Steinbrück contra doppelten Regierungssitz in Berlin und Bonn

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Interview mit Peer Steinbrück : „Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage“
Aber auch mit seinem Hobby gerät der Politiker dieses Jahr in die Schlagzeilen. Für ein privates Schachturnier hatte er 2006 als Bundesfinanzminister für Spendengelder in Millionenhöhe geworben. Auch wenn diese damals nicht gewährt wurden, sahen viele Kritiker einen Amtsmissbrauch in diesem Vorgehen.Weitere Bilder anzeigen
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02.10.2012 15:15Aber auch mit seinem Hobby gerät der Politiker dieses Jahr in die Schlagzeilen. Für ein privates Schachturnier hatte er 2006 als...

Das zentrale Wahlversprechen der SPD soll eine einheitliche Lohnuntergrenze werden. Wann wird es den Mindestlohn geben?

Wenn wir die Wahl gewinnen, dann wird die Einführung des flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohnes zu den ersten Maßnahmen unseres 100-Tage-Programms gehören.

Wie vielen Menschen wird das den Gang zum Sozialamt trotz eines Vollzeitjobs ersparen?

Ich kann keine Zahlen dazu nennen. Aber ein Mindestlohn von 8,50 Euro in ganz Deutschland wird insbesondere sehr vielen Frauen und und auch Männern vor allem im Osten helfen, die bis jetzt weit unter 8,50 Euro verdienen. Diese grotesken Verhältnisse müssen ein Ende haben.

Die Warnungen von Unternehmen vor Insolvenzen schrecken Sie nicht?

Nein. Es gibt in vielen unserer Nachbarländer Mindestlöhne und auch in Deutschland gibt es sie in einzelnen Branchen. Trotzdem ist es weder dort noch hier zum Weltuntergang gekommen, den die Unternehmerverbände ankündigen, wenn es einen flächendeckenden Mindestlohn geben sollte. Zum Zusammenhalt der Gesellschaft, von dem ich gesprochen habe, gehört es, dass in diesem Land niemand, egal wo er wohnt oder wie alt er ist, für weniger als 8,50 Euro Stundenlohn arbeiten gehen muss. Ein Betrieb, der Mitarbeiter mit 4 bis 5 Euro nach Hause schickt und die nötige Aufstockung dem Steuerzahler aufbürdet, der hat kein funktionierendes Geschäftsmodell.

Dieses Interview, Herr Steinbrück, führen wir in Ihrer Heimatstadt Bonn. Auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland teilen sich die Bundeshauptstadt Berlin und Bonn die Regierungsarbeit. Wie lange wird es noch Bundesministerien am Rhein und Ministerialbeamte geben, die jede Woche zwischen Bonn und Berlin hin- und herpendeln?

Auch bei diesem Thema gilt für mich: Ich sage, was ich denke und für richtig halte. Das mag hier in Bonn nicht jeder gut finden. Die Zeiten von doppelten Standorten der Ministerien werden irgendwann zu Ende gehen. Der bereits beschrittene Weg, Ministerialverwaltungen in oberste Bundesbehörden zu überführen bietet sich als Lösung an, unter Beachtung der den Beschäftigten gegebenen Zusagen. Bonn bleibt Bundesstadt und UN-Standort, aber der Platz der politischen Entscheider ist Berlin.

Volkswirt und Politiker

Peer Steinbrück wurde 1947 in Hamburg geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Kiel. Zunächst war er Minister für Wirtschaft, Technik und Verkehr in Schleswig-Holstein, dann erst Wirtschafts-, später Finanzminister und schließlich von 2002 bis 2005 Regierungschef einer rot-grünen Koalition in Nordrhein-Westfalen.

Finanzminister für harte Zeiten

Von 2005 bis 2009 war Steinbrück Finanzminister der großen Koalition unter Führung von Kanzlerin

Angela Merkel. Im In- und Ausland wurde seine Kompetenz bei der Bewältigung der Finanzmarktkrise geschätzt.

Kandidat der SPD für das Kanzleramt

Mitte Dezember 2012 hat die SPD Peer Steinbrück in Hannover zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2013 ernannt. Für seine Bewerbungsrede erhielt er sehr viel Beifall – trotz der Querelen, die es im Vorfeld wegen seiner zahlreichen und gut bezahlten Vorträge vor Bankmanagern und im Auftrag von kommunalen Unternehmen gab.

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