der Krawalle von Solingen und Bonn nicht anwesend. Schließlich war die Berliner Polizei gewarnt und massiv präsent.

Außer dem Österreicher Mahmoud haben sich weitere Salafisten nach Ägypten abgesetzt. Was treiben die da?

Ägypten wird mehr und mehr zum Reiseziel für Dschihadisten, das bereitet uns besondere Sorge. Die Zahl der Ausreisen aus Deutschland hat stark zugenommen. Allein von Januar bis Ende August 2012 haben wir die Ausreise von 23 Personen aus Deutschland nach Ägypten registriert. Das ist jetzt schon eine Verdopplung der Zahl aus dem gesamten Jahr 2011. Und schätzungsweise 30 weitere, die nach Ägypten wollen, sitzen auf gepackten Koffern. Hinzu kommt, dass Islamisten früher aus anderen Gründen nach Ägypten reisten. Bislang ging es vorwiegend darum, die arabische Sprache zu lernen.

Und nun wird das Land am Nil zur neuen Drehscheibe des islamistischen Terrors?

Wir befürchten, dass Ägypten aufgrund der starken islamistischen Kräfte dort zur Drehscheibe für Salafismus und Terrorismus werden könnte. Mahmoud konnte eine Art Brückenkopf aufbauen und dabei örtliche Strukturen nutzen. Ägypten spielt zudem eine Rolle als Transitland in Richtung Somalia, Maghreb oder Mali.

Denis Cuspert ist ebenfalls nach Ägypten gereist und hat in einem Video, das kürzlich das ZDF in Teilen ausstrahlte, Anschläge in Deutschland angekündigt . . .

Von dem Ex-Rapper selbst dürfte zwar nur begrenzte Gefahr ausgehen, aber eine viel größere steckt in seiner Botschaft. Cuspert hat Deutschland zum Kriegsgebiet erklärt. Das kann dazu führen, dass sich junge Männer, die sich auf dem Weg der Radikalisierung befinden, animiert fühlen könnten zu Selbstmordanschlägen oder zu Attentaten nach dem Muster von Arid Uka. Das Video wurde allerdings bislang nicht über die einschlägigen Kanäle im Internet veröffentlicht.

Wie viele Islamisten sind in diesem Jahr nach Wasiristan und in andere Dschihad-Regionen gereist?

Generell hat die Zahl der Reisen an die bisher bekannten Dschihad-Schauplätze erheblich abgenommen und bewegt sich jeweils im niedrigen einstelligen Bereich. So gilt die die Region Wasiristan als zu entbehrungs- und risikoreich. Auch wenn die Zahl der Reisen nach Somalia geringfügig angestiegen ist, ist hier kein neuer Ausreisetrend zu erkennen. Über Ausreisen in Richtung Mali, wo Islamisten den Norden besetzt halten, haben wir bislang keine Erkenntnisse. Auch der Irak spielt als Reiseziel keine Rolle. Und Personen, die aus Deutschland nach Syrien gereist sind, wollen zwar das Assad-Regime bekämpfen, gehören aber nicht zum Spektrum der Dschihadisten.

Welche Formation von Al Qaida ist für Deutschland besonders gefährlich? Der Kern in Wasiristan oder einer der Ableger und Verbündeten im Nahen Osten und in Afrika?

Die so genannte Kern-Al Qaida in Wasiristan ist zwar durch den Tod Osama bin Ladens und die vielen Drohnenangriffe geschwächt - aber der Fall der Düsseldorfer Zelle, die schwere Anschläge plante, belegt, dass Kern-Al Qaida weiterhin operativ im Ausland tätig ist. Besonders gefährlich ist auch Al Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAH), die an Bedeutung gewonnen hat. Von hier wird nicht nur der individuelle Dschihad propagiert. AQAH hat bereits 2010 vom Jemen aus Paketbomben als Frachtgut in Flugzeugen verschickt. Eine Bombe wurde unerkannt im Flughafen Köln-Bonn in Richtung Großbritannien umgeladen. Al Qaida im Maghreb (AQM) hat durch den Arabischen Frühling an Einfluss gewonnen. Mittelfristig kann AQM eine Bedrohung für die Staaten der Region werden und gefährdet schon jetzt deutsche Interessen in Nordafrika.

Bedroht wurde Deutschland auch durch andere Terrorgruppen in Wasiristan.

Die Islamische Bewegung Usbekistans spielt wegen der Propaganda der aus Bonn stammenden Chouka-Brüder eine Rolle. Im Vergleich dazu hat die ebenfalls usbekische Islamische Dschihad Union, von der die Sauerlandgruppe mit Anschlägen in Deutschland beauftragt wurde, an Bedeutung eingebüßt. Hinweise auf Taliban-Strukturen in Deutschland haben wir nicht, deutsche Institutionen in Afghanistan bleiben weiterhin gefährdet. Generell ist zu sagen, dass die Gefahr, dass in Deutschland ein Angriff vom Ausmaß des 11. September stattfindet, gering erscheint. Auch weil die Sicherheitsbehörden national wie international besser aufgestellt sind als vor über elf Jahren.

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